Von Oliver Trenkamp
Frank G., 32, steht kurz vor dem Staatsexamen, hat in Köln Französisch und Geschichte auf Lehramt studiert. Seinen richtigen Namen will er nicht veröffentlicht sehen, weil er berufliche Nachteile fürchtet. Er hat sich um einen Referendariatsplatz beworben, nach den Sommerferien sollte es losgehen. Die Frist dafür lief am 27. April ab. Sein Abschlusszeugnis sollte er nachreichen, bis zum 9. August, um dann nach den Sommerferien Ende August in den Vorbereitungsdienst starten zu können.
Kein Problem, dachte Frank G., seine letzte mündliche Prüfung, 45 Minuten, war für Ende Juni geplant. "Ich habe meinen Lernplan darauf ausgerichtet", sagt er. Doch am vergangenen Montag erreichte ihn ein Brief: Schon bis zum 18. Juni müssen alle Unterlagen vollständig vorliegen, auch alle nötigen Zeugnisse. Damit läuft seine Bewerbung ins Leere - mindestens bis Februar 2011 soll er sich gedulden.
So wie Frank G. ging es vielen Studenten in NRW: Das Land schickt sie eine lange Zwangspause. Sie wurden von der neuen Frist vollkommen überrascht und werden es kaum schaffen, ihre Prüfungen vorzuverlegen. Für viele ist es sogar ausgeschlossen; an der Uni Münster etwa laufen die Prüfungen bis zum Semesterende im Juli. Die Folge: ein halbes Jahr Leerlauf. Erst für Februar können sie sich wieder um eine Referendarstelle bewerben.
"Zukunftsberuf" Lehrer: Die Frage ist, wann die Zukunft beginnt
Aber werden denn junge Lehrer nicht "händeringend" bis "verzweifelt" gesucht, klagen denn nicht die Schulministerien landauf, landab über Lehrermangel? Doch - schon seit Jahren: Zum "Zukunftsberuf" hatte etwa Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer (CDU) den Lehrerjob erklärt und beschwor rosige Aussichten. Eine große Kampagne lief an, Telefonhotline, Website, das ganze Programm. Das sollte Studenten und Quereinsteiger überzeugen: Werdet Lehrer in NRW! So wollte Sommer den Mangel beheben, vor allem in Fächern wie Mathe, Physik, Latein. NRW mischte mit in einem Wettstreit, bei dem sich die Bundesländer untereinander die besten Pädagogen abwerben.
Mittlerweile sieht es allerdings so aus, als ob für 600 künftige Lehrer in NRW die Zukunft deutlich später losgeht. Sommer schickt sie in die Sommerferien - und in die Herbstferien und in die Winterferien gleich mit; sozusagen in die XXL-Ferien. Denn die ministerialen Werber waren so erfolgreich, dass es jetzt mehr Bewerber als Referendariatsplätze gibt, jedenfalls an Gesamtschulen und Gymnasien. Vom Lehrermangel zur Bewerberschwemme - damit hatte das Bundesland nicht gerechnet.
Nun nutzt das Schulministerium eine bürokratische Hintertür, um die Bewerberzahlen zurechtzuschrumpfen - und düpiert Studenten, die gerade sehr kurz vor dem Abschluss stehen.
Wer spät geprüft wird, hat Pech
Denn das Ministerium hat kurzerhand entschieden, ein Zulassungsverfahren durchzuführen. Aus knapp 2800 Bewerbern, die Gymnasial- oder Gesamtschullehrer werden wollen, wählt das Ministerium etwa 2200 aus, nach Kriterien wie Abschlussnote, Wartezeit, Fächerkombination. Mit der Entscheidung für dieses Zulassungsverfahren geht aber auch der frühere Abgabetermin einher, der 18. Juni. Wer später geprüft wird, hat Pech gehabt.
Das war zwar vorher alles festgelegt, doch die Pläne für Zulassungsverfahren und vorgezogenen Abgabetermin waren eher theoretischer Natur. Kaum jemand rechnete damit, dass es tatsächlich soweit kommt - auch das Ministerium nicht. In einem Erlass des Schulministeriums vom 9. März, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, legt Staatsekretär Günter Winands den Einstellungstermin für Referendare auf den 23. August fest. Zum Ablauf der Bewerbung schreibt er: "Die Bewerbungsfrist 27. April 2010 sowie die Nachreichfristen 9. August 2010 bzw. 18. Juni 2010 (im Falle eines - nicht zu erwartenden - NC-Verfahrens) sind Ausschlusstermine." Winands bittet in dem Schreiben darum, die betroffenen Studienseminare "zu unterrichten und ihnen eine Durchschrift des Terminplans zukommen zu lassen".
Das geschah auch, oft genug samt Hinweis, dass das Auswahlverfahren unwahrscheinlich ist. In einer "Übersicht über Schritte und Fristen für eine erfolgreiche Absolventenbewertung" der Uni Bochum, die SPIEGEL ONLINE ebenfalls vorliegt, steht als Abgabefrist dick und fett der 9. August ("Ausschlussfrist!"). Nur klein und in Klammern darunter: "18. Juni 2010 im Falle eines - jedoch nicht zu erwartenden - NC-Verfahrens".
Jetzt hat die böse Überraschung die Absolventen kalt erwischt. "So ist das mit Stichtag-Regelungen", sagt Ministeriums-Sprecherin Nina Heil - es gebe immer einige, die es treffe. Die Wartezeit werde aber beim nächsten Mal angerechnet. Heil wies darauf hin, dass in den letzten fünf Jahren rund 3000 zusätzliche Referendariatsplätze neu geschaffen wurden. Und dass es den Starttermin im August überhaupt erst seit wenigen Jahren gebe: Vorher begannen alle Referendare erst im Februar.
"Fluch der guten Tat"
Nina Heil nennt es einen "Fluch der guten Tat", dass jetzt nicht alle Bewerber berücksichtigt werden könnten. Die Ausweitung der Ausbildungsmöglichkeiten habe die nordrhein-westfälischen Schulen und Studienseminare an ihre Grenzen geführt. Auch der große Andrang aus anderen Bundesländern sei nicht vorhersehbar gewesen - von dort komme jeder dritte Bewerber. "NRW kann nicht die Fehler der anderen Bundesländer ausbügeln, deren Ausbildungsanstrengungen nicht ausreichen", so Heil.
Das sei zwar richtig, sagt Berthold Paschert, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW in NRW und Referent für Lehrerausbildung. Doch er kritisiert die mangelnde Vorbereitung auf den Bewerberstrom: "Erst wirbt Frau Sommer massiv um Lehrernachwuchs, jetzt wird sie dem Erfolg ihrer Bemühungen nicht gerecht." Von einer künftigen Landesregierung erwarte er, dass sie in den nächsten Jahren keine "Ausbildungsplätze abbaut und zusätzliche Haushaltsmittel bereit stellt, um alle Referendare qualifiziert auszubilden".
Studenten wie Frank G. versuchen jetzt hektisch, ihre Prüfungen vorzuverlegen, um noch pünktlich alle Unterlagen zusammen zu bekommen. Ihn ärgert vor allem, dass zunächst der Prüfungszeitpunkt entscheidet, nicht seine Leistung, nicht seine Note oder der Bedarf.
Falls es nicht klappt, rät das Ministerium den Betroffenen, die Zeit bis zum nächsten Starttermin im Februar als Vertretungslehrer zu überbrücken. Die nächsten Referendar-Generationen müssen wohl damit rechnen, dass die Lage nicht besser wird - es dürfte sich ein Rückstau aus Bewerbern bilden, die nicht sofort zum Zuge kamen.
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