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Falle Habilitation: Eine Frage der akademischen Ehre

Von Hermann Horstkotte

25 Jahre lang prozessierte der Mediziner Walter Laabs gegen die Uni Münster, um habilitiert zu werden - pünktlich mit Erreichen der Pensionsgrenze ist es ihm gelungen. Was er nun davon hat: eine späte Genugtuung. Eine schmucke Urkunde. Und garantiert keine Professur.

Walter Laabs war immer ein Außenseiter, er mochte sich nicht wie seine Kollegen in den Münsteraner Unikliniken vom Assistenz- bis zum Oberarzt hochdienen. Auf akademische Meriten wollte der streitbare Arzt dennoch nicht verzichten - er strebte den Professorentitel und die Ernennung zum Hochschullehrer für Chirurgie an. Zu diesem Zweck reichte Laabs, medizinischer Direktor des Rehazentrums Wilhelmshaven, bereits 1981 eine "experimentelle Studie am Großtier" über Knochenheilung als Qualifikationsschrift ein.

Hart erstrittenes Schriftstück: Díe Habilitationsurkunde von Laabs

Hart erstrittenes Schriftstück: Díe Habilitationsurkunde von Laabs

Was dann passierte, ist skurril und ein ganz eigenes Stück Hochschulgeschichte. Ein sattes Vierteljahrhundert lang ersann die medizinische Fakultät der Universität Münster immer neue Tricks, um die Habilitation von Laabs zu durchkreuzen - zunächst offiziell aus Qualitätsgründen, dann trotz Nachbesserungen immer wieder. Seit 1977 machte die Fakultät die Habilitation von Externen, also von Ärzten, die außerhalb der Münsteraner Uni arbeiteten, formell davon abhängig, ob diese "erwünscht" seien oder eben "kein Bedarf" bestehe.

Der eigenwilligen Idee vom geschlossenen Club schoben aber Richter des Verwaltungsgerichts Münster einen Riegel vor. Sie hoben das erste Njet der Fakultät und viele weitere Neins immer wieder auf und erklärten die Anforderungen für erfüllt.

Indes fand die Fakultät reichlich Kniffe, um das Verfahren zu verzögern. So ließen die Mitglieder des Habilitationsausschusses den Kollegen im Mai 2004 in der mündlichen Prüfung durchrasseln. Der Kandidat sei nicht auf dem neuesten Wissensstand, seine Ausführungen beruhten auf Erkenntnissen aus den frühen achtziger Jahren - nicht direkt überraschend nach der Verschleppung über 23 Jahre.

Habilitation durch Gerichtsbeschluss

Die Richter gaben abermals Laabs Recht und verpflichteten die Fakultät, endlich die Prüfungsurkunde auszustellen. In einer Urteilsbegründung von Ende 2004 sparten sie nicht an deutlichen Worten: Der Habilitierungsausschuss habe das Verfahren "in rechtswidriger Weise" fast ein Vierteljahrhundert hinausgezögert und Laabs so die Möglichkeiten beruflichen Fortkommens vorenthalten (Aktenzeichen: 10 K 871/02).

Erstmals in der deutschen Hochschulgeschichte wurde damit eine Habilitationsschrift allein durch Gerichtsbeschluss angenommen.

Die Urkunde stellte Dekan Heribert Jürgens schließlich Anfang Februar, vier Tage vor dem Urteil im Berufungsverfahren, aus. Laabs ist inzwischen 65 Jahre alt und pensioniert. Am Ende hat er sein Ziel also formell erreicht. Nach rund einem Dutzend Prozesse hält der Mediziner die ersehnte Urkunde in der Hand - anfangen kann er mit dem neu erworbenen Titel aber nicht mehr allzu viel.

Die Beton-Fakultät knickte wohl aus Angst vor möglichen Schadenersatzforderungen des Habilitanden ein, wegen der torpedierten Karriere als Uniprofessor. Sie bestand aber auf einer Kompromissvereinbarung. Laabs musste vor Empfang der Habilitationsurkunde schriftlich versprechen, dass er gegen die Uni "keine weiteren Ansprüche aus seiner Habilitationsangelegenheit machen wird".

Fauler Westfälischer Friede

Jutta Reising, Pressesprecherin der Universität Münster, erklärt: "Die Fakultät, die ohnehin keinen Cent zu viel hat, wollte ein weiteres Urteil und damit womöglich drohende Schadenersatzansprüche von Herrn Laabs vermeiden. Das ist mit der Habilitation unsererseits und der Verzichtserklärung seinerseits gelungen."

Mit dem Kompromiss schreibt der ungewöhnliche Fall weiterhin Universitäts- und Rechtsgeschichte. Denn noch nie war Schadenersatz für mögliche Einkommenseinbußen - der Universitätsprofessor verdient ja meist mehr als der Dr. med. - ein ernsthaftes Thema in den Dutzenden von Habilitationsprozessen der vergangenen Jahrzehnte. Seit dem Fall Laabs steht das Finanzrisiko für die Hochschule jedoch künftig immer mit auf der Tagesordnung von Hochschullehrerprüfungen.

Dekan Jürgens bestand noch auf einer weiteren Bedingung: Laabs verzichtet "altershalber" auch darauf, an der "Fakultät lehren zu wollen". Der Deal sieht also ungefähr so aus: Du kriegst von uns die Habilitation, wenn du uns nicht ins Portemonnaie fasst und dich gefälligst vom Campus machst.

Der Kleinkrieg um den Titel lässt vergessen, zu welchem Zweck die Habilitation eigentlich dient - vor gut hundert Jahren wurde sie eingeführt, um die Qualität von Forschung und Lehre zu heben und zu sichern.

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