Flexibles Arbeiten: Arbeitsplatz? Überall

Von Marike Frick

Wenn die Kollegen nur noch unregelmäßig reinschauen, von zu Hause oder vom Café aus arbeiten, dann nennt man das "flexibles Arbeiten". Eine amerikanische Firma hat es auf die Spitze getrieben. Doch wie führt man Mitarbeiter, die kaum da sind?

Produktiv im Homeoffice: Manche Firmen bieten ihren Mitarbeitern an, ihre Arbeit außerhalb des Büros zu erledigen Zur Großansicht
Corbis

Produktiv im Homeoffice: Manche Firmen bieten ihren Mitarbeitern an, ihre Arbeit außerhalb des Büros zu erledigen

Gleich am Anfang hatte Scott Jauman eine kleine Panik-Attacke. Als man den Mitarbeitern in seiner Firma frei stellte, ob sie von zu Hause, vom Café aus oder in der Firma arbeiten wollen, da war es plötzlich sehr leer in der Abteilung. "Die Hälfte meiner Leute blieb erstmal weg, um die neue Freiheit auszukosten", sagt Jauman. Nicht einfach für den Abteilungsleiter bei der amerikanischen Firma Best Buy.

Der Elektronik-Konzern hat umgesetzt, wovon die meisten deutschen Unternehmen noch weit entfernt sind: Dort zählt nicht die Anwesenheit, sondern nur das Ergebnis. "Getting the job done", die Arbeit zu erledigen, daran muss sich jeder halten. Wo er das tut, ist ihm überlassen.

Statt jeden Tag akribisch neun Stunden abzusitzen, kann man bei Best Buy Feierabend machen, wenn die Arbeit getan ist - sind ein andermal viele Aufträge abzuarbeiten, wird man dafür etwas länger am Schreibtisch sitzen müssen.

Es gibt in der Firma Mitarbeiter, die sich den Nachmittag für ihre Kinder frei nehmen und sich dafür abends noch mal an die Arbeit machen. Andere fahren schon Donnerstagabend in ihr Wochenendhaus, weil sie vorgearbeitet haben. Und manch einer hat schon aus der Ferne seinen Job erledigt, weil etwa der Vater im Krankenhaus lag.

Selbsttest: Können Sie Chef?
Boss werden wollen viele. Doch nicht jeder hat das Zeug dazu. Haben Sie's? Testen Sie Ihre Eignung zur Führungskraft.

Jetzt beim großen Cheftest mitmachen!

Für Manager wie Scott Jauman eine große Herausforderung: Wie führt man ein Team, das nur unregelmäßig im Büro ist? "Wir reden jetzt mehr miteinander", sagt Jauman, "weil wir uns besser absprechen müssen. Ich formuliere ganz klar meine Erwartungen und die Ziele, die der Mitarbeiter in einem bestimmten Zeitraum erreichen sollte."

Produktivität durch flexible Arbeitszeiteinteilung

Kommuniziert wird bei Best Buy häufig über Chats, dort sieht man auch, welcher der Kollegen gerade ansprechbar ist. In manchen Abteilungen legen die Mitarbeiter online Kalender an, in denen sie markieren, wann sie überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Und einmal pro Woche muss jeder zu Konferenzen ins Haus kommen. Wer einen neun-bis-fünf-Alltag schätzt und die Büroumgebung braucht, kann natürlich auch zu ganz normalen Zeiten in der Firma arbeiten.

Das Wichtigste für Scott Jauman ist dabei, dass seine Mitarbeiter erreichbar sind - oder sich wenigstens innerhalb einiger Stunden zurück melden. Ihm sei es erst einmal passiert, dass es einen halben Tag gedauert habe, einen Kollegen zu erreichen, obwohl der seinen Status im Kalender als "ansprechbar" angegeben hatte.

"Viele glauben immer noch, der beste Angestellte sei der, der im Büro sitzt", sagt Jauman. Bei Best Buy beobachtet man das Gegenteil: Wenn jeder so arbeitet, wie es ihm liegt, blühen viele Mitarbeiter regelrecht auf. Nach der Einführung des Programms sei die Produktivität um durchschnittlich 35 Prozent gestiegen, heißt es in der Firma.

"Vertrauen ist wichtig", sagt auch Scott Jauman. Woher er wisse, dass seine Mitarbeiter tatsächlich arbeiten und nicht im Einkaufszentrum umher schlendern? Das wisse er ja gar nicht, sagt Jauman. Aber solange sie ihre Aufgaben pünktlich und in guter Qualität abliefern, ist dem Manager das auch herzlich egal.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. klingt toll, aber ...
MadMad 13.07.2010
Zitat von sysopWenn die Kollegen nur noch unregelmäßig reinschauen, von zu Hause oder vom Café aus arbeiten, dann nennt man das "flexibles Arbeiten". Eine amerikanische Firma hat es auf die Spitze getrieben. Doch wie führt man Mitarbeiter, die kaum da sind? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,706112,00.html
Häufig genug gibt es Fragen an Kollegen, kleinere Dinge, die im Büro kurzufristig geklärt oder besprochen werden können. Zudem müssen Einzelziele und Zwischensteps viel genauer festgelegt und koordiniert werden. Der Erfolg solchen Arbeitens hängt sicherlich ganz stark von der Unternehmung bzw. der Arbeit an sich ab. In vielen Unternehmen macht das aber wenig bis keinen Sinn. Mad von www.diemeinungen.de
2. Wie toll....
static_noise 13.07.2010
... in meinen Augen ein Ideal für fast alle Beteiligten. Meine Erfahrung: Es funktioniert nur mit selbständigen Menschen die auch im positiven Sinn 'konfliktfähig' sind. Wie bereits der Chef im Artikel erwähnte und aus den Zeilen meines Vorredners hervogeht: Ziele und Absprachen müssen genauer definiert werden und ihre Verbindlichkeit ist wichtig. Ein Herumlavieren führt zur Katastrophe. Wenn ich die Zuarbeit meines Kollegen für ein gemeinsames Ergebnis benötige und der Terminplan steht. Muss er liefern, bzw selbständig erkennen wann er Verzug oder Nichtleistbarkeit droht, damit neue Strategien zur Lösung gefunden werden können. Wer in Büro-Manier dass die 'Tür zu macht' sprich sich einfach aus dem Kalender und Messenger ausloggt und wartet bis es 'vorbei ist' reißt die ganze Abteilung rein. Es gibt dem Arbeitnehmer nicht nur Freiheit, sondern mit der Freiheit auch Verantwortung. Leider ist das in deutschen Firmen kaum einer gewöhnt.
3. ....
OlafKoeln, 13.07.2010
Zitat von sysopWenn die Kollegen nur noch unregelmäßig reinschauen, von zu Hause oder vom Café aus arbeiten, dann nennt man das "flexibles Arbeiten". Eine amerikanische Firma hat es auf die Spitze getrieben. Doch wie führt man Mitarbeiter, die kaum da sind? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,706112,00.html
Theoretisch gut, praktisch manchmal auch, aber oft nicht. Es gibt dann wie bei der "Vertrauensarbeitszeit" das Problem, das nicht mehr nachvollzogen wird, wie lange jemand wirklich arbeitet. Dabei ist nicht eine mögliche "Faulheit" das Problem, sondern das die Anforderungen an das Pensum immer weiter hochgeschraubt werden. Die Mitarbeiter haben dan real keine 40-Stunden Woche, sondern eine 60-Stunden Woche. Aber natürlich ohne Überstundenabrechnung. Und wenn ein Mitarbeiter sich beschwert, dann ist er höchstens ein "Minderleister". Alle anderen würde ihr Pensum ja ohne Probleme schaffen (schaffen sie eben nicht, aber niemand beschwert sich - gerade in den US&A). Die Grenze zur effizienteren Ausbeutung ist da schnell erreicht. Wenn alles ordentlich läuft, bei einem guten Management - sicher eine super Sache. Aber das dürfte oft genug nicht der Fall sein.
4. Theorie super, auf die Praxis kommt es an....
Matschi29 13.07.2010
Von der Theorie her begrüße ich das echt herzlich. Frei arbeiten, in angenehmer Umgebung. Ab und an ins Büro und wenns mal viel zu tun ist, halt die Nacht durchmachen...so wie als Student ;) (klar, mit mehr Stunden die Woche, wobei sich das bei vielen Bachelor- und Masterstudiengängen nichts nimmt zu Vollzeitarbeit). Praxis ist jedoch sicher des öfteren auch die Erhöhung der Verfügbarkeit und Arbeitsmenge durch die Hintertür. In meiner alten Firma haben sich erst alle Außendienstler gefreut als es Notebooks gab, mit der Begründung: ihr seid viel Unterwegs, dann müsst ihr nicht mehr so oft extra noch ins Büro fahren und am Freitag könnt ihr mal eher heim...könnt ja Abends noch was machen. Resultat war, das die Arbeitspakete wuchsen und erwartet wurde, das Statistik x und Auswertung y am Montag morgen fertig sind, wenn sie Freitag Nachmittag aufgegeben wurden...sprich Wochenendarbeit. Die gleiche Freude bei den neuen Blackberrys: wow Emails von unterwegs! Wie flexibel und zeitsparend. Ergebnis: der Abteilungsleiter hat nach kurzer Zeit von allen erwartet, das sie das ganze Wochenende erreichbar sind und Montag morgen schon die Lösungen auf Probleme, die Sonntag Nachmittag per Blackberry-Mail kamen, ausgearbeitet haben. Aus der Flexiblität wurde so einfach nur ein mehr an Arbeit und gestresste Außendienstler, die für ihre Familie wirklich kaum noch Zeit und schon gar keine Enspannung mehr hatten. Von daher stehe ich den blinden, heilsbringer-Aussagen zumindest skeptisch gegenüber. Der Kapitalist glänzt gemeinhin nicht damit, das er ein mehr an Freiheit für Mitarbeiter zu einem mehr an Koordinationsaufwand für ihn, bei gleichbleibender Arbeitsmenge anbietet ;) Also: Theorie gut. Praxis: individuell von sehr gut bis sehr bescheiden ist alles drin. vG Matschi P.S. Die 35% aus dem Artikel machen mich etwas mmmhhh vorsichtig....so ne Umstellung ist oft gleichzeitig mit ner Organisations- und Arbeitsaufteilungsumstellung verbunden...und mit neuen "Herausforderungen" bezüglich Arbeitsmenge und Kundenstamm den die Mitarbeiter betreuen sollen ;)
5. kann funktionieren
lalito 13.07.2010
Schwierig könnt es werden, wenn die Mitarbeiter dann auch noch die Jobs die getan werden sollen auslagern . . . ;-))
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Karriere
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 20 Kommentare

[M]DDP ;mm.de
Der Geheimcode der Chefs: In Zeugnissen werden selbst verbale Ohrfeigen nett verpackt. Wer weiß schon, ob ein Lob ehrlich ist oder doch raffiniert verstecktes Gift? Mit dem Klartext-Test finden Sie heraus, was Ihre Zeugnisse wirklich wert sind. mehr....