Erfahrungsbericht: Wie die Nannen-Schule mein Leben prägt
Die Henri-Nannen-Schule gilt als eine der renommiertesten Journalistenschulen Deutschlands. Khuê Pham, 27, absolviert derzeit die Ausbildung. Sie erzählt, was nach dem harten Auswahlverfahren auf die Jungjournalisten zukommt.
Khuê Pham, geboren 1982. Studierte Soziologie in London und arbeitete als freie Journalistin in Berlin, bis sie Anfang 2009 an die Henri-Nannen-Schule kam. Stationen bei SPIEGEL ONLINE, "Zeit", "Berliner Zeitung" und ausländischen Medien.
Neun Uhr abends, wir sitzen immer noch in der Schule. Haben ja nichts Besseres zu tun als zu arbeiten, wir Nannen-Schüler. "Kannst du mal gegenlesen?", frage ich meinen Bürokollegen und gebe ihm einen Text. Ist ja klar, was jetzt kommt: Kritik, Kritik, Kritik.
"Ich finde 'donnern' zu lautmalerisch in diesem Satz…", sagt er. Was würde ich nur ohne meine lieben Mitschüler tun? Wahrscheinlich denken, ich könnte schreiben.
Seit über einem Jahr bin ich an der Hamburger Journalistenschule. Eigentlich wollte ich nur lernen, wie man einen guten Text schreibt. Jetzt bin ich ein Nannenkind mit 19 neuen Geschwistern (den Mitschülern), einem Ziehvater (dem Schulleiter) und knapp 600 Verwandten (meinen Vorgängern). Ihre Bilder hängen in einer Ahnengalerie im Schulflur, darunter stehen Namen, von denen ich viele täglich in der Zeitung lese.
Wolf Schneiders Mitgift: "Qualität kommt von Qual"
Seit dem Lehrgangsstart an der Henri-Nannen-Schule habe ich ein neues Lebensmotto: Qualität kommt von Qual. Es stammt vom ersten Leiter unserer Schule, Wolf Schneider. Nannenschüler, predigte er bei einem Kurzbesuch, schreiben auf die Zeile genau, kommen immer pünktlich und werden nie krank. Sie vermeiden Sprachmüll, wissen Tatsache von Mutmaßung zu trennen, und verfassen sie eine Reportage, haben sie ein cineastisches Faible: Dann gilt es nämlich, das "Kino im Kopf" anzukurbeln.
Wir haben aber auch Spaß. Zum Beispiel, wenn wir Videos anschauen, die wir im Multimedia-Seminar produziert haben. Oder wenn wir Klassenpartys schmeißen und zu YouTube-Videos abrocken. Wir verstehen uns ziemlich gut, wir 20 Geschwister.
Nur die Verlagskrise vermiest uns die Laune. Es ist nicht gerade aufmunternd, eine journalistische Ausbildung zu machen und immer wieder zu hören, dass Stellen gestrichen und Redaktionen verkleinert werden. Aber wir sind halbwegs optimistisch. Was bleibt uns auch anderes übrig?
Ende Juni verlassen wir den Schoß der Schule. Dann ist Schluss mit Kaffeedienst, Rundmails und Mittagessen in der Gruner+Jahr-Kantine. Wahrscheinlich wird mir sogar die blöde Pausenklingel fehlen. Schon komisch, was die Nannen-Schule aus einem macht.
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In den nächsten Folgen: die Deutsche Journalistenschule in München, die RTL-Journalistenschule in Köln, die Axel-Springer-Akademie, die Evangelische Journalistenschule in Berlin sowie die Zeitenspiegel Reportageschule in Reutlingen.
Teilnehmer: 20
Bewerber: rund 2000
Dauer: 18 Monate
Kosten/Vergütung: keine/ 761 Euro monatlich
Voraussetzungen: bei Ausbildungsbeginn Mindestalter 19 Jahre, Höchstalter 27 Jahre
Träger: Gruner+Jahr-Verlag, "Zeit"-Verlag und finanzielle Förderung durch den SPIEGEL
Ablauf der Ausbildung: 32 Wochen in der Schule, 37 Wochen Praktika in vier verschiedenen Redaktionen, acht Wochen Urlaub (davon eine Woche Reise des ganzen Lehrgangs)
Ablauf der Bewerbung: Bewerber schreiben binnen zwei Wochen zu vorgegebenen Themen je eine Reportage und einen Kommentar, die sie inklusive Recherche-Protokoll einsenden. Die 80 besten Autoren werden Mitte 2011 zur dreitägigen Finalrunde nach Hamburg eingeladen: zu Wissens- und Bildertest, einer Textübung, dem Auswahlgespräch, Recherche und Schreiben einer Reportage. Die besten 20 erhalten einen Platz an der Henri-Nannen-Schule (nächster Lehrgangsbeginn: Januar 2012)
Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter: SPIEGEL-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, Gabriele Fischer (Gründerin des Wirtschaftsmagazins "Brand eins"), Christoph Keese (Konzerngeschäftsführer "Public Affairs" der Axel Springer AG), Schriftstellerin Ildikó von Kürthy, RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, der Außenpolitikchef der "Süddeutschen Zeitung" Stefan Kornelius
im Internet: http://www.journalistenschule.de
Kompaktkurs
Teilnehmer: 15
Bewerber: k.A.
Dauer: 16 Monate, startet im November
Kosten/Vergütung: keine/ keine
Voraussetzungen: Höchstalter 28 Jahre
Ablauf der Ausbildung: neun Monate praktische Ausbildung in Print, Radio, Fernsehen, täglich von früh bis spät, anschließend ein Monat frei, gefolgt von zwei dreimonatigen Praktika
Masterkurs
Teilnehmer: 30
Bewerber: k.A.
Dauer: 24 Monate, startet im Oktober
Kosten/Vergütung: keine/ keine
Voraussetzungen: Höchstalter 30 Jahre
Ablauf der Ausbildung: erstes Halbjahr: Start im Masterstudium Journalismus an der LMU München; zweites und drittes Halbjahr: ab Februar für ein Jahr ganztägige praktische Ausbildung in Print, Radio, Fernsehen und erstes Praktikum; viertes Halbjahr: zweites Praktikum und Masterarbeit
Ablauf der Bewerbung: Am 1. Dezember verschickt die DJS die Bewerbungsunterlagen an alle Interessenten. Einsendeschluss Bewerbungsreportage: Mitte Januar. Ende März werden für Master- und Kompaktkurs je 50 Kandidaten eingeladen. Ende April folgt das Auswahlwochenenden mit Bildertest, Fragebogen, Textprobe und Auswahlgespräch
Träger: Verein mit über 50 Mitgliedern, darunter öffentlich-rechtliche und private Rundfunkanstalten, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, Produktionsfirmen, außerdem Verbände, Gewerkschaften und Parteien. Weitere Zuschüsse vom Bund, Freistaat Bayern und der Stadt München
Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter: RTL-Moderator Günther Jauch, ARD-Moderatorin Sandra Maischberger, Kurt Kister (stv. Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung"), "Stern"-Chefredakteur Andreas Petzold, die Schriftsteller Maxim Biller und Axel Hacke, SPIEGEL-Autor Matthias Matussek, "Neon"-Chefredakteur Timm Klotzek, "Zeit"-Reporter Stephan Lebert, Schriftsteller Jan Weiler
Im Internet: http://www.djs-online.de
Teilnehmer: bis zu 16
Bewerber: rund 400
Dauer: 22 Monate
Kosten/Vergütung: kostenfrei/ keine Vergütung
Voraussetzungen: abgeschlossene Berufs- oder Hochschulausbildung, Höchstalter 32
Ablauf der Ausbildung: Schulblöcke in Crossmedia, Online-Journalismus, crossmediale Grundlagen (14 Wochen), erstes Praktikum, Regionalzeitung oder Agentur (acht Wochen) Internet-Lehrredaktion (vier Wochen), zweites Praktikum, Online-Redaktion (sechs Wochen), Vorbereitung Mitarbeit in der Online- und Nachrichtenredaktion des Evangelischen Kirchentages, Hörfunk-Lehrredaktion (sieben Wochen), Studienreise nach Genf zu internationalen Organisationen und UN-Einrichtungen (eine Woche), drittes Praktikum, Hörfunk (8 Wochen), Lehrredaktion Print I (6 Wochen), viertes Praktikum, überregionale Zeitung/Zeitschrift (8 Wochen), Studienreise nach Brüssel (eine Woche), Lehrredaktion Print II (sieben Wochen), TV-Lehrredaktion (fünf Wochen), fünftes Praktikum, Fernsehen (sechs Wochen)
Ablauf der Bewerbung: schriftlich und mit Arbeitsproben, dann wird eine Auswahl zum Bewerbungsgespräch eingeladen
Träger: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
Absolventen: Redakteure und freie Mitarbeiter bei regionalen und überregionalen Medien, darunter die SPIEGEL-Redakteure Janko Tietz und Daniel Steinvorth sowie Adrienne Woltersdorf, Leiterin der chinesischen Redaktion bei der "Deutschen Welle"
Im Internet: http://www.evangelische-journalistenschule.de
Teilnehmer: 20
Bewerber: 1200
Dauer: zwei Jahre, startet alle sechs Monate, Bewerbung nur einmal pro Jahr
Kosten/Vergütung: keine/ 1200 Euro im Monat
Voraussetzungen: Höchstalter 29 Jahre, mindestens eine Fremdsprache
Ablauf der Ausbildung: sechs Monate Unterricht mit wechselnden Dozenten an der Journalistenschule, sechs Monate "Welt kompakt", zwei Monate "Bild.de", zehn Monate in einer weiteren Redaktion des Verlags, Studienreise nach New York mit Kurs an der Columbia University
Ablauf der Bewerbung: zweistufiges Auswahlverfahren, erste Stufe: Bewerbung mit schriftlicher Reportage, zweite Stufe für die 100 ausgewählten Kandidaten: Beantwortung eines schriftlichen Tests zur Allgemeinbildung, Bildertest, Reportage in Berlin, Persönliches Gespräch mit Mitgliedern der Auswahlkommission
Träger: Axel Springer Verlag
Absolventen: Übernahmechancen in den Redaktionen des Axel Springer Verlags, bekannte Absolventen: "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, Stephan Keil (Redaktionsleiter des dpa-Wirtschaftsdienstes), Kriegsreporter Julian Reichelt, Ex-Regierungssprecher Béla Anda
im Internet: http://www.axel-springer-akademie.de
Teilnehmer: 30
Bewerber: 500
Dauer: zwei Jahre
Kosten/Vergütung: keine/ 770 Euro monatlich, zinsloses Darlehen von 500 Euro monatlich möglich
Voraussetzungen: keine
Ablauf der Ausbildung: Sechs Monate Unterricht mit wechselnden Dozenten an der Journalistenschule, dreizehneinhalb Monate Praktika in Redaktionen bei RTL, viereinhalb Monate Praktika in frei wählbaren Redaktionen, Studienreise nach New York mit Kurs an der Columbia University
Ablauf der Bewerbung: zweistufiges Auswahlverfahren, erste Stufe: Bewerbung mit schriftlicher Reportage, zweite Stufe für die 100 besten Kandidaten: Beantwortung eines schriftlichen Tests zur Allgemeinbildung, Bildertest, Reportage- und Rechercheübung in Köln, Übung zur Bearbeitung eines TV-Beitrages aus vorliegenden Materialien, Persönliches Gespräch mit Mitgliedern der Auswahlkommission
Träger: RTL
Absolventen: Übernahmechancen in den Redaktionen der Mediengruppe RTL Deutschland
im Internet: http://www.rtl-journalistenschule.de
Teilnehmerzahl: bis zu 12
Bewerberzahl: 100
Dauer: 12 Monate, startet im April, 2011 erst Oktober
Kosten/Vergütung: 195 Euro pro Monat/ keine
Voraussetzungen: Schreibtalent, journalistische Erfahrung
Ablauf der Ausbildung: drei Monate journalistische Grundlagen, Auslandsaufenthalt, drei Monate Praktika, drei Monate Produktion des eigenen Magazins "Go", drei Monate Berufsvorbereitung, Dozenten kommen ausschließlich aus der Praxis und sind erfahrene Journalisten unterschiedlicher Medien wie SPIEGEL, "Stern", "Brandeins" oder "Zeit"
Ablauf der Bewerbung: Schriftlich mit Arbeitsproben, dann wird eine Auswahl zum Bewerbungsgespräch eingeladen
Träger: Volkshochschule Reutlingen und Agentur Zeitenspiegel
Absolventen: Die meisten Absolventen arbeiten als freie Journalisten
im Internet: http://www.reportageschule.de/index.html
Teilnehmer: jährlich 20
Bewerber: rund 80
Dauer: vier Jahre
Kosten/Vergütung: Studiengebühren in Abhängigkeit vom Elterneinkommen (0 bis 2000 Euro pro Semester) / keine Vergütung
Voraussetzungen: Abitur; Höchstalter 24 Jahre
Ablauf der Ausbildung: Die Kölner Journalistenschule bildet Journalisten für Politik und Wirtschaft in Print- und Onlinemedien sowie im Hörfunk aus. Im Zentrum der Ausbildung steht die intensive Arbeit an journalistischen Beiträgen, die von der Idee bis zur Veröffentlichung in den Medien begleitet werden. In sechs Praktika – von der Schule vermittelt – lernen die Schüler den Berufsalltag in Lokal- und Online-Medien, in der Öffentlichkeitsarbeit und in überregionalen Politik- und Wirtschaftsredaktionen kennen. Die Ausbildung ist ab dem zweiten Semester mit einem Studium der Volkswirtschaftslehre (Nebenfach Politik) an der Kölner Universität verbunden. Nach vier Jahren erhalten die Schüler neben dem Zertifikat der Journalistenschule auch den Bachelor-Abschluss in VWL.
Ablauf der Bewerbung: schriftlicher Vortest, dreitägiger Aufnahmetest mit Bewerbungsgespräch und sechs schriftlichen Aufgaben (Kommentar, Nachricht, Redigieren, Reportage, Verbalisierung statistischer Daten, Wissen)
Träger: Die Kölner Journalistenschule ist unabhängig von Verlagen, Sendern und Interessengruppen. Träger der Schule ist ein gemeinnütziger Verein, dem derzeit rund 60 Mitglieder - vor allem Journalisten - angehören.
Absolventen: Absolventen der Kölner Journalistenschule arbeiten bei fast allen größeren Tages- und Wochenzeitungen, bei Magazinen, in Online-Medien, im Hörfunk und Fernsehen und in Pressestellen von Unternehmen und Verbänden. Beispiele: Sven Oliver Clausen ("FTD"), Katharina Kroll (Deutsche Welle TV), Henning Krumrey ("Wirtschaftswoche"), Dirk Kurbjuweit (SPIEGEL), Uwe Möller (Westdeutscher Rundfunk), Elisabeth Niejahr ("Zeit"), Ludwig Siegele ("The Economist"), Marion von Haaren (ARD-Studio Brüssel), Jochen Wegner ("Focus Online")
Im Internet: http://www.koelnerjournalistenschule.de
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Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
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