Der Wirtschaftsaufschwung und geburtenschwache Schulabgänger-Jahrgänge haben die Chancen von Jugendlichen bei der Lehrstellensuche deutlich verbessert. Dies zeigt der Berufsbildungsbericht 2011, den Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) dem Kabinett vorlegte.
Während Schavan jubelte, der Aufschwung habe den Ausbildungsmarkt erreicht, zeigt der Bericht aus Sicht der Gewerkschaften vor allem jedoch, wie viele Jugendliche, meist Schulabbrecher, noch immer im sogenannten Übergangssystem landen: Wer keinen Ausbildungsplatz findet und keinen Job, der soll berufsvorbereitende Kurse absolvieren, teils mit praktischem Anteil. So sollen die Jugendlichen Kompetenzen erwerben und ihre Chancen verbessern.
Es sind Maßnahmen, die oft kritisiert werden. Die OECD nannte sie im Herbst "intransparent und unübersichtlich". Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte jetzt, allein 2010 seien über 320.000 Jugendliche "in den Warteschleifen und Ersatzmaßnahmen" gelandet, ohne Aussicht auf eine qualifizierte Ausbildung.
Doch andererseits klagen viele Branchen über Bewerbermangel: etwa Gastronomie, Lebensmittelhandel, Fleischer, Bäcker und Gebäudereiniger. Zum Teil sind es Branchen und Berufe mit relativ geringer Ausbildungsvergütung, vielen Überstunden und unregelmäßigen Arbeitszeiten, die bereits Nachwuchssorgen haben. Aber auch regional - insbesondere im Osten - gibt es inzwischen wegen der Abwanderung junger Menschen Probleme, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Bei populären Berufen dagegen, wie etwa Mediengestalter, Elektroniker oder Kaufmann, können sich die Unternehmen immer noch aus einem Überangebot an Bewerbern die Besten aussuchen. Auf einen Ausbildungsplatz als Tierpfleger kommen zum Beispiel mehr als zwei Bewerber.
Leistungsschwache Schüler haben bessere Chancen als im Vorjahr
Insgesamt bewarben sich 2010 bundesweit 572.000 junge Menschen um eine Lehrstelle, zehn Jahre zuvor waren es noch 645.000. Auch 2011 wird insgesamt mit einem weiteren Rückgang gerechnet - der allerdings durch die Aussetzung der Wehrpflicht und doppelte Abi-Jahrgänge etwas abgebremst wird. Die rückläufigen Schulabgängerzahlen haben die Chancen von leistungsschwächeren Jugendlichen mit schlechteren Schulnoten oder fehlendem Hauptschulabschluss im Vergleich zu den Vorjahren erheblich verbessert.
So geht die Zahl der in den Vorjahren nicht versorgten Altbewerber unter den Lehrstellensuchenden weiter zurück. Von den Bewerbern des Jahres 2010 waren 185.000 junge Menschen (35,2 Prozent) länger als ein Jahr auf Ausbildungsplatzsuche. Zwei Jahre zuvor waren dies noch fast 263.000 (42,4 Prozent).
Die Bundesbildungsministerin erwartet für dieses Jahr weitere Verbesserungen. Schavan forderte die Wirtschaft auf, mit ihren Anstrengungen nicht nachzulassen. "Wir müssen alle Potenziale nutzen, um den Fachkräftebedarf zu sichern." Schule, Übergangssystem und betriebliche Lehre müssten besser verzahnt werden.
Jugendliche aus Zuwandererfamilien machen seltener einen Abschluss
"Handlungsbedarf" sehen die Autoren des Berichts auch noch bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie verlassen doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss wie Jugendliche deutscher Herkunft. 2009 waren dies 13,8 Prozent gegenüber 5,8 Prozent. Auch machen Jugendliche aus Zuwanderer-Familien seltener eine Berufsausbildung (31,4 Prozent gegenüber 64,3 Prozent).
2010 wurden bundesweit 560.000 neue Lehrverträge abgeschlossen - rund 4200 oder 0,8 Prozent weniger als 2009. Dies wird vor allem mit dem Abbau staatlich geförderter außerbetrieblicher Ausbildungsplätze begründet. Bei den betrieblichen Plätzen im Westen wurde ein leichtes Plus verzeichnet.
Ernst Dieter Rossmann, Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe Bildung und Forschung, sagte: "Es handelt sich um einen Bericht mit Licht und Schatten." Es sei erfreulich, dass sich die Wirtschaft auch gegenüber Altbewerbern öffne, dennoch seien weitere Anstrengungen nötig. Der nächste Schritt müsse eine Ausbildungsgarantie sein, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen.
Kritik kam von den anderen Oppositionsparteien. Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, warf der Bundesregierung Konzeptlosigkeit vor. Schavan solle sich nicht länger auf den Ausbildungspakt und die demografische Entwicklung verlassen, sondern eine in der Regierung abgestimmte Strukturreform einleiten. Vor allem das "Übergangssystem" müsse reformiert werden.
Die Linkspartei warf Schavan "Verschleierung" der Fakten vor. Bewerber mit unbekanntem Verbleib würden als vermittelt mitgezählt. "1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluss werden in der Statistik nicht erfasst", erklärte Agnes Alpers, Expertin der Linken für berufliche Aus- und Weiterbildung. Trotz der guten konjunkturellen Lage gebe es noch immer weniger Ausbildungsplätze als vor der Wirtschaftskrise. "Schavan lässt Hunderttausende im Regen stehen", kritisierte Alpers.
otr/dpa/Reuters/dapd
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