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Geklaute Hausarbeiten: Copy, Paste, Rauswurf

Die Versuchung ist groß, wenn einem Studenten die Arbeit über den Kopf wächst: Schnell ein paar Absätze aus dem Netz kopieren und für die eigene Hausarbeit nutzen. Doch im Kampf gegen Plagiatoren rüsten die Unis auf. Wiederholungstätern drohen sie mit Rauswurf.

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Kopieren geht nicht über Studieren: Auch die Kopie eines Plagiats ist nur ein Plagiat

Schon 3 Uhr in der Nacht und wieder nichts zustande gebracht? In den meisten Browsern ist der Suchschlitz von Google rechts oben eingebaut. Schnell suchen, ein bis zwei Absätze aus einer Studie saugen, leicht umformulieren, das Kapitel wäre fertig und das Gewissen beruhigt. Abschreiben ist heute so leicht, dass immer wieder Studenten schwach werden.

In einer echten Hausarbeit stecken in der Regel ein paar Wochen Arbeit. Und die schnelle Lösung scheint so nah. Doch die Hochschulen kennen das Problem zu gut und verstehen bei Plagiaten keinen Spaß: Wer erwischt wird, dem droht im Extremfall ein vorzeitiges Ende seiner Studienkarriere.

"Die Versuchung wird durch die technischen Möglichkeiten immer größer", sagt Professor Roland Schimmel von der Fachhochschule Frankfurt am Main. "Man muss nur den Rechner anschalten und kann sich über Google unzählig viele fertige Texte erschließen." Institutionen und Verbände stellen Studien ins Internet, über Suchmaschinen oder Online-Händler findet man komplette Bücher in digitaler Form, und bei einigen Portalen kann man sich fertige Diplom- oder Seminararbeiten kaufen. Eine Internetseite wirbt sogar offen mit dem Slogan: "Deine fertige Hausaufgabe gibt's doch schon! Warum also selbst abmühen?"

Das Wort Plagiat geht auf das lateinische plagium zurück, und das heißt Menschenraub. Wer sich die geistige Arbeit eines anderen aneignet, verstößt gegen das Urheberrecht und ist damit ein Plagiator. Verlässliche Untersuchungen darüber, wie häufig Studenten ihre Prüfer mit Plagiaten hinters Licht führen wollen, gibt es nicht. Schimmel findet an seinem Lehrstuhl aber zumindest in einem einstelligen Prozentbereich der abgegebenen Arbeiten heimlich kopierte Passagen. "Mal sind es nur ein paar Absätze, mal wird die Hälfte einer 60-seitigen Arbeit aus dem Internet übernommen."

Upps! Werbebanner mitkopieren fällt besonders auf

Vielen Studenten fehle dabei jedes Unrechtsbewusstsein, hat Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin beobachtet. Sie hat sich als Plagiator-Jägerin in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht und als Testerin von Software, die Plagiate aufspüren soll. "Die laden ihre Musik und ihre Filme aus dem Netz runter und sind dann der Meinung, dass man auch seine Hausarbeit runterladen könne", sagt sie. Für das fehlende Unrechtsbewusstsein spreche außerdem, dass sich Studenten sogar Tipps bei der Fachfrau holen wollen, wie man sicher abschreibt. "Manchmal fragen Studenten auch: 'Wie viele Wörter muss ich umstellen, damit es kein Plagiat mehr ist?'", sagt Weber-Wulff.

"Die haben gar nicht verstanden, worum es beim wissenschaftlichen Arbeiten überhaupt geht." Das Forschen und Streben nach neuen Erkenntnissen bleibe beim Copy-und-Paste-Verfahren völlig auf der Strecke. Nur in den wenigsten Fällen habe man aber das Gefühl, dass Studenten aus bösem Willen ein Plagiat abliefern. "Oft kommt die Ausrede, dass die Zeit bis zum Abgabetermin knapp geworden ist. Ein Vorsatz steckt in den wenigsten Fällen dahinter - eher ein Desinteresse an den Standards wissenschaftlichen Arbeitens."

Ohnehin sei bei Plagiaten oft eine gehörige Portion Dummheit im Spiel, ist die Erfahrung der Experten: Mitunter kopieren Studenten Werbebanner aus dem Internet gleich mit in ihre Hausarbeit. Andere machen sich nicht die Mühe, Schriftart und -größe des kopierten Abschnitts an das Format des restlichen Textes anzupassen. "Manchmal fragt man sich schon, für wie blöd die uns halten", sagt Schimmel. "Wenn man einmal einen Anfangsverdacht hat, nimmt man sich die Zeit, um ein Plagiat aufzudecken. Oft ist das gar nicht schwer, denn wenn ein Student einen Text im Internet findet, findet ihn der Prüfer auch."

Außerdem haben die Hochschulen technisch aufgerüstet: Immer häufiger verlangen sie Abschlussarbeiten auch in digitaler Form und schicken dann ein Computerprogramm auf die Suche nach Parallelstellen im Internet.

Unis bekämpfen Abschreiber inzwischen mit harten Bandagen

Im Herbst 2008 verschärfte das Land Baden-Württemberg sein Hochschulgesetz, um Abschreiber leichter von der Uni werfen zu können. Ein Plagiator in Münster, den eine Software zum Auffinden kopierter Stellen überführt hatte, klagte gegen seine Note "Mangelhaft" und verlor vor Gericht.

Auch einzelne Hochschulen machen es wie Baden-Württemberg und haben gegen die grassierende Abschreiberitis ihre Prüfungsordnungen um strengere Passagen ergänzt oder angepasst. Wird einem Kulturwissenschaftsstudenten an der Universität in Frankfurt an der Oder zum ersten Mal ein Plagiat nachgewiesen, gilt die Prüfung als nicht bestanden. Das kann den Betroffenen im Studium um viele Monate zurückwerfen.

Die Exmatrikulation ereilt zwar meist Studenten, die eine letzte, entscheidende Prüfung nicht bestehen - aber wer ein zweites Mal mit einem Plagiat erwischt wird, dem droht an der Europa-Universität Viadrina die Zwangsexmatrikulation, sagt Janine Nuyken, Mitarbeiterin der Uni. Danach habe man an keiner deutschen Hochschule mehr die Chance, den begonnenen Studiengang abzuschließen. Die Uni-Karriere ist zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat.

So weit sei es an der Viadrina aber noch nie gekommen, sagt Nuyken. Fällt ein Student zum ersten Mal mit einem Plagiat auf, gebe es eine derart deutliche Verwarnung, dass es bislang niemand auf einen zweiten Täuschungsversuch ankommen ließ.

Besonders drastisch können die Konsequenzen werden, wenn ein Plagiat erst einige Zeit nach der Prüfung auffliegt und der Abschluss nachträglich aberkannt wird. "Dann kann der Arbeitgeber sich belogen fühlen und den Arbeitsvertrag anfechten", sagt Schimmel. Im schlimmsten Fall wäre ein Plagiat dann sogar als Betrug zu werten - und das ist eine Straftat.

Marc Herwig, dpa/cht

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. Profs
allstar83 20.09.2010
Während meiner Studienzeit waren es teilweise die Professoren selbst, welche mit eins zu eins übernommen Skripten auf sich aufmerksam gemacht haben. Eine kurze Recherche im Netz hatte dabei schon mal gezeigt, dass nur der Name des Autors geändert wurde. Die Professoren darauf "hinzuweisen", hat sich natürlich keiner getraut. Das hat natürlich eine äußerst schlechte Vorbildfunktion. Musste auch mal gesagt sein. :)
2. Profs
allstar83 20.09.2010
Während meiner Studienzeit waren es teilweise die Professoren selbst, welche mit eins zu eins übernommen Skripten auf sich aufmerksam gemacht haben. Eine kurze Recherche im Netz hat dabei schon mal gezeigt, dass nur der Name des Autors geändert wurde. Die Professoren darauf "hinzuweisen", hat sich natürlich keiner getraut. Das hat natürlich eine äußerst schlechte Vorbildfunktion. Musste auch mal gesagt sein. :)
3. Plagiat, aber wann?
Greybird 20.09.2010
Ich persönlich habe sehr schlechte Erfahrung mit dem Plagiatsvorwurf gemacht - am Gymnasium. Meine Deutsch-LK-Lehrerin warf mir vor, dass einmal 9 und einmal 13 Wörter genauso auch schon mal in einer Oldenbourg-Interpretation standen. Dabei waren die Sätze nicht mal inhaltlich besonders von Bedeutung, Aller-Welts-Formulierungen. Ich bekam eine 5, obwohl ich nicht abgeschrieben hatte. Ich hatte die Interpretation aber tatsächlich gelesen. Im Nachhinein musste ich mich selber fragen, ob ich mir die Stellen nicht unbewusst gemerkt und (Wochen später) deswegen so niedergeschrieben habe (2 Sätze...). Die eigentliche Leistung war aber die ganze Arbeit, die mich viele Wochen Mühe gekostet hatte. Muss ich jetzt selber mit Plagiatssoftware meine Arbeiten durchsuchen um der Gefahr zu entgehen, unbewusst oder zufällig ähnlich formuliert zu haben, wie es schonmal jemand getan hat? Das wäre eine Umkehrung der Beweislast, scheint aber der einzige Schutz vor falschen Vorwürfen zu sein...
4. Verbesserungen
peterbruells 20.09.2010
Zitat von GreybirdIch persönlich habe sehr schlechte Erfahrung mit dem Plagiatsvorwurf gemacht - am Gymnasium. Meine Deutsch-LK-Lehrerin warf mir vor, dass einmal 9 und einmal 13 Wörter genauso auch schon mal in einer Oldenbourg-Interpretation standen. Dabei waren die Sätze nicht mal inhaltlich besonders von Bedeutung, Aller-Welts-Formulierungen. Ich bekam eine 5, obwohl ich nicht abgeschrieben hatte. Ich hatte die Interpretation aber tatsächlich gelesen. Im Nachhinein musste ich mich selber fragen, ob ich mir die Stellen nicht unbewusst gemerkt und (Wochen später) deswegen so niedergeschrieben habe (2 Sätze...). Die eigentliche Leistung war aber die ganze Arbeit, die mich viele Wochen Mühe gekostet hatte. Muss ich jetzt selber mit Plagiatssoftware meine Arbeiten durchsuchen um der Gefahr zu entgehen, unbewusst oder zufällig ähnlich formuliert zu haben, wie es schonmal jemand getan hat? Das wäre eine Umkehrung der Beweislast, scheint aber der einzige Schutz vor falschen Vorwürfen zu sein...
Ach, das geht noch besser. Meine Englischlehrerin war der Meinung, meine Hausarbeit sei ein Plagiat, weil mit Kapitel 1.2 beginnend und "mit Schreibmaschine und viel zu sauber" (Nun ja, mit Computer und Drucker, aber das war Ende der 80er ja noch gefährliches Teufelszeug.) Zu viele Stunzen im Schuldienst - würde man die aussortieren, hätte man auch bessere Studenten.
5. ...
Mel.M 20.09.2010
Zitat von GreybirdIch persönlich habe sehr schlechte Erfahrung mit dem Plagiatsvorwurf gemacht - am Gymnasium. Meine Deutsch-LK-Lehrerin warf mir vor, dass einmal 9 und einmal 13 Wörter genauso auch schon mal in einer Oldenbourg-Interpretation standen. Dabei waren die Sätze nicht mal inhaltlich besonders von Bedeutung, Aller-Welts-Formulierungen. Ich bekam eine 5, obwohl ich nicht abgeschrieben hatte. Ich hatte die Interpretation aber tatsächlich gelesen. Im Nachhinein musste ich mich selber fragen, ob ich mir die Stellen nicht unbewusst gemerkt und (Wochen später) deswegen so niedergeschrieben habe (2 Sätze...). Die eigentliche Leistung war aber die ganze Arbeit, die mich viele Wochen Mühe gekostet hatte. Muss ich jetzt selber mit Plagiatssoftware meine Arbeiten durchsuchen um der Gefahr zu entgehen, unbewusst oder zufällig ähnlich formuliert zu haben, wie es schonmal jemand getan hat? Das wäre eine Umkehrung der Beweislast, scheint aber der einzige Schutz vor falschen Vorwürfen zu sein...
Wegen zwei Sätzen wird man an der Uni nicht von Plagiat sprechen. Hier geht es um ganze Hausarbeiten oder großen Teilen davon. Wenn jemand ganze Kapitel aus anderen Arbeiten übernimmt. Dabei geht es auch meist nicht darum, dass der Studi aus Büchern oder Aufsätzen Kapitel übernimmt, sondern um erste Linie ganze Hausarbeiten von entsprechenden Webseiten oder bei Kommilitonen kauft und diese dann als seine eigene Arbeit ausgibt.
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