Härtetest für Berufseinsteiger: Bestehen Sie den Triathlon des Wissens?

Spötter sagen Journalisten eine umfassende Halbbildung nach. Dreiviertelbildung kommt bei der Aufnahmeprüfung der Henri-Nannen-Journalistenschule besser: Sie ist einer der härtesten Brocken für Berufsanfänger in Deutschland. Hätten Sie eine Chance beim Wissenstest und beim Bilderquiz?

Die Henri-Nannen-Schule, gegründet 1979 und getragen von den Verlagen Gruner+Jahr und Die Zeit, zählt zu den renommiertesten deutschen Journalistenschulen. Von ihren 585 Absolventen gelangten viele auf leitende Positionen, allein 34 sind inzwischen Chefredakteure. Im folgenden Gastbeitrag schildert Leiter Andreas Wolfers, wie die Hamburger Schule die besten Jungjournalisten auswählt - und warum Kollege Google profundes eigenes Wissen keineswegs ersetzen kann.

Als im Mai 2008 das neue Auswahlverfahren der Henri-Nannen-Schule begann, ließen sich 2000 junge Leute die Textaufgaben für die erste Runde zuschicken. 76 von ihnen haben wir schließlich zur mehrtägigen Endauswahl nach Hamburg eingeladen; fünf Hürden hatten sie Anfang September zu nehmen, unter anderem den Wissenstest.

Am besten schnitt bei diesem Test ein Geschichtsstudent ab, er erzielte rund 80 Prozent der maximalen Punktzahl. Was nicht weiter überraschte: Der junge Mann, so erzählte er uns anschließend, finanziert sein Studium als Quiz-Experte, mit Auftritten im Fernsehen und Radio.

Macht ihn dieses breite Allgemeinwissen schon zu einem vielversprechenden Nachwuchs-Journalisten? Natürlich nicht. Dazu bedarf es mehr - weshalb zur Endrunde auch das Schreiben einer Reportage gehört, eine Textübung, ein Bildertest und ein intensives Auswahlgespräch.

Breites Wissen hilft immer - online wie offline

Nun ließe sich ja einwenden, unser Wissenstest sei trotzdem, und zwar grundsätzlich, eine altmodische, törichte Angelegenheit. Schließlich kann heute fast jede Information so schnell wie nie zuvor aufgespürt werden, im Internet.

Ich halte diese Einschätzung für falsch. Ein Journalist, der vielerlei Wissen aus dem Kopf abrufen kann, ist ideenreicher bei der Themenfindung und reaktionsschneller bei Interviews - beides Herausforderungen, bei denen kein Netzzugang hilft. Er ist zudem souveräner bei der Quellen-Prüfung und zielgerichteter bei der Recherche, online wie offline. Kurzum: Er ist im journalistischen Alltag einfach besser.

Um herauszubekommen, ob jemand über diese Voraussetzung verfügt, testen wir vor allem die Breite des Wissens. Neugier ist eine Triebkraft des Journalismus, und wer wirklich neugierig ist, der weiß auch viel. Der wird auf dem Laufenden sein über das, was in Deutschland und der Welt passiert.

Strenggenommen ist unser Test daher kein Wissenstest, sondern ein Wissensbereichstest. Konkret: Wer sich für Außenpolitik interessiert, wird mehr Länder als Afghanistan nennen können, in denen Bundeswehrsoldaten stationiert sind. Wer sich für Sozialpolitik interessiert, kennt den Hartz-IV-Regelsatz, wer für moderne Literatur, kennt die Romanfigur Maximilian Aue. Und wer auch Klatsch über Prominente für lesenswert hält, der weiß, welche Eltern ihren Kindern so schräge Namen wie "Lourdes" und "San Diego" gegeben haben.

Nur Nullen pfeifen auf Mathematik

Man muss nicht jeweils Experte sein, um solche Fragen richtig zu beantworten, es reichen solide Grundkenntnisse. Entscheidend ist, für wie viele unterschiedliche Themenbereiche ein Bewerber solche Kenntnisse vorweisen kann.

Und warum prüfen wir auch mathematische Grundkenntnisse? Weil Journalisten immer auch mit Zahlen und Statistiken zu tun haben. Sie sollten daher zumindest Hektar in Quadratkilometer umrechnen können (Frage 24) und den Dreisatz (Frage 26) beherrschen. Und weil sie sich ebenfalls in deutscher Orthographie und Grammatik sowie in der englischen Sprache auskennen sollten, testen wir auch das.

Der Quiz-Experte hat übrigens einen der 20 Plätze an der Schule erhalten. Vor allem, weil er beim Auswahlgespräch überzeugte. Und weil er eine prima Reportage schrieb, nachdem wir ihn und alle anderen 75 Finalisten für eine dreistündige Recherche in den Hamburger Tierpark Hagenbeck geschickt hatten.


Zu den drei großen Herausforderungen für junge Journalisten:


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Journalistenschüler: Wer soll denn das alles wissen?