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Generation Bumerang in den USA: Mama, darf ich wieder bei dir einziehen?

Aus San Francisco berichtet

Wie ein Bumerang kommen sie zurück: Fast sechs Millionen jüngere Amerikaner ziehen wieder bei Mama ein, weil sie ihren Job verloren haben oder nach der Uni erst gar keinen finden. Sie heiraten nicht, sie kriegen keine Kinder - und werden deshalb jetzt zum Politikum.

Einziehen bei Mama: Home, sweet home - again Fotos
Karl Nielsen

Karl Nielsen, 27, ist ein begeisterter Fotograf, er weiß, wie er bei Landschaften das Licht zu setzen hat und wie er bei Porträts das richtige Maß an Nähe und Distanz findet. Seine Bilder wirken intensiv, ohne aufdringlich zu sein, seine Perspektiven sind originell, aber nicht zu abgedreht.

Leider hatte die Welt im Sommer 2007 keinen gesteigerten Bedarf an gut gesetztem Licht, und so stand Karl, nach vier Jahren Studium und einem Abschluss in Kunstwissenschaft mit Schwerpunkt Fotografie an der University of California in Santa Barbara, auf der Straße. Kein Job als Fotograf in Sicht, kein Geld, keine Wohnung. Karl arbeitete als eine Art Manager in einem öffentlichen Schwimmbad, eine Übergangslösung.

Um Miete zu sparen zog Karl wieder zu Hause bei seinen Eltern ein. Nach Benicia, 35 Meilen nordöstlich von San Francisco, 28.000 Einwohner, viele pflanzen Kürbisse im Garten an. Ein kleines Nest im Nirgendwo. "Mama, Papa, ich bin zuhause. Kann ich bleiben?" Noch eine Übergangslösung, dachte Karl.

Der Mittelklasse-Traum zerplatzt

Junge Erwachsene wie Karl, die nach dem Studium (oder nachdem sie arbeitslos geworden sind), wieder bei den Eltern einziehen, heißen in den USA "Boomerang Kids". Ein niedliches Wortspiel, doch die Wirklichkeit, die das U.S. Census Bureau kürzlich verkündete, ist weit weniger niedlich. Sondern ziemlich düster.

5,9 Millionen Amerikaner zwischen 25 und 34 Jahren leben derzeit bei ihren Eltern, 26 Prozent mehr als 2007, bevor die Rezession kam. Fast jeder zweite von ihnen hat ein Einkommen südlich der Armutsgrenze. Wenig verwunderlich, dass mehr als zwei Drittel aller Eltern ihre erwachsenen Kinder weiter finanziell unterstützen - doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. "Wir haben diese Entwicklung auch in früheren Rezessionen beobachtet", sagt Claude Fischer, Soziologin an der Universität Berkeley. "Doch so ernst war die Lage seit vielen Generationen nicht mehr." Manch einer wähnt sich schon zurück in den grimmigen Zeiten unter Präsident Eisenhower.

Amerikas Wirtschaft ist in trauriger Verfassung, vom Einbruch in Folge der Finanzkrise von 2007/2008 hat sie sich nie richtig erholt. Obwohl die Rezession offiziell Mitte 2009 endete, zeigt in diesen Wochen ein wahrer Platzregen an Daten, wie trüb die Aussichten sind für die Mittzwanziger bis Mittdreissiger, deren Weg zum amerikanischen Mittelklasse-Traum - Job finden, Familie gründen, Haus kaufen - durch den Mangel an Jobs abrupt gestoppt wird.

Bei 9,1 Prozent liegt die US-Arbeitlosigkeit im Schnitt, doch unter den Heranwachsenden ist sie deutlich höher - mehr als 18 Prozent etwa bei den unter 24-jährigen. "Junge Menschen, die ihren Weg erst noch finden müssen, mit weniger Wissen und weniger Erfahrung, spüren wirtschaftliche Abschwünge viel härter als andere", sagt Jeffrey Jensen Arnett, Professor für Psychologie an der Clark University in Massachusetts. Schon ruft die "Huffington Post" die "verlorene Generation" aus.

Nach dem Examen wollte sich Karl, braungebrannt, T-Shirt, Armbändchen, eigentlich als Fotograf selbständig machen, aber um zunächst ein sicheres Einkommen zu haben, bewarb er sich auch auf reguläre Stellen. "Ich habe Dutzende Bewerbungen geschrieben, wurde aber nicht ein einziges Mal auch nur zum Vorstellungsgespräch eingeladen." So blieb sein Leben lange ein Provisorium, ein Bumerang, der in die Welt hinaus schwirrte und immer wieder im Elternhaus landete.

Nach einigen Monaten im Schwimmbad heuerte Karl in der US-Forschungsstation McMurdo in der Antarktis an, wo er sich noch vor seinem Examen aus einer Laune heraus beworben hatte. Kaffee kochen, Fische für wissenschaftliche Studien ausnehmen und säubern und immer wieder Schnee schippen: "Ich musste alles machen, was dreckig und anstrengend war", sagt Karl. Vier Monate Mädchen für alles, aber mit atemberaubendem Panorama. Es folgte eine Saison als Bootsführer für Touristen in Alaska, dann wieder vier Monate McMurdo, diesmal als Schweißer. Danach für einige Monate der Versuch, sich als Fotograf selbstständig zu machen, doch die Wirtschaft brach erneut ein, und im Sommer 2010 musste Karl wieder als Bootsführer nach Alaska, um Geld zu verdienen.

Wie sich die ökonomische Situation binnen zwei Jahren entwickelt hatte, konnte Karl auch in der Rafting-Firma sehen, für die er arbeitete: "2008 war ich fast der Einzige mit vier Jahren Studium und Uni-Abschluss", erinnert er sich. "Aber 2010 hatten alle neun Bootsführer Uni-Examen: Chemie, Politik, Mathematik, sogar Betriebswirtschaft von ziemlich bekannten Business Schools." Und das Rafting-Unternehmen bekam weitaus mehr Bewerbungen als es Leute einstellen konnte. 2008 hatten sich für die 15 Bootsführer-Stellen rund 20 Bewerber gemeldet - 2010 waren es mehr als hundert.

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1. .
alexkie 14.11.2011
Die Arbeitslosenquote liegt zwar bei 9,0 Prozent, die Akademiker-Arbeitslosenquote (Bachelor-Abschluss oder mehr) liegt allerdings in den USA bei nur 4,4%. Von der Uni in die Arbeitslosigkeit ist also auch in den Staaten nach wie vor relativ unwahrscheinlich.
2. Degeneration
Alias_aka_InCognito 14.11.2011
In früheren Zeiten haben sich Leute ohne feste Jobs und Einkommen durchgebissen, sind täglich in den Überlebenskampf gezogen, waren zäh, hart und ausdauernd. Dieser Lebensstil war aber auch kultiviert und entwickelte eine gewisse, raue Ästhetik und Faszination. Es war eine Sportlichkeit, in der gleichgesinnte und Leidensgenossen gesellig zusammenfanden und dadurch wieder Freude am Leben fanden. Das kann man heute aber nicht mehr erwarten. Wird es hart, flüchten alle wieder in Mamas Schoss und lassen sich beköstigen und ein gemachtes Bett bereiten. Zudem sind die heutigen Menschen emotional verkrüppelt und seelisch instabil. Das ist aber ein Zustand, der sich viral über ganze Kontinente auszubreiten scheint.
3.
Giraffenzebra 14.11.2011
Diese Entwicklung haben wir so oder so ähnlich doch auch in Deutschland. Die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland unter 35 Jahren haben noch nie in ihrem ganzen Leben einen festen Arbeitsvertrag gehabt. Selbst viele Ingenieure und Naturwissenschaftler bei uns verdienen 25 oder 30.000 € Brutto im Jahr und das oft sogar noch bei befristeten Arbeitsverträgen oder als Zeitarbeiter, was sich gerade bei Ingenieuren immer mehr verbreitet. Zehntausende Ingenieure und Naturwissenschaftler in Deutschland sind arbeitslos, trotz Wirtschaftsboom und demographischen Effekten ... von Fachkräftemangel keine Spur. Bei vielen anderen Akademikern sieht's noch schlimmer aus, die sich nach dem Studium noch von Praktikum zu Praktikum hangeln, oft sogar unbezahlt, meistens jedoch nichtmal so viel, dass sie davon auch nur annähernd leben können. Auch bei normalen Auszubildenden sieht's im Grunde nicht anders aus. Zeitarbeit, befristete Verträge, Teilzeit und Niedriglohn. Das ist das einzige, was unsere Wirtschaft für Absolventen, Berufsanfänger und Fertigausgebildete übrig hat. Wie bei solch unsicheren Lebensperspektiven jemand eine Familie gründen oder sich gar irgendwann mal ein Haus oder eine Wohnung kaufen soll, ist mir absolut schleierhaft. Mit 35 ist es für viele dann sogar schon zu spät für Familiengründung. In den meisten anderen europäischen Ländern und den USA sieht's sogar noch schlimmer aus als in Deutschland. Man kann wirklich sagen und das ist nicht untertrieben: Der Westen schafft sich ab! ... und das, obwohl die westlichen Nationen so reich, so produktiv und so innovativ sind wie nie zuvor. Nur wenn der von der gesamten Gesellschaft erwirtschaftete Wohlstand zu 70% in den Händen von 5 oder 10% der Bevölkerung landet, muss sich auch niemand wirklich wundern, dass es immer weiter bergab geht. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass die immer stärker werdende Aufspaltung der Gesellschaft in immer weniger Reiche und immer mehr Abgehängte und die damit verbundene Erosion der Mittelschicht dazu führt, dass die westlichen Nationen über kurz oder lang wirtschaftlich untergehen und/oder es irgendwann zu gewaltigen Zusammenstößen auf den Straßen und Plätzen unserer Republik und fast allen anderen westlichen Ländern kommt. Spätestens dann wird auch die "elitäre" Oberschicht erkennen, dass sie in Jahrzehntelanger Arbeit den Ast abgesägt hat, auf dem sie sitzt. Und was man in Jahrzehntelanger Arbeit versaut hat (Erosion der Mittelschicht, damit verbundene Erosion des Bildungswesens und und und) lässt sich nicht in Monaten oder Jahren wieder reparieren. Wenn sich in den westlichen Gesellschaften nicht innerhalb der nächsten paar Jahre etwas ändert, was nachhaltig bewirkt, dass die Schere zwischen Arm und Reich (sowohl in Bezug auf Vermögen, als auch auf Einkommen) sich wiederschließt, ist bald der "Point of no Return" erreicht. MfG
4. ...
Atheist_Crusader 14.11.2011
Zitat von Alias_aka_InCognitoIn früheren Zeiten haben sich Leute ohne feste Jobs und Einkommen durchgebissen, sind täglich in den Überlebenskampf gezogen, waren zäh, hart und ausdauernd. Dieser Lebensstil war aber auch kultiviert und entwickelte eine gewisse, raue Ästhetik und Faszination. Es war eine Sportlichkeit, in der gleichgesinnte und Leidensgenossen gesellig zusammenfanden und dadurch wieder Freude am Leben fanden. Das kann man heute aber nicht mehr erwarten. Wird es hart, flüchten alle wieder in Mamas Schoss und lassen sich beköstigen und ein gemachtes Bett bereiten. Zudem sind die heutigen Menschen emotional verkrüppelt und seelisch instabil. Das ist aber ein Zustand, der sich viral über ganze Kontinente auszubreiten scheint.
Und sie sind zwanzig Kilometer weit zur Schule gegangen. Ohne Schuhe. Auch im Winter. Bergauf. In beide Richtungen. Aha? Gut, dass Sie diese Leute einerseits so gut kennen, aber andererseits diese hochtrabende Distanz wahren können.
5. .
siar 14.11.2011
Zitat von Alias_aka_InCognitoIn früheren Zeiten haben sich Leute ohne feste Jobs und Einkommen durchgebissen, sind täglich in den Überlebenskampf gezogen, waren zäh, hart und ausdauernd. Dieser Lebensstil war aber auch kultiviert und entwickelte eine gewisse, raue Ästhetik und Faszination. Es war eine Sportlichkeit, in der gleichgesinnte und Leidensgenossen gesellig zusammenfanden und dadurch wieder Freude am Leben fanden. Das kann man heute aber nicht mehr erwarten. Wird es hart, flüchten alle wieder in Mamas Schoss und lassen sich beköstigen und ein gemachtes Bett bereiten. Zudem sind die heutigen Menschen emotional verkrüppelt und seelisch instabil. Das ist aber ein Zustand, der sich viral über ganze Kontinente auszubreiten scheint.
Wow, das hört sich wie rosarote Zuckerwattenromantik an. Damals waren alle Menschen glücklich und zufrieden, lachend gaben sie,umgeben von der glücklichen, gesunden Familie, dem Lehnsherrn seinen Zehnten. schmelz, trief Vielleicht hilft es Ihnen weiter, wenn Sie einen Blick in die Geschichtsbücher werfen.
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