Generation Praktikum: Leben zur Zwischenmiete

Von Martin U. Müller

Gibt es ein Leben nach der Uni und vor dem Beruf? Klar, eins als Praktikant. In seinem Debüt-Roman schildert Sebastian Christ, wie es bei Praktika in den Medien zugehen kann - ein Heer von Helfern, das immer unterwegs ist und irgendwann anzukommen hofft.

Seine Arbeitseinsätze in Hamburg nummeriert Jan Hesse, 25, durch - dort haben gleich mehrere große Medienhäuser ihren Standort, er will nicht durcheinanderkommen.

Jan betreute außerdem die Öffentlichkeitsarbeit eines Entwicklungshilfeprojekts in Südamerika und langweilte sich eine Weile in einer Redaktion in Bukarest. Er besitzt eine BahnCard, aber keinen Fernseher ("Weil man ihn ja nicht in den Rucksack stopfen kann"). Meist wohnt er zur Zwischenmiete, in der Hoffnung, später anzukommen - auf dem Wohnungsmarkt, in der Arbeitswelt, im Leben.

Unübersehbar: Jan Hesse gehört zu jener Alterskohorte, die sich das Generationen-Prädikat durch ihre Hauptbeschäftigung verdiente - das Praktikum. Dem widmet sich der Journalist Sebastian Christ, 28, zwar literarisch-fiktiv, aber sein Buch ist doch eher Erfahrungsbericht.

Christ weiß, wovon er schreibt: Bevor er als Redakteur im Berliner Büro von stern.de anheuerte, absolvierte er insgesamt sieben journalistische Praktika, in Deutschland, Frankreich, in den USA, auch beim SPIEGEL.

Angst vor der Leere

Glaubt man seinem Alter Ego Jan Hesse, war das Job-Hopping kein Vergnügen. Christ schildert die Ernsthaftigkeit einer Generation, die von Existenzängsten gequält wird, sich in diese Nöte hat treiben lassen, zum Beispiel von ihren Lehrern, deren ewigem "Schaff dir die beste Ausgangsposition", von den tausend Chancen, die es zu nutzen galt.

Ausbeutung? Selbstausbeutung? Eher die Angst vor der Leere treibt das Heer der nicht ganz freiwilligen Helferlein an. Für Jan Hesse ist das Praktikum ein wirksames Medikament zur Eigentherapie: Immer wenn es im Leben nicht mehr so recht weitergeht, vertreibt es Sorgen und mildert Existenzangst.

Bei so viel Sinnieren über seine Befindlichkeit geht dem Protagonisten leider die Fähigkeit verloren, über sich selbst zu lachen - wer auf selbstironische Beobachtungen der Lebensnomaden hofft, wird von dem Buch enttäuscht sein. Das Praktikum kommt als ziemlich schwerer Aggregatzustand daher.

Hier wird rücksichtslos geduzt - und gemobbt

Praktikanten sind eben nicht subversiv. Sie sind das letzte Glied in der Nahrungskette, und diesem Zustand wollen sie entfliehen. Nüchtern gehen sie auch das Zwischenmenschliche an, es reichen die Liste an Facebook-Bekanntschaften und, in Jan Hesses Fall, der kommode Umstand, dass sich Medienpraktikanten schnell näherkommen.

Nach ein paar Stunden haben sie das Gefühl, sich schon seit einer halben Ewigkeit zu kennen, an geteilten Bekanntschaften und Erfahrungen mangelt es nicht - in einer Branche, in der "man sich so penetrant duzt, dass es weh tut", während die Kollegen sich zugleich durch heimliche Lästereien mobben.

Dass es kein echtes Leben in einem derart falschen geben kann, ahnt der Leser schon, als Jan sich zu allem Überfluss in Mitpraktikantin Anne verliebt. Aber da befindet sich der Leser bereits jenseits der Mitleidsgrenze.

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