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Fetisch-Mode im Job: Alien unter Biedermännern

Von Almut Steinecke

Punkfrisuren und Piercings sollen ja provozieren. Aber im Job oder an der Uni kann schrilles Outfit für Ärger sorgen. Wer zu dick aufträgt, kann sich schlimmstenfalls die berufliche Zukunft abschminken. Drei Paradiesvögel erzählen von zornigen Chefs und spießigen Professoren.

Es ist Samstagabend, Zoé* steht im Badezimmer. Sie bestäubt Latexstrümpfe mit Puder, um den Stoff geschmeidiger zu machen, zieht die hautengen Hüllen bis über die Knie. Sie zwängt sich in eine Leder-Corsage, die knapp unter dem Busen endet.

Piercings, Ringe, Ketten - da raunen im Hörsaal alle: "Das schafft die doch sowieso nicht hier"
Robert Hörnig

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Dann klebt sie Kreuze aus Latex über ihre Brustwarzen, schlüpft in Lackstiefel mit 11-Zentimeter-Absatz. Sie tupft lila Farbe auf ihre Augenlider, zwirbelt ihren Haarkamm hoch zu einem Iro. Fertig ist das Party-Outfit. Zoé lächelt, "so gefalle ich mir".

Ihrem Arbeitgeber nicht.

Zoé, Anfang 30, aus Witten, ist Altenpflegerin. Bis vor wenigen Monaten arbeitete sie noch in einer Fachklinik für Gerontopsychiatrie. Alles war gut, bis Zoé eine neue Frisur hatte: Ihr Kurzhaarschnitt war einem Iro gewichen. Wochen zuvor war Zoé über einen Freund mit der Fetisch-Szene in Berührung gekommen, eine Welt, die sie einlud zum Austesten von Grenzen, "das hat mich fasziniert". So sehr, dass sie ihre neue Leidenschaft ausdehnte auf den Alltag.

Der Klinikleitung standen die Haare zu Berge

Unbedarft, wie Zoé sagt. "Als ich mit dem Iro zur Arbeit kam, wollte ich niemanden ärgern oder provozieren", erzählt sie. "Ich war völlig naiv, hatte vorher nur überlegt, dass der Schnitt sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Aber ich hätte nie vermutet, dass er für mich existentiell bedrohlich werden könnte."

Wurde er aber. Der Klinikleitung standen beim Anblick des Iros die Haare zu Berge, man legte Zoé nahe, so bitte nicht herumzulaufen.

Eine Maßregelung, die auch Britt*, 27, fürchtet. Zwar steht die Bochumerin noch nicht im Berufsleben wie Zoé, als Studentin könnte Britt sogar mehr Laissez-faire genießen. Trotzdem eckt sie an: Britt studiert Umwelttechnik an der Technischen Fachhochschule Bochum, ein Studiengang, der als "Männerdomäne" gelte.

"Dann muss ich mich eben durchkämpfen"

"Da falle ich als Frau sowieso schon auf - wenn ich dann noch so aussehe, umso mehr", sagt Britt: Ihre Unterlippe ist dreimal gepierct, ihre Nasenflügel sind von mehreren Ringen durchstochen, einer durch ein dünnes Kettchen verbunden mit dem Ohrläppchen. Ihre punkig toupierten langen Haare trägt Britt für die Uni zum Zopf, Kajal und pechschwarzer Lidschatten um die Augen sind aber Pflicht, ebenso wie Stiefel und Klamotten in Schwarz.

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Die Reaktionen der anderen, das Geflüster im Hörsaal, geben ihr das ungute Gefühl, dass im Grunde alle so denken: "Das schafft die doch sowieso nicht hier." Wenn sie ein bestimmter Professor prüft, könnte das vielleicht auch so kommen.

"Im Fach Werkstofftechnik gibt es einen, vor dem alle Angst haben, weil er so aufs Aussehen achtet", erzählt Britt von Gerüchten, "man darf nur ungeschminkt zur Prüfung kommen und am besten ganz bieder. Aber ich habe nicht vor, mich optisch zu verändern." Britt findet, man müsse nicht alles akzeptieren, aber tolerant sollte man sein. Sie will über ihre Situation aber auch nicht zu sehr jammern: "Ich werde eben mehr lernen, ihm zeigen, dass ich's kann. Dann muss ich mich durchkämpfen."

Den Plan hat Linda, 28, wieder aufgegeben - zumindest für den Studiengang Medizin an der Uni Bochum. Während sie am Wochenende am liebsten in schrille Lack- und Ledersachen steigt, lief sie an der Uni zwar sittsamer herum. Aber nur für ihre Verhältnisse. Mit ampelrot gefärbten Haaren, Plateauschuhen oder Army-Kluft wirkte das Wild Child unter den Bochumer Medizinern immer noch wie ein Alien.

Gleichzeitig irritierte Linda die Uni "als eine andere Welt", die ihr verschlossen blieb, wie ein eigenes Universum, unerreichbar; besonders bei Gruppenarbeit, bei denen man nur das Nötigste mit ihr sprach. "Ich fühlte mich ausgeschlossen."

Kollektives Stirnrunzeln auch von oben: Einmal verspätete sich Linda zum Präparierkurs, weil sie ihre kranke Mutter pflegen musste, wie sie erzählt. Der Anpfiff des Profs ("Wir haben alle unsere Probleme") fiel gefühlt schärfer aus als bei anderen. Da überfuhr sie der Kommentar eines Arztes, der ihr im Praktikum versicherte, er habe "ja nichts gegen Sie persönlich", aber soviel müsse wohl klar sein: "Wenn Sie mal fertig sind, können Sie nicht mehr so rumlaufen."

Risiken und Nebenwirkungen inklusive

Kurz vor dem Physikum kapitulierte Linda, wechselte zur Psychologie. Auch wenn auf dem Campus immer noch alle "doof gucken", fühlt sie sich etwas wohler. Denn "bei den Psychologen gibt es auch andere Paradiesvögel", sitzt ein Kommilitone mit Rastalocken neben ihr im Seminar, ebenso wie ein Grufti. Wenn der Job es später verlangt, würde Linda den Auffälligkeitsgrad ihres Aussehens herunterschrauben - aber ungern, "es spiegelt mein Lebensgefühl wider".

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Risiken und Nebenwirkungen sind leider inklusive. Ute Michaelis, 29, Diplom-Psychologin aus Köln und Mitglied im Berufsverband deutscher Psychologen, sagt: "Wer sein Äußeres 'extrem' gestaltet, exponiert sich und bietet sich automatisch als Objekt für Kritik an." Das könne zu Verletzungen führen, denn "wesentliche Teile der Identität sind so für jeden sichtbar und bieten gleichzeitig viel Angriffsfläche".

Möglicherweise hätten Menschen, die sich für ein auffälliges Aussehen entscheiden, in ihrer Kindheit negative Rückmeldungen von wichtigen Bezugspersonen bekommen, sagt Michaelis. Signale, dass sie nicht angenommen werden - so, wie sie sind. "Sie suchen sich über andere Wege Anerkennung, sei es durch eine Form der negativen Aufmerksamkeit - sie provozieren - oder indem sie die Wertschätzung einer Gruppe von Gleichgesinnten durch ein ähnliches Äußeres suchen, zum Beispiel in einer Szene."

Krach mit Kollegen, dann die Kündigung

Werde ein Teil des Aussehens in Frage gestellt, "kann es passieren, dass die Person dies als eine Infragestellung der ganzen Persönlichkeit erlebt" - und blockt. Dabei hält Psychologin Michaelis es für gut, Antworten zu finden auf große Fragen: "Wie wichtig ist mir mein exzentrisches Aussehen als Teil meiner Selbstdarstellung? Wie wichtig ist mir im Vergleich dazu mein berufliches Selbstverständnis? Will ich dafür kämpfen, dass mein Aussehen so akzeptiert wird?"

Altenpflegerin Zoé wollte. Sie hatte sich mit dem Iro "gerade gefunden, ich hätte es gar nicht geschafft, das Rad wieder zurückzudrehen". Das Machtgerangel mit der Klinik schaukelte sich hoch, bis Zoé einen Blinddarmdurchbruch bekam. Kurz darauf die Kündigung. Wobei sie weniger mit den alten Menschen Probleme gehabt habe als mit den Kollegen, die sie anfeindeten. Bis auf eine. Eine Ex-Nonne. "Die war gerade aus dem Orden ausgetreten, musste gerade wieder ins Leben zurückfinden".

Man verstand sich auf Anhieb.

(*Namen von der Redaktion geändert)

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