Von Lisa Hemmerich
Berlin - Sie fühlen sich ausgebeutet und nicht respektiert: Psychotherapeuten etwa, die während ihrer eineinhalbjährigen Approbationszeit volle Arbeitskräfte ersetzen, aber selbst keinen Cent bekommen. Erzieherinnen, die insgesamt ein Jahr unbezahlte Praktika machen müssen. Volkswirtschaftler oder Kommunikationswissenschaftler, die nach dem Studium keinen Job finden und für den lückenlosen Lebenslauf reihenweise unbezahlte Praktika machen.
Jeder der knapp 200 Demonstranten kann ähnliche Geschichten erzählen. Sie haben sich am Freitag zur Demo am Potsdamer Platz versammelt, um auf die unverändert prekäre Situation ihrer Generation aufmerksam zu machen. Viele tragen weiße Masken zum Ausdruck ihrer Anonymität und Austauschbarkeit. "Praktikanten sind anonym, weil sie nicht richtig integriert sind im Unternehmen", erklärt Teresa Sitzmann, eine der Initiatoren. "Sie sind austauschbar, weil sie sich die Klinke in die Hand geben. Schlimmstenfalls arbeitet der letzte Praktikant den nächsten schon ein."
Zuletzt war es still geworden um die Generation Praktikum. Obwohl es vor zwei, drei Jahren viele Hilferufe in den Medien gab, fruchtete der Protest gegen Ausbeutung kaum: Weder wehrten sich die Betroffenen lautstark und massenhaft, noch folgten klare gesetzliche Regelungen. Eine Bundestagspetition zur Stärkung der Rechte von Praktikanten erreichte damals zwar rund 100.000 Unterschriften, doch bald war die kleine Rebellion versandet und verpufft.
Jeder fünfte Absolvent macht unbezahlt ein Praktikum
Hat das Uni-Prekariat resigniert? "Viele meinen, ein Praktikum zu machen gehört einfach dazu", sagt Tobias Singer, einer der Mitorganisatoren der Berliner Demo. "Der größte Teil der Studenten hat die Situation hingenommen, als normalen Weg in die Arbeitswelt." Doch eine echte Brückenfunktion vom Studium in den Arbeitsmarkt sei nicht vorhanden. Eine Studie der DGB-Jugend und der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2007 kam zu dem Ergebnis, dass fast 40 Prozent der Akademiker nach dem Studium ein Praktikum machen, mehr als die Hälfte unbezahlt. Dabei ersetzten laut Gewerkschafts-Studie rund 25 Prozent der Praktikanten einen regulären Vollzeitangestellten. Ein Arbeitsvertrag folge jedoch nur selten.
Tobias Singer selbst hat bereits sechs Praktika gemacht, darunter auch einige Vollzeitpraktika, für die es keinen Lohn gab, bei denen er aber viel gelernt habe. "Heute würde ich kein unbezahltes Praktikum mehr machen", sagt Singer. Er glaubt daran, auch in Krisenzeiten etwas verändern zu können. "Man muss mit Selbstwertgefühl zur eigenen Arbeitsleistung stehen und Geld fordern."

Mit dem Aufruf zum Praktikantenstreik wollten Sitzmann und Singer zusammen mit sechs weiteren jungen Menschen ihre Generation wachrütteln. Immerhin knapp 200 gingen beim zweiten Praktikantenstreik in Deutschland auf die Straße. Der erste fand im April 2006 statt - an einem arbeitsfreien Samstag. Dafür ernteten die Organisatoren viel Kritik: Sie trauten sich noch nicht einmal, an einem Wochentag zu streiken, was als Zeichen ihrer Angepasstheit gewertet wurde. Zudem war die Resonanz mit nur rund 80 Teilnehmern gering.
CDU und FDP nehmen Ausbeutung nicht wahr
Bei dem Streik ging es insbesondere um die Vergütung von Hochschulabsolventen, nicht von Studenten - eine Unterscheidung, die nicht jedem spontan einleuchtet. Teresa Sitzmann begründet das so: "Wir finden zwar auch, dass die Bezahlung von Praktika bei Studierenden sinnvoll ist. Aber sie haben nicht das Problem, dass sie davon leben müssen. Sie haben noch den Studentenstatus und oft Eltern, die sie unterstützen."
Die weiteren Forderungen lauten: klare arbeitsrechtliche Reglungen und faire Arbeitsbedingungen für Praktika, eine zeitliche Begrenzung auf sechs Monate. Zudem sollen Praktikanten keine Vollzeitarbeitskräfte ersetzen dürfen. Bislang ist die einzige Möglichkeit eine Klage: Bis zu zwei Monate nach Ende der Hospitanz kann gegen eine zu geringe Bezahlung gerichtlich vorgegangen werden. Eine Praktikantin hatte so tatsächlich eine fairere Bezahlung erstritten.
Die Organisatoren im Alter zwischen 23 und 30 Jahren waren oder sind alle selbst Praktikanten. Unterstützt werden sie von der DGB-Jugend, den Gewerkschaften GEW und ver.di, dem Verein Fairwork und der "Tageszeitung". Fairwork traut der künftigen schwarz-gelben Regierung nicht zu, die Ausbeutung von Praktikanten wahrzunehmen - CDU und FDP hätten Praktikanten nicht in ihren Wahlprogrammen erwähnt.
600.000 Praktika jährlich
Tatsächlich war letztes Jahr eine eher zaghafte Initiative für fairere Praktika an der Union gescheitert - ausgerechnet Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte über Jahre ausdauernd gemauert. Für die Junge Union sagte jetzt Bundes-Vize Johannes Pöttering, es könne nicht sein, dass Praktikanten als kostenlose Arbeitskräfte ausgenutzt werden, Absolventen müssten auf jeden Fall vergütet werden. Aber auch der CDU-Nachwuchs folgt der Regel: bloß keine klaren Regeln. "Wenn ein Praktikum Aufwand für das Unternehmen bedeutet, ist es fraglich, ob das entlohnt werden muss", ergänzte Pöttering. Anders als Fairwork und Gewerkschaften ist die Junge Union völlig gegen gesetzlich festgelegten Praktikantenschutz.
Teresa Sitzmann und die Initiatoren hoffen, mit der Demo die politische Diskussion wieder angestoßen zu haben. "Die génération précaire darf nicht stillschweigend vergessen werden", sagt Sitzmann. Sie sei sehr zufrieden mit der Resonanz - in Berlin 0,03 Prozent jener 600.000, die jedes Jahr in Deutschland Praktika absolvieren. Klar sei das nur ein geringer Anteil, sagte Singer. Aber vielleicht haben man dennoch "einen Nerv getroffen".
Mit Material von AP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
| alles zum Thema Praktika | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH