Von Susanne Keil
Manchmal sitzt Prof. Dr. Johann-Dietrich Wörner in seinem Büro über der Bilanz seiner gleichstellungspolitischen Bemühungen. Und ist ernüchtert.
Trotz eines ganzen Katalogs von Maßnahmen stagniert der Anteil weiblicher Führungskräfte im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn seit Jahren bei etwa 14 Prozent. 2012 sank er sogar um 0,8 Prozentpunkte. Dabei ist von den 7000 Beschäftigten im DLR fast ein Drittel weiblich.
Wie die meisten wissenschaftlichen Einrichtungen hat das DLR Chancengleichheit in seine Leitlinien geschrieben. Es wurde für seine Frauenförderung und seine Familienfreundlichkeit ausgezeichnet. Doch der Anteil von Frauen in Führungspositionen stieg kaum an. War das denn alles umsonst? Wörner ist ratlos. "Brauchen wir eine Quotenregelung?", fragt er sich. "Ja", sagten einige Experten in einer Anhörung des Forschungsausschusses des Bundestages im Juni.
Was soll man noch tun, wenn man alles versucht hat?
So vertrat Prof. Dr. Wolfgang Marquardt vor den Abgeordneten den Standpunkt des Wissenschaftsrates (WR), Zielquoten einzuführen, die sich am sogenannten Kaskadenmodell orientieren. Dieses besagt, dass der Frauenanteil auf einer Qualifikationsstufe mindestens so hoch sein sollte wie der Anteil auf der jeweils niedrigeren Stufe.
Damit hat sich nach der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) auch der WR für die Einführung von Quoten ausgesprochen. "Quasi ein Paradigmenwechsel", nennt das Dr. Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die ebenfalls als Expertin vom Ausschuss angehört wurde. Auch wenn die Forderung nach einer Quote nun im Wissenschaftsbetrieb ganz oben auf der Agenda steht, ist das bei Weitem kein Durchbruch. Quotenforderungen sind meist Ausdruck von Hilflosigkeit. Was soll man noch tun, wenn man alles versucht hat? Diese Frage beschäftigt Johann-Dietrich Wörner oft.
Er möchte, dass möglichst viele Frauen den Weg gehen können, den seine Mutter bereits Ende der dreißiger Jahre ging. Damals studierte sie als einzige Frau an der Technischen Universität München Architektur, übernahm anschließend das Büro seines Großvaters und ermöglichte beiden Söhnen ein erfolgreiches Studium.
Die Quotenforderungen, die jetzt im Raum stehen, werden die Entscheider im Wissenschaftsbetrieb allerdings vermutlich auch nicht davon abbringen, es bei Sonntagsreden zu belassen und es für ausreichend zu halten, wenn Frauenbeauftragte einen Pflichtsitz in Berufungskommissionen haben. Pseudo-Quoten gibt es bereits seit 20 Jahren. So lange sind Hochschulen gesetzlich verpflichtet, in ihren Gleichstellungsplänen konkrete Zielvorgaben für die Erhöhung des Frauenanteils zu setzen.
Deutschland braucht 11.000 neue Professoren in den kommenden Jahren
Gebracht haben sie bislang wenig. Deutlichere Impulse kamen aus der ersten Runde der Exzellenzinitiative, bei der ausländische Gutachter mangelnde Gleichstellungskonzepte bei den Antragstellern monierten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) reagierte darauf mit den 2008 eingeführten forschungsorientierten Gleichstellungsstandards und dem Kaskadenmodell.
Seitdem ist einiges passiert, aber es ist zu wenig. Der Frauenanteil an den C3-/W2-Professuren ist von 16 Prozent im Jahr 2006 auf 20 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Bei den C4-/W3-Professuren ging der Anteil von elf Prozent 2006 auf 14 Prozent 2010 nach oben. Das stellt sich bei Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen ganz unterschiedlich dar. Bei der Fraunhofer-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft, wo viele Naturwissenschaftler arbeiten, ist der Frauenanteil fächerbedingt geringer als etwa an Max-Planck-Instituten. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland insgesamt unter dem Durchschnitt.
Es wird Zeit, das zu ändern. In einem Fenster, das bereits seit 2010 geöffnet ist und sich 2019 wieder schließen wird, werden voraussichtlich über 11.000 Professorinnen und Professoren im Alter von 65 Jahren ausscheiden. Diese Zeitspanne muss nach Ansicht der Experten genutzt werden, um einen Anteil von 30 bis 40 Prozent Frauen auf allen Ebenen zu erreichen. Denn erst diese kritische Masse erlaube es, die Organisationskultur in den Wissenschaftsorganisationen so zu verändern, dass automatisch mehr Frauen folgen.
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