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Fußangeln beim Berufsstart: "Grüßen Sie immer den Hausmeister"

In ihrem neuen Buch "Das Job-Lexikon" beschreibt Susanne Reinker die wichtigsten Finten und fiesesten Fettnäpfchen für Berufseinsteiger. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Managerin, warum man sich mit Sekretärinnen und Hausmeistern stets gut stellen und E-Mails nicht mit der Anrede "Hallo!" beginnen sollte.

SPIEGEL ONLINE:

Sie haben ihrem Buch den Untertitel "Erste Hilfe für den Berufsstart" gegeben. Passieren dabei denn so viele Unfälle?

Berufsstart: Überall lauern Fallstricke

Berufsstart: Überall lauern Fallstricke

Susanne Reinker: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass junge Leute, die gerade aus der Ausbildung kommen, viel Fachwissen mitbringen, es ihnen aber am psychologischen und organisatorischen Handwerkszeug mangelt. Sie brauchen sehr lange, um sich in dem neuen Universum - Job und Arbeitswelt - zurecht zu finden. Ich habe selbst fast alle Fehler gemacht, die in diesem Buch stehen. Warum sollen andere Leute dieselben Fehler machen?

SPIEGEL ONLINE: Wo lauern die fiesesten Fettnäpfchen?

Reinker: Fast alle Fettnäpfchen haben mit mangelnder sozialer Kompetenz zu tun. Gerade gut ausgebildete Hochschulabsolventen - so genannte High Potentials - machen sich nicht klar, dass soziale Kompetenz im Beruf ebenso wichtig ist wie fachliche Qualifikationen. Diese High Potentials haben oft fantastische Praktika gemacht, in den Prüfungen sehr gut abgeschnitten, waren im Ausland und sind auf all dies sehr stolz. Nur vergessen sie manchmal darüber, dass sie nicht nur den Herrn Direktor grüßen sollten, sondern auch die Praktikantin oder den Hausmeister. Wenn jemand ständig nur nach oben hin freundlich ist, kann es sein, dass er eines Tages buchstäblich im Dunkeln steht, weil der Hausmeister keine Lust hat, seine kaputte Neonröhre auszutauschen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Höflichkeit nicht selbstverständlich?

Susanne Reinker, 41, ist Diplom-Übersetzerin und hat lange als Führungskraft in der Filmbranche gearbeitet. Ihr Buch "Das Job-Lexikon. Erste Hilfe für den Berufsstart" (dtv, € 19,50) ist soeben erschienen. Es erklärt in 400 Stichwörtern das Einmaleins des Berufseinstiegs
Ulli Reinker

Susanne Reinker, 41, ist Diplom-Übersetzerin und hat lange als Führungskraft in der Filmbranche gearbeitet. Ihr Buch "Das Job-Lexikon. Erste Hilfe für den Berufsstart" (dtv, € 19,50) ist soeben erschienen. Es erklärt in 400 Stichwörtern das Einmaleins des Berufseinstiegs

Reinker: Eigentlich gehört es zur Herzensbildung, jeder Mensch sollte so erzogen sein. Meine Berufserfahrung hat mir aber gezeigt, dass solche Dinge nicht selbstverständlich sind. So gibt es Kollegen, die im persönlichen Gespräch ständig auf die Uhr schauen, statt ihrem Gegenüber zuzuhören. Das zeigt eine mangelnde Fähigkeit, sich in den anderen hinein zu versetzen. Jeder Mensch hat etwas Aufmerksamkeit verdient und spürt, wenn sie ihm nicht entgegengebracht wird. Wer sich nicht für andere interessiert, nicht zuhört, sich nicht gelegentlich anpasst, schadet seiner Karriere, ob er nun sehr kompetent ist oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Treten Hochschulabsolventen eher zu forsch auf oder zu zurückhaltend?

Reinker: Meistens zu forsch. Ein gutes Beispiel sind die Routinearbeiten, die in jedem Betrieb anfallen. Angehenden Führungskräften kann man manchmal am Gesicht ansehen, dass sie es für zu langweilig oder für unter ihrer Würde halten, solche Arbeiten zu erledigen. Dabei können der Auftrag für die langweilige Versandaktion oder den Kopierjob auch ein Test vom Chef sein. Wer sich für solche Aufträge zu schade ist und sie nicht richtig erledigt, dem wird der Chef auch keinen anspruchsvolleren Aufgaben übergeben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Berufseinsteiger kein Benimm mehr, brauchen sie alle Knigge-Seminare?


Auszüge aus Susanne Reinkers Joblexikon:

"Alkohol" / "Duzen" / "Praktikum" / "Sekretärinnen"

Reinker: Das wird ja im Moment stark diskutiert, Benimm ist derzeit eine regelrechte Modebewegung. Es fällt schon auf, wenn ein Praktikant in einen Betrieb kommt, seinem Vorgesetzten das "Du" anbietet, seine E-Mails grundsätzlich mit "Hallo" oder "Hallo, Herr Doktor" beginnt und beim Mittagsessen mit vollem Mund redet. Allerdings glaube ich nicht, dass ein Berufsanfänger den Knigge von Artischocke bis Zwiebelsuppe durcharbeiten muss, bevor er sich mit seinen Kollegen an einen Tisch setzt. Auch die artgerechte Handhabung der Hummerzange ist nur für Menschen relevant, die gerne in Gourmet-Restaurants speisen. Es gibt in Sachen Knigge eine echte Verunsicherung, etwa wer wem zuerst die Hand gibt oder wer wen vorstellt, die durch die ausladenden und oft realitätsfernen Ratgeber nicht wirklich gebessert wird. Ich habe in mein Job-Lexikon nur einige grundlegende Regeln aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Und am Esstisch lauern keine Fallstricke?

Reinker: Na ja, ich rate immer, allzu komplizierte Speisen zu meiden und zu schauen, was die anderen Leute essen. Zum Beispiel besagte Zwiebelsuppe: Die zieht nämlich Fäden, und es sieht nicht besonders attraktiv aus, wenn jemand bei einem Geschäftsgespräch mit diesen Fäden herumspinnt. Oder aber Spaghetti Bolognese: Die können wunderbar schmecken, sind aber dann tückisch, wenn die Frau, die Ihnen gegenübersitzt, nicht dunkel und waschmaschinenfest gekleidet ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Pannen sind Ihnen passiert?

Reinker: Ein Geschäftsessen fällt mir jetzt nicht ein. Aber ich hatte mal beim Small-Talk, den ich ja als PR-Managerin oft führen musste, eine peinliche Panne. Ich besuchte ein Konzert und wollte das anschließende Gespräch mit dem Dirigenten schulbuchmäßig mit einer Frage beginnen. Ich fragte: "Sagen Sie mal, ihre Zugabe, die war ja wirklich fantastisch. Was haben Sie da gegeben?" Der Dirigent musterte mich von oben bis unten und antwortete "Wir haben vom letzten Stück den letzten Satz noch einmal gespielt". Das hat mir gezeigt, dass man über nichts plaudern sollte, von dem man absolut keine Ahnung hat.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Berufsanfänger auch ihre Rechte bei all den Regeln?

Reinker: Das Job-Lexikon bietet auch ein kleines Einmaleins in Sachen Arbeitsrecht. Die wenigsten Berufseinsteiger wissen über ihre Rechte und Pflichten Bescheid. Sie fragen sich dann in der Probezeit, ob sie mit einer schweren Grippe immer noch ins Büro kommen sollten, um dort einen guten Eindruck zu hinterlassen. Oder sie rätseln über die Akte, die die Personalabteilung anlegt, kommen aber nicht darauf, einmal in diese Personalakte hinein zu schauen. Für Institutionen, die Arbeitnehmer über ihre Rechte und Pflichte aufklären, etwa den Betriebsrat oder die Gewerkschaft, interessieren sich Berufsanfänger in der Regel selten.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich mich schon während es Studiums für die Berufswelt vorbereiten?

Reinker: Dafür gibt es Bücher, deren Ratschläge man aber nicht alle so ernst nehmen muss. Mein Lieblingstipp aus einem unsinnigen Einstiegsratgeber ist: "Seien Sie souverän!" Das ideale Instrument sind - ich wage es kaum zu sagen, weil es schon solch eine Binsenweisheit ist - Praktika. Wer glaubt, dass ihm gute Leistungen an der Universität zu einem gelungenen Berufseinstieg reichen, glaubt und hofft meistens vergebens. Berufserfahrung, egal fast welcher Art, ist ein unglaublicher Pluspunkt. Selbst wenn ich als Aushilfsverkäuferin im Supermarkt gearbeitet habe, zeugt dies von einem Einblick ins Berufsleben. Wer sich den Einstieg erleichtern will, sollte sich auch das eine oder andere Praktikum gönnen, ob es nun später zum Job passt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und für Praktikanten gelten die gleichen Verhaltensregeln wie für Berufsanfänger?

Reinker: Im Prinzip ja, wobei sie in der kürzeren Zeit, die sie in der Arbeitsumgebung verbringen, erst einmal herausfinden, wo etwa die Kollegenrituale liegen: Wie gehen die Leute mir ihren Überstunden um, wie mit Zigarettenpausen, mit der Urlaubsplanung und dem Spülen. Und wenn es Brauch ist, dass die Kollegen reihum spülen, dann sollten sich auch die Praktikanten einreihen. Sonst können die Kollegen den überheblichen Neuling, auch wenn er noch so brillant ist, am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Das Interview führte Jan Friedmann

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