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Hausbesuch vom Chef: "Ist das Ihr Porsche?"

Die Stellennot treibt Bewerber dazu, sich auf bizarre Wünsche potenzieller Arbeitgeber einzulassen. Bei dem jobsuchenden Investmentbanker Andreas Brunner klingelte der Chef in spe an der Haustür, bat zum Gespräch in der Wohnung. Der 33-Jährige rätselt immer noch: Was soll das? Und darf der das?

Mit einem gründlichen Hausputz hat Andreas Brunner sich vorbereitet. Noch im Hausflur geht der sportliche Hobbyfotograf in Gedanken die helle, modern eingerichtete Dreizimmerwohnung in einer Rheinland-Metropole ab: All zu private Bilder mussten konventionellerem Raumschmuck weichen, um weder weiße Flecken an der Wand zu hinterlassen noch dem Besucher einen zu legeren Eindruck zu vermitteln. Schließlich ist - wie in vielen Branchen - Seriosität auch bei Bankern Trumpf.

Tach, Chef: Wenn der Arbeitgeber zweimal klingelt
GMS

Tach, Chef: Wenn der Arbeitgeber zweimal klingelt

Brunner hatte sich auf eine Tageszeitungsanzeige bei einer Finanzberatung beworben. Abgeschlossene Banklehre, BWL-Studium und Auslandspraktika, eineinhalb Jahre Berufserfahrung, gute Referenzen und obendrein eine fertige Dissertation: Noch vor kurzem hätte der 33-Jährige zu den Wunschkandidaten der meisten Kredithäuser gehört. So ermunterte ihn sein damaliger Chef im Jahr 2000 bei einem Praktikum: "Brechen Sie Ihr Studium ab, Sie können sofort bei uns anfangen!"

Doch inzwischen sieht der Arbeitsmarkt für Akademiker trostlos aus. Sparkurs und Stellenabbau in der Finanzbranche bringen ein hartes Konkurrenzfeld mit sich - und schon mal den zukünftigen Arbeitgeber ins Haus. Nach seiner Bewerbung bei der Finanzberatung hatte Brunner mit einem konventionellen Bewerbungsverfahren gerechnet. Aber sein potenzieller Chef meldete andere Pläne an: Er drängte auf einen Besuch beim Bewerber zu Hause, obwohl es sich um eine normale Büroposition im Unternehmen handeln sollte. Etwas überrumpelt willigte Brunner ein.

"Ihnen scheint's ja gut zu gehen"

Nun gibt die Tür den Blick auf einen dezent gekleideten Herrn Mitte Fünfzig frei: Nadelstreifen, korrekt zurück gekämmte stahlgraue Haare und ein einstudiert fester Händedruck. "Ihnen scheint's ja gut zu gehen!" Gemeint ist Andreas, Anlass der silberne Fiat Barchetta vor der Tür. "Ist das Ihr Porsche?" Den Hinweis auf das italienische Fabrikat des Autos quittiert der nicht wirklich erwünschte Besucher mit ungläubigem Ausdruck, während sein Blick durch die Wohnung streift: Designermöbel, Schwarzweiß-Kontraste und viel Stahl dominieren die Räume.

Fiat Barchetta: Auch schön. Aber kein Porsche.

Fiat Barchetta: Auch schön. Aber kein Porsche.

Der Weg führt zuerst in die kleine Küche. Der Gast rutscht auf dem elegant geformten Holzstuhl unruhig hin und her, während Andreas bei einer Tasse Kaffee das geforderte Kurzreferat zu seinen Gründen für die Bewerbung abspult. "Der hatte noch nicht mal Zwischenfragen", erinnert sich Brunner später, "als ich ihn auf fachliche Besonderheiten der Position ansprach, konnte er mir nichts antworten und wich in Small-Talk aus!" Im Wohnzimmer mustert der Bereichsleiter Gemälde und Fotos, fragt zu fast jedem Bild nach. "Der wollte alles über meine Hobbies, meine Freunde wissen", erzählt Brunner, noch heute verblüfft.

"Was die fachliche Expertise oder persönliche Performance eines Bewerbers mit der Gestaltung des privaten Wohnraums zu tun haben soll, bleibt mir ein Rätsel", wundert sich Laurenz Andrzejewski, Management- und Karriereberater aus Frankfurt. Auch Andreas ist es nicht geheuer, als Fremder in den eigenen vier Wänden im Anzug den profilierten Bewerber zu spielen.

Erleichterung nach dem Abschied

"Solche Besuche muss sich kein Bewerber gefallen lassen", weiß Stefan Kramer, Rechtsanwalt in Hannover. "Es gibt keinerlei gesetzliche Verpflichtung, im Rahmen einer Bewerbung die eigenen Lebensverhältnisse offen zu legen. Anders mag die Situation aussehen, wenn der Kandidat zu Hause arbeiten oder gar im eigenen Büro Kunden empfangen möchte. Doch im Gegenzug gibt es auch wenig Aussicht, den neugierigen Vorgesetzten zu belangen. Schließlich wird der Bewerber nicht direkt diskriminiert, auch wenn ein ungeheurer Druck auf ihm lastet."

Laurenz Andrzejewski rät schlicht zu Abstand. "Wenn das Unternehmen zu so unerhörten Methoden greift, bleiben Sie gelassen und versuchen Sie, sich die Komik der Situation vor Augen zu führen", so der Karriereberater, "wer bei der Personalauswahl so vorgeht, zeigt Unsicherheit und wenig Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen in einem klassischen Interview-Gespräch."

Nach zwei Stunden unter Beobachtung hat Andreas Brunner die Tortur überstanden. "Sie erhalten Post von uns", lautet die knappe Verabschiedung des Besuchers. "Ein Assessment Center wäre mir lieber gewesen", resümiert Brunner später. Doch erst einmal ist er nur froh, dass die Tür hinter dem Anzugträger ins Schloss fällt. Ein bisschen Angst ist schon dabei, dass der Besucher nicht ganz das Erwartete gefunden hat: "Der kam aus einer völlig anderen Welt als ich. Ich bin zwar 'Banker', aber zu Hause fliegt der Anzug in die Ecke, und Hirschgeweih und Rustikalmöbel kommen mir auch nicht in die Bude. Aber was soll man machen - jetzt sitzen die Firmen eindeutig am Drücker."

Was aus der Bewerbung wurde

Schon beim ersten Telefonat war niemand auf seine Bedenken eingegangen. Der Vorschlag, sich in einem Hotel zu treffen, wurde gleich unwirsch abgebügelt. Ausreden und Unwillen gegen den Besuch würden als "negative Haltung zum Job" verstanden, klärte das Sekretariat des Finanzdienstleisters Brunner gleich zu Beginn des kurzen Gesprächs auf. Der Besuch sei "üblich" und erfolge bei allen Bewerbern.

Bewerbungstraining: Auf manche Situationen kann man sich kaum vorbereiten

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Andreas indes fühlt sich ausgenutzt, empfindet die Situation als widerwärtig, als er mit dem Rücken zur geschlossenen Tür erst einmal durchatmet. Genützt hat die kleine Vorstellung zu Hause letztlich nichts: Ein paar Wochen später, versprochen ist versprochen, erhält Andreas Brunner tatsächlich Post - eine Standardabsage. Nun ist er weiter auf Stellensuche.

Und das nächste Mal, wenn ein potenzieller Arbeitgeber ihn besuchen möchte? Trotz aller Bedenken sagt Brunner: "Keine Frage - um an einen guten Job in meinem Bereich zu kommen, spiele ich auch noch mal Theater."

Von Michael Eckl, Jobpilot.de

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