Werben für Deutschland: Forscher, kommt heim
Mit Werbeveranstaltungen versucht der Bund, deutsche Wissenschaftler aus den USA zurückzuholen. Doch die fürchten die schlechten Karrierechancen diesseits des Atlantiks - und scheuen die miese Bezahlung.
Es geht um Köpfe wie Christian Glöckner, 36 Jahre alt, Dr. rer. nat, Angestellter von Illumina Inc. in San Diego. Seit fünf Jahren arbeitet der deutsche Biologe in den USA, zunächst als Forscher am Scripps Research Institute, jetzt bei einem Biotech-Unternehmen als Spezialist für Enzym-Eigenschaften.
Glöckner besitzt die Greencard, seine beiden Töchter sind in Kalifornien geboren, aber seine Frau möchte in Deutschland als Lehrerin arbeiten. "Wir werden das gemeinsam entscheiden", sagt Glöckner. Die Chancen stünden fifty-fifty. Die Bundesrepublik will, dass Glöckner zurück in das Land kommt, in dem er sein Diplom und seine Promotion abgelegt hat. Für dieses Ziel hat sie den Wissenschaftler gemeinsam mit 150 anderen Akademikern in ein großes Hotel in die Innenstadt von San Francisco eingeladen.
Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Tagung der Exil-Akademiker trägt den Titel Gain, wie Gewinn, Vorteil. Das Kürzel steht für "German Academic International Network", ist aber zugleich Programm: Nach Jahren des vielbeschworenen Braindrain, des Abwanderns von Forschern ins Ausland, ist nun Offensive angesagt. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl zeigt die Veranstaltung, wie die Bundesregierung den Kampf um die besten Köpfe gewinnen will.
Ach Deutschland, was bist du verlässlich
Sie präsentiert Deutschland als Hort der Verlässlichkeit und der gesicherten akademischen Existenzen, mit Planstellen, Familienzuschlägen, erschwinglichen Kindergärten und Schulen - der Gegenpol zu den vielfach ruppigen Vereinigten Staaten. Die potentiellen Zuzügler bekommen die Vorzüge von Forschungsfreisemestern und Verbeamtung erläutert.
Die Chefs der großer Wissenschaftsorganisationen sind gekommen, um Zufriedenheit zu demonstrieren, sie loben sich und die Bundesregierung. "Die Perspektiven sind besser geworden im deutschen Wissenschaftssystem", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Ähnliche Worte finden die Spitzen der Alexander von Humboldt Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Hochschulrektorenkonferenz.
Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium, sagt, dass das Budget ihres Hauses unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) um 80 Prozent gewachsen sei, und das in Zeiten der Haushaltskonsolidierung. "Deutschland gehört zu den leistungsfähigsten Gesellschaften der Welt, und daran haben Wissenschaft und Forschung einen großen Anteil."
Selbst die Vertreterin der Bundesländer stimmt in den Wohlklang mit ein. Sabine Kunst, parteilose Wissenschaftsministerin von Brandenburg, preist ihr Bundesland, das sich wie ein "Donut um Berlin schmiegt". Kritik an Deutschland sei immer weniger zu hören. "Das ist eine Art Familientreffen, es macht sehr viel Spaß."
Zwei Umworbene, ein Werber - das ist der Schnitt
Laut einer Befragung sind zwei Drittel von 800 Teilnehmern vergangener Gain-Tagungen nach Deutschland zurückgehrt, im Vergleich zu den in Nordamerika Verbliebenen besetzen sie häufiger eine feste Stelle. Rund 20.000 deutsche Wissenschaftler leben noch in den USA, viel Potential also für Abwerbeaktionen.
Auf zwei Kandidaten der alljährlichen Tagung kommt inzwischen ein Werber, der sie zurückholen will. Auf der angeschlossenen Messe sind vor allem die von der Politik gehätschelten Technischen Universitäten stark vertreten, dazu weitere, die ihr Exzellenzprofil schärfen wollen.
Es fehlen Entsandte der unterfinanzierten Allerweltsuniversitäten und prominente Vertreter der darbenden Geisteswissenschaften - also jene Gruppen, die von den 80 Prozent wenig abbekommen haben.
Stattdessen sucht die Initiative "Return to Bavaria" zusätzlich "bayerische bzw. deutsche Leistungsträger im Ausland". Zum Abendessen gibt es Bratwurst, Freibier und Kartoffelsalat.
Von Verlustängsten keine Spur mehr, so groß ist die Selbstzufriedenheit, dass sie bisweilen sogar die Zielgruppe irritiert. "Die Arbeit muss doch auch Spaß machen, bevor man in Rente geht", sagt der Biologe Glöckler. Wichtig seien internationale Teams und ein Umfeld, in dem Ideen wachsen könnten.
Wie deutsche Unis die Familienplanung erschweren
"Kein anderes Land betreibt einen solchen Aufwand, um Leute zurückzugewinnen, das wird mit Steuergeldern bezahlt", lobt Benjamin Schäffner, Projektmanager bei Evonik und einer der wenigen Wirtschaftsvertreter bei Gain. Die Industrie komme aber kaum als Arbeitgeber vor. "Stattdessen wird der akademische Berufsweg als das Ideal präsentiert."
Dass der entgegen den Karriere-Versprechen eher steinig ist, wissen auch die Exilanten. "Entweder du schaffst es auf eine Professur oder nicht", sagt die Molekularbiologin Anne Kaster, 30. Derzeit forscht sie als Postdoc an der Universität Stanford, zugleich bewirbt sie sich in Deutschland. Ihr Mann ist promovierter Physiker, die beiden wollen einmal Kinder haben. Doch Lebensplanung sei schwierig an deutschen Unis, sagt Kaster. Die meisten Forscher müssten sich mit befristeten Stellen durchhangeln, die Unis hätten den akademischen Mittelbau dezimiert. "Man wird immer sehr beworben, aber am Ende ist man doch Bittsteller."
Ein Ausweg, so Kaster, könne ein sogenannter "Tenure Track" nach angelsächsischem Vorbild sein, wie ihn die TU München gerade ausprobiert. In dieser Karrierelaufbahn können sich Wissenschaftler statt durch eine Berufung durch kontinuierliche Forschung und Lehre für die begehrte Professur qualifizieren.
Um weitere Positionen zu schaffen, befürwortet Kaster auch eine unpopuläre Maßnahme, von der die Politik Abstand genommen hat: allgemeine Studiengebühren - nicht in US-Dimensionen, aber etwa in Höhe der vielerorts bereits eingeführten 500 Euro pro Semester. "Das würde viel Geld in die Kassen spülen."
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