Jobs für Geisteswissenschaftler: Mach immer, was dein Herz dir sagt

Von Boris Breyer

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Auf der Suche: Geisteswissenschaftler brauchen oft länger für die Jobsuche

Geistes- und Sozialwissenschaftler werden alle Taxifahrer oder Thekenkraft? Kommt zwar vor, ist aber nicht die Regel. Viele finden gut in den Arbeitsmarkt, leicht haben es Historiker und Co. trotzdem nicht.

Gwendolin Lehnerer sitzt in ihrer Münchner WG-Küche und kann gar nicht aufhören, über das Fach zu sprechen, das sie studiert: Theaterwissenschaften, die große Leidenschaft der 21-Jährigen. Die lässt sie sich auch nicht vermiesen, und so hat sie inzwischen gelernt, diese eine Frage auszuhalten, die ihr nun seit drei Semestern immer wieder gestellt wird: "Theaterwissenschaften? Was willst du denn später damit machen?" Meist wird dann noch ein "Du bist ja mutig!" hinterhergeschoben. Es bedeutet so viel wie: Na, dann mal viel Spaß beim Taxifahren. Oder beim Kellnern.

Wie viele andere wusste Gwendolin nach ihrem Abitur nicht recht, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Die Welt stand offen, die Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Was studieren? Ein Fach wie Medizin, Mathe oder Informatik, das nach dem Examen einen Job mit gutem Einstiegsgehalt so gut wie garantiert? Das dafür aber nicht ihren Interessen entspricht? Oder doch ihren Wünschen folgen, auch wenn nicht klar ist, wohin dieser Weg sie führt?

Gwendolin entschied sich für Letzteres. Ihre Mutter hatte zwar "ein wenig Bammel", sie selbst aber war sich ihrer Sache sicher. "Ich studiere etwas, in dem ich aufgehe, und deshalb bin ich jetzt auch richtig gut." Und wer etwas gut kann, so lautet Gwendolins Maxime, der wird auch einen Job finden.

Dabei kann man Mutter Lehnerer durchaus verstehen, genauso wie alle anderen Eltern, die Kopfschmerzen bekommen, wenn ihre Kinder auf einmal Studienwünsche wie Archäologie, Soziologie oder Kulturpädagogik an sie herantragen. Derlei Fächer gelten von jeher als ziemlich brotlose Kunst. Die Frage ist, ob das auch zu Recht so ist.

Historiker tun sich besonders schwer

Alexander Brede studiert seit fünf Jahren Geschichte und sitzt an seiner Masterarbeit. Er weiß, dass in seinem Fach eine der höchsten Arbeitslosenraten unter den Absolventen der Geisteswissenschaften zu verzeichnen ist. Trotzdem hat er seinen Schritt nicht bereut: Er liebt die Geschichtswissenschaften - und wird von seinen Eltern unterstützt. Die rieten ihm, sich bei der Studienwahl an seinen Interessen zu orientieren und nicht in erster Linie an Karrierechancen.

Nach seinem Abschluss möchte Alexander "am liebsten an der Uni bleiben und forschen". Bei seinem Nebenjob als Tutor für jüngere Studenten entdeckte er, dass ihm auch das Unterrichten liegt, ein Job als Dozent wäre also genau das Richtige für ihn. Denkbar ist für ihn zudem, sich als Historiker in einem Archiv zu bewerben. Der Berufseinstieg wird auf jeden Fall nicht einfach. Laut dem "Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt", einem Projekt der Uni Duisburg-Essen, das Studienfächer auf Jobchancen untersucht, tun sich Historiker da besonders schwer.

Alexander ist auf mögliche Startprobleme vorbereitet. Findet er keinen Arbeitsplatz an einer Universität, würde er sich auch für den Dienst in einer Behörde bewerben. Im Idealfall in einer Verwaltung, die "irgendwas mit Häfen zu tun hat". Die Beschäftigung mit Schifffahrtsthemen zählt nämlich zu seinen Hobbys, und bei seiner Abschlussarbeit hat ihm das genützt: Er erforschte die Geschichte des Hamburger Hafens.

Würde Alexander in einer Behörde landen, wäre das kein Einzelfall. Manchen Historikern ist es tatsächlich gelungen, in Ämtern Fuß zu fassen, andere arbeiten in Consultingfirmen. Auch Theaterwissenschaftler und Sozialpädagogen heuern regelmäßig fachfremd an, zum Beispiel bei Internet-Start-ups.

"Die Leute sollten das machen, was ihnen am Herzen liegt"

Das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelte zwar kürzlich, dass in den vergangenen vier Jahren nur durchschnittlich zwei Prozent aller Uni-Absolventen arbeitslos waren - in der Gesamtbevölkerung lag die Arbeitslosenquote Ende 2012 bei 6,7 Prozent. Doch unter Geisteswissenschaftlern und Pädagogen arbeiteten nur etwa 50 Prozent in einem Beruf, der genau ihrer Ausbildung entsprach.

Das Ausweichen auf Alternativen hat seinen Preis. Während etwa die Mediziner des Absolventenjahrgangs 2009 laut einer HIS-Studie zwei Jahre nach ihrem Berufseinstieg knapp 50.000 Euro brutto im Jahr verdienen, kommen ihre Mitstudenten aus den geisteswissenschaftlichen Fächern - also jene, die besonders oft auf andere Berufsbilder ausweichen müssen - nur auf wenig mehr als die Hälfte.

Überzeugungstäterinnen wie die Theaterwissenschaftsstudentin Gwendolin irritiert das nicht. "Ich studiere doch nicht BWL oder Medizin, nur um später einen sicheren Job und ein gutes Gehalt zu haben", sagt sie und ist fast ein bisschen empört. "Ich finde, die Leute sollten das machen, was ihnen am Herzen liegt." Das sieht inzwischen sogar ihre Mutter so. Und eigentlich studiert Gwendolin ja auch etwas richtig Solides - zumindest im familieninternen Vergleich. Ihre Schwester ist an der Kunstakademie.


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insgesamt 69 Beiträge
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1. Weitsicht/Akzeptanz
mmh_23 14.03.2013
Ich denke, dass die Studienwahl nicht unbedingt etwas mit der späteren Berufswahl zu tun haben sollte bzw. zu tun hat. Interessen ändern sich zum einen. Zum anderen wird doch im Rahmen eines Studiums die sog. Methodenkompetenz geschult bzw. sollte es so sein. Kurz: Mal abgesehen von spez.-techn. Studienfächern wie bspw. Ing.-Wissenschaften, Medizin oder Jura ist es doch eigentlich egal, was man studiert hat. Problematisch m.E. ist die fast geschlossen vorhandene Blind- oder Verschlossenheit von Personalabteilungen so etwas zu sehen oder anzuerkennen. Wer sich als Literaturwissenschaftler auch für das Rechnungswesen interessiert, kann sich das in der Praxis schnell aneignen (als Bsp. - andere können sicher schnell konstruiert werden). Eine sog. Volkswirtschaft, um es mal groß aufzuhängen, vergibt sich auf diese Art viele Chancen für eine gute Durchmischung (siehe den Textproduktionsbegriff Diversity - ein Witz bisher) der Belegschaft. Je mehr Kontexte (durch Mitarbeiter/Innen mit ihren jeweiligen Ausbildungshintergründen) desto größer die kombinatorischen Möglichkeiten von Problemlösungen im sozialen Miteinander und bei sachlichen Problemstellungen, sag ich mal so.
2. Gemder-Pay-Gap
separatist 14.03.2013
Zitat von sysopPaula TroxlerGeistes- und Sozialwissenschaftler werden alle Taxifahrer oder Thekenkraft? Kommt zwar vor, ist aber nicht die Regel. Viele finden gut in den Arbeitsmarkt, leicht haben es Historiker und Co. trotzdem nicht. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/geisteswissenschaftler-sollen-miese-chancen-auf-dem-arbeitsmarkt-haben-a-883391.html
Soviel zum Thema Gender-Pay-Gap.
3. Herz zahlt alleine keine Miete
E_SE 14.03.2013
Zitat von mmh_23Ich denke, dass die Studienwahl nicht unbedingt etwas mit der späteren Berufswahl zu tun haben sollte bzw. zu tun hat. Interessen ändern sich zum einen. Zum anderen wird doch im Rahmen eines Studiums die sog. Methodenkompetenz geschult bzw. sollte es so sein. Kurz: Mal abgesehen von spez.-techn. Studienfächern wie bspw. Ing.-Wissenschaften, Medizin oder Jura ist es doch eigentlich egal, was man studiert hat. Problematisch m.E. ist die fast geschlossen vorhandene Blind- oder Verschlossenheit von Personalabteilungen so etwas zu sehen oder anzuerkennen. Wer sich als Literaturwissenschaftler auch für das Rechnungswesen interessiert, kann sich das in der Praxis schnell aneignen (als Bsp. - andere können sicher schnell konstruiert werden). Eine sog. Volkswirtschaft, um es mal groß aufzuhängen, vergibt sich auf diese Art viele Chancen für eine gute Durchmischung (siehe den Textproduktionsbegriff Diversity - ein Witz bisher) der Belegschaft. Je mehr Kontexte (durch Mitarbeiter/Innen mit ihren jeweiligen Ausbildungshintergründen) desto größer die kombinatorischen Möglichkeiten von Problemlösungen im sozialen Miteinander und bei sachlichen Problemstellungen, sag ich mal so.
Wer auf einen Job hin studiert, den er nicht mag, wird nicht gut darin sein. Wer nur tut was ihm "gerade Spass macht" ohne Rücksicht auf den Arbeitsmarkt muss sich später nicht wundern, dass er keinen Job bekommt. Wer diese beiden Punkte abwägt und einen tragfähigen Kompromiss sucht, der hat später gute Chancen auf Glück - und Geld. Und zu Ihrer Behauptung: Jein. Ganz egal ist das nicht. Ein künstlerisches Herz (Theater, Literatur, Musik etc.) soll sich plötzlich ausgerechnet für das Rechnungswesen begeistern (trocken, klare Vorgaben, kaum Entfaltungsmöglichkeiten, ohne Fantasie) ? Sehr unglaubwürdig. Abgelehnt. Ich kenne aber genug Fälle von früheren Selbständigen in mittlerweile angestellten und inhaltlich komplett anderen Arbeitsumfeldern, die gute Arbeit leisten und auch noch Spass haben. Weil Ihr "Herz" immer schon "Projekte eigenverantwortlich durchführen" war. Und genau hier achten die Personalabteilungen drauf.
4. Postmaterialimus
lafrench 14.03.2013
...ist den Pragmatikern wohl eine Unbekannte. Ich erinnere mich gut an Komilitonen, die heute sagen: "Ich habe pragmatisch studiert - heute kann ich alles verkaufen, egal ob Windeln oder Traktoren. Hauptsache, ich habe einen Job und kann mich selbst darstellen. Wenn ich Rentner bin, studiere ich endlich Philosophie." Manche Leute machen es eben andersherum und erfahren dann Neid, wenn sich bei den Pragmatikern herausstellt, dass der jursitische, betriebswirtschaftliche oder andere Bürojob doch nur schwer zu tragen ist - genauso schwer übrigens, wie schon das trockene Studium. Naja, ich denke, genau diesen Neid sehen wir hier - er kommt spätestens auf, wenn der Pragmatiker merkt, dass Geld und Selbstdarstellung recht schnell langweilig werden und in sich selbst auch inhaltslos sind. Genau über diese Inhaltslosigkeit beschweren sich meine alten Bwler Freunde heute. Dann kommt die tiefe Sinnsuche mit 30. Als Geisteswissenschaftler kann man auch Glück haben, ich halte hier die Fahne hoch :) Eigener Betrieb, offensichtlich genug Zeit zur Entspannung, Unitätigkeit. Das ist alles vereinbar. Als junger Studentin hat man mir damals gesagt: machen Sie, was Sie am Besten können, dann werden Sie dort zu den Besten gehören. Ich denke, das ist immernoch ein sehr guter Ratschlag für die Berufswahl - und besser, als die Zeit für sich entscheiden zu lassen, wenn man z.B. das falsche pragmatisch versucht zu studieren, zu dem man nicht geeignet ist :D Ich berate auch heute noch erfolglose BWL Studenten, die sich quälen... Was da alles zusammenkommt!
5.
mmueller60 14.03.2013
Zitat von separatistSoviel zum Thema Gender-Pay-Gap.
Völlig korrekt. Die Wahrscheinlichkeit, daß so eine Frau (es sind wohl 80% Frauen in den Geisteswissenschaften) zum Miternährer einer Familie wird, ist recht gering. Die alten Rollen werden so zementiert. Und alle Stellweichen auf dem Weg dahin nehmen auch schon diese Ausrichtung - wer schon von einer "Karriere" als Mutter ausgeht, wird sich kaum selbständig machen und mit Rechnungswesen beschäftigen, sondern voll in der Selbstentfaltung bleiben.
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