Geisteswissenschaften: Schule der Genügsamkeit

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Geisteswissenschaften sind nicht zwangsläufig brotlos, aber das Brot ist hart. Eine neue Studie zeigt, dass Absolventen der Grübelfächer sich oft zügig in den Arbeitsmarkt einfädeln - und in prekären Jobs landen. Fast jeder Zweite würde heute ein anderes Fach studieren.

Geisteswissenschaftler: Bücherwürmer in prekären Jobs
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Geisteswissenschaftler: Bücherwürmer in prekären Jobs

Nennt der Geisteswissenschaftler im Kreise der buckligen Verwandtschaft sein Studienfach, erntet er im besten Fall verständnisloses Schweigen. Schlimmer ist die bange Frage "Und was macht man damit?", gern auch in der Variante "Aha, Politologie... Du willst also Politiker werden?" Den Rest gibt dem Soziologen, Romanisten, Historiker das gönnerhafte Angebot: "Mein Onkel hat ein Taxiunternehmen, den kann ich mal fragen."

Es sind die Fächer, vor denen Eltern ihre Kinder immer gewarnt haben. Jetzt zeigt eine Studie Hannoveraner Bildungsforscher: Schnurstracks in die Arbeitslosigkeit führen muss ein geisteswissenschaftliches Studium keineswegs, viele Absolventen fädeln sich sogar recht zügig in die Berufswelt ein. Aber eine sichere, unbefristete Vollzeitbeschäftigung ist für sie alles andere als selbstverständlich.

Neudeutsch spricht man vom "Prekariat". Beim Berufseinstieg erwarten viele Geisteswissenschaftler relativ unbefriedigende Arbeitsverhältnisse und eher wenig Geld. Diese ernüchternde Bilanz zieht das Hochschul-Informations-System (HIS) nach einer Befragung von 778 repräsentativ ausgewählten Studenten des Absolventenjahrgangs 2005 in Fächern wie Philosophie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Regionalstudien, Religionswissenschaften, Ethnologie sowie Medien-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaften.

Die Bildungsforscher ergänzen damit Befragungen aus den Jahren 1993, 1997 und 2001, in denen sie zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Den Geisteswissenschaften nimmt das aber nicht ihre Beliebtheit: Im Wintersemester 2006/2007 etwa setzten 76.600 Studienanfänger auf Sprach- und Kulturwissenschaften und machten diesen Zweig zur zweitbeliebtesten Studienrichtung hinter den Wirtschafts- Rechts- und Sozialwissenschaften, so die Daten des Statistischen Bundesamtes.

"Ein BWL-Student wäre emotional wohl am Ende"

Bei weitem nicht jeder schafft allerdings auch einen Abschluss, in den Geisteswissenschaften bleiben besonders viele Studenten auf der Strecke. Die HIS-Forscher nennen rund 17.000 Absolventen pro Jahr. Noch immer lernt jeder fünfte Studienanfänger eine der Disziplinen mit dem Etikett "brotlose Kunst". Verdienst und Karriere sind als Motiv für die Studienwahl bei den Geisteswissenschaftlern weit abgeschlagen. Wichtigster Grund ist mit weitem Abstand die persönliche Entfaltung. Im Durchschnitt aller Uni-Absolventen liegen diese drei Kriterien dagegen beinahe gleichauf.

Gerade weil es Geisteswissenschaftlern so stark um die persönliche Entfaltung gehe, treffe diese Absolventen die Härte des Berufslebens weniger heftig als andere, so Kolja Briedis, einer der Autor der Studie: "Die meisten haben nie mit der Motivation studiert, durch ihren Beruf reich zu werden oder gleich eine lebenslange Stellung zu bekommen", sagte Briedis in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". "Ein BWL-Absolvent wäre angesichts von Zeitverträgen und der niedrigen Anfangsgehälter wahrscheinlich emotional am Ende."

Eine gute Nachricht haben die HIS-Forscher für die Geisteswissenschaftler: Direkt nach ihrem Examen sind sie nicht öfter arbeitslos als der Absolventendurchschnitt. Im ersten Jahr nach dem Abschluss sinkt die Arbeitslosenquote ab und verharrt in den Folgejahren auf niedrigem Niveau von etwa fünf Prozent. Das war auch bei den drei vorangegangen Erhebungen von 1993 bis 2001 so. Auch für diese Gruppe gilt also wie für alle Akademiker: Ein Studium schützt vor Arbeitslosigkeit.

Tiefschläge beim Einkommen

Das "Normalarbeitsverhältnis" allerdings, eine unbefristete Vollbeschäftigung, ist für viele Geisteswissenschaftler unerreichbar. Nur jeder Achte steht richtig fest im Arbeitsleben. Stattdessen arbeiten die Absolventen der Denk- und Grübelfächer eher als Selbstständige oder in Werks- oder Honorarverträgen.

Damit einher geht ein geringeres Durchschnittseinkommen als bei Absolventen anderer Fächer. 22.500 Euro brutto jährlich verdienen vollzeitbeschäftigte Geisteswissenschaftler ein Jahr nach ihrem Examen. Bei Selbstständigen ist der Lohn deutlich niedriger. Kein Wunder, dass nur 19 Prozent der Geisteswissenschaftler mit ihrem Einkommen zufrieden sind.

Der ungleiche Verdienst bei den verschiedenen Abschlüssen setzt sich im Erwerbsleben fort, erklärt HIS-Forscher Briedis. Mit etwas Glück bekämen Geisteswissenschaflter am Ende des Berufslebens ein gutes Facharbeitergehalt. Das sei zwar nicht schlecht, "aber meilenweit von dem entfernt, was Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure verdienen", so Briedis in der "Zeit".

In eine Berufswelt, die nicht direkt auf fertige Philosophen oder Germanisten gewartet hat, fädeln sich die Geisteswissenschaftler dennoch relativ problemlos ein, ermittelten die HIS-Forscher. Dabei helfe ihnen vor allem ihre Anpassungsfähigkeit. Nur finden wenige eine dem Studium angemessene Stelle: Von den Berufsanfängern sehen sich lediglich 28 Prozent volladäquat beschäftigt, 39 Prozent dagegen empfinden ihre Stelle als unpassend.

Nur jeder fünfte Absolvent hält seinen Job für sicher

Nur etwa die Hälfte arbeitet in den naheliegenden Bereichen Publizistik, Lehre, Bildung, Kultur und Forschung. Beinahe ebenso viele landen dagegen in Büroberufen oder im Verkauf. "Da ist alles dabei", so Studienautor Briedis, "vom Einzelhandel über die Unternehmenskommunikation bis hin zu Sprachkursen. Leider ist die Arbeit nicht immer anspruchsvoll." Die Zahlen stützen seine Einschätzung: Jeder vierte Absolvent der "weichen" Fächer fühlt sich in seinem späteren Beruf unterfordert.

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In den Beruf finden viele Geisteswissenschaftler durch Stellenausschreibungen in Zeitungen oder im Internet, durch Praktika und Jobs aus dem Studium. Acht Prozent zimmern sich ihre Stelle als Freiberufler einfach selbst. Vitamin B, also persönliche Beziehungen, sind für Geisteswissenschaftler etwas wichtiger als für andere Akademiker: 14 Prozent hilft die Vermittlung durch Eltern oder Freunde. Und die Arbeitsagenturen? Kaum der Rede wert - nur für jeden fünfzigsten Absolventen entscheidend.

Ihre unsicheren Arbeitsverhältnisse machen dieser Akademikergruppe stark zu schaffen. Während im Durchschnitt aller Absolventen immerhin die Hälfte ihren Arbeitsplatz für sicher hält, glaubt das bei den Geisteswissenschaftlern nur jeder Fünfte.

Wenig Geld, falscher Job, ständige Unsicherheit plus häufige Unterforderung im Beruf - im Rückblick sehen Geisteswissenschaftler ihre Studienwahl kritisch. Studieren würden sie schon wieder, antworteten neun von zehn. Aber bitte nicht das gleiche Fach, sagten 40 Prozent. Besonders hart gingen Kommunikationswissenschaftlter und Anglisten mit ihrer Studienfachwahl ins Gericht, genaue Zahlen nennen die Forscher hierzu aber nicht. Und jeder Zweite würde heute eine andere Hochschule wählen.

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