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Ingenieur-Studium: Technik, die nicht nur begeistert

Von Frank van Bebber

Die Ingenieure buhlen verzweifelt um Nachwuchs - doch schon in den ersten Semestern schmeißt bis zur Hälfte der mühsam gewonnenen Studenten hin, wie das Mitte Juli veröffentlichte "Technikbarometer" zeigt. Schuld ist der Frust im langweiligen, teils übermäßig harten Grundstudium.

Die Maschinenbau-Erstsemester der TU Darmstadt haben ihre Studentenbude kaum eingerichtet, da konstruieren sie ein Luftschiff, tüfteln an einer Anlage zur Meerwasserentsalzung oder basteln einen Großgrill. Beim Kurs "Einführung in den Maschinenbau" ruht der Lehrbetrieb für eine Woche. Alle 400 Anfänger und die 26 Professoren widmen sich dem Projekt.

Student vor einer Synchron-maschine: Erleben, wie's geht
Ulrich Dahl/TUB

Student vor einer Synchron-maschine: Erleben, wie's geht

"Ich wollte das anfangs gar nicht so glauben, aber in der Woche habe ich mich doch schon wie ein kleiner Ingenieur gefühlt", sagt Erstsemester Christian Röper, 21. Ein Gefühl, das den meisten Ingenieurstudenten nicht nur im ersten Semester, sondern oft über Jahre versagt bleibt.

Statt sich als Daniel Düsentrieb zu fühlen, müssen die Studenten oft jahrelang trockene Mathematik und abstraktes Grundlagenwissen pauken.

"Die kommen, um Technik zu studieren, und dann kommt Technik in den ersten vier Semestern nicht vor", beschreibt der Stuttgarter Technik-Soziologe Prof. Dr. Ortwin Renn den Frust. "Die Leute fragen sich, was studiere ich hier eigentlich? Ich wollte doch Maschinen konstruieren."

Kürzester Fluchtweg aus der Uni

Die Folgen sind dramatisch, nicht nur für den Einzelnen, sondern für einen ganzen Berufszweig. Allein 2008 konnten nach einer Studie des Vereins der Deutschen Ingenieure (VDI) und des Instituts der Deutschen Wirtschaft mindestens 64.000 Ingenieurstellen nicht besetzt werden.

Da schmerzt es, dass die Hörsäle der Maschinenbauer und Elektrotechniker heute meist nicht Startrampe für eine Karriere sind, sondern der schnellste Fluchtweg aus einer deutschen Universität. Von den zunächst freudig begrüßten Erstsemestern macht am Ende nicht einmal jeder Zweite sein Examen im einstigen Wunschfach.

Die Ingenieure haben nach einer Statistik der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) seit 2006 sogar die Abbrecherkönige der Sprach und Kulturwissenschaften hinter sich gelassen. Über alle ingenieurwissenschaftlichen Fächer hinweg beträgt der addierte Schwund von Abbrechern und Fachwechslern an den Universitäten 42 Prozent, an den Fachhochschulen 30 Prozent. Dabei verbummeln Ingenieurstudenten anders als früher viele Geisteswissenschaftler ihr Studium nicht nach dem xten Semester. Der Schock trifft sie schnell und hart, der Ausstieg folgt rasch.

Für das Mitte Juli veröffentlichte "Technikbarometer Nachwuchswissenschaften" des VDI und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) hat der Stuttgarter Soziologe Renn 10.000 Studenten befragt. Ergebnis: Die Anfänger kommen hoch motiviert an die Hochschule, doch dann grassiert in den ersten drei Semestern die Enttäuschung. Auch Hochschulforscher Prof. Dr. Jürgen Enders vom Center for Higher Education Policy Studies (CHEPS) der Universität Twente sagt: "Das Grundstudium erweist sich als zentrale Selektionsphase."

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1. Dass sowas von sowas kommt...
Polarwölfin, 05.08.2009
Zitat von sysopDie Ingenieure buhlen verzweifelt um Nachwuchs - doch schon in den ersten Semestern schmeißt bis zur Hälfte der mühsam gewonnenen Studenten hin, wie das Mitte Juli veröffentlichte "Technikbarometer" zeigt. Schuld ist der Frust im langweiligen, teils übermäßig harten Grundstudium. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,639109,00.html
Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber in den Achtzigern prahlten die Professoren an der Uni meines Mannes mit 100-prozentigen Durchfallquoten in ihren Fächern. Bei drei Chancen pro Fach ein heikles Unterfangen und auch nur eine handvoll Studenten schlossen dieses Ingenieurstudium überhaupt ab, schließlich musste man sich bis zur Diplomarbeit 23 dieser Schleudersitzklausuren unterziehen. Same procedure as every year....könnte man dazu sagen.
2. Zum Ingenieur wird man geboren
Astir01 05.08.2009
Als Winston Churchill seinen Landsleuten 1940 die Verteidigung ihrer Insel vor den Deutschen schmackhaft machen musste, hat er ihnen keine blühenden Landschaften versprochen, sondern Blut, Schweiß und Tränen. Wer technikverliebte Spielkinder an die technischen Fakultäten der Unis lockt, tut weder ihnen noch ihren potentiellen Arbeitgebern einen Gefallen. Die Ödnis des Grundstudiums ist ein hervorragendes Szenario für den Berufsalltag. Auch dort verbringt man für jede Stunde im Labor oder Prüffeld drei am Computer, um Listen, Präsentationen und business- Pläne zu erstellen sowie drei weitere in Besprechungen mit Kunden, Lieferenten, Chefs und Controllern. (den natürlichen Feinden der Techniker) Wer darauf nicht durch ein entbehrungsreiches Studium vorbereitet wurde, Geduld, Frustrationstoleranz und Zähigkeit gelernt hat, wird später im Beruf scheitern. Dann schon lieber an der Uni scheitern und einen Neuanfang als Sozialpädagoge bzw. Gewerbelehrer wagen. Wer ein Ingenieurdiplom in der Tasch hat, ist "einer vonne Härtesten."
3. Wer einen Roman schreiben will...
Trickstar, 05.08.2009
...muß beileibe nicht das ABC beherrschen. Man kann einen kompletten Roman mündlich produzieren, das ABC braucht dann nur noch die Sekräterin und der Lektor beherrschen. Dementsprechend kann man auch im Ingenieurs-Studium die mathematischen Inhalte dann anbringen, wenn sie erforderlich sind, und nicht als sine qua non vorrausschieben.
4. Sein, oder nicht Sein
Firedancer 05.08.2009
@emschneider Es ist ja schon sehr interessant, welche logischen Schlüsse sie ziehen. Wenn man als Kind also einen "vernünftigen Baukasten hatte", ist alles gut. Aber wenn sich die Hochschule mal Mühe geben soll um die Studenten zu halten, dann ist das plötzlich schlecht. Natürlich braucht jeder Mensch gewisse Anlagen, aber wenn die halt im vorherigen Leben nicht gefördert wurden (Schule bereitet nicht gerade auf Ingenieurwissenschaften vor), dann muss halt im Bereich der Spezialisieriung (sprich=Studium) mehr getan werden. Sie vermischen hier grundsätzlich völlig verschiedene Aussagen zu einer reichlich chaotischen Aussage. Man sieht immer wieder wozu Menschen in der Lage sind wenn man sie motiviert. Wenn man ihnen dagegen alle Illusion raubt, kann da ja nichts sinnvolles bei rumkommen.
5. Mathematik als Hürde...
WhamO 05.08.2009
... ist ein völlig veraltetes Konzept. Ich habe in meinen zehn Berufsjahren als Etec-Entwicklungsingenieur zweimal eine Differentialgleichung gelöst - und das auch nur, weil ich wissen wollte, ob ich's noch kann. Von "relativistischer Elektrodynamik" will ich gar nicht anfangen. Die Lehre hat sich vom typischen Berufsbild des Ingenieurs völlig entfremdet. Sicherlich muss es weiterhin auch die hochmathematische, theoretische und wissenschaftliche Seite des jeweiligen Ingenieursfachs geben - aber warum prügelt man tausende von Leuten durch diese Materie, obwohl sie sich weder dafür interessieren noch Talent dafür haben? Das Grundwissen, das für die Erfüllung des typischen Ingenieurberufs erforderlich ist, lässt sich problemlos in die drei Jahre eines Bachelorstudiums packen. Nur wer sich wirklich berufen fühlt, in die Ingenieurs*Wissenschaft* einzusteigen, sollte dann sein Studium vertiefen. Leider wird diese didaktische Neuordnung von den deutschen Hochschulen bestmöglich ignoriert, um den alten Standesdünkel aufrecht zu erhalten. Damit ist nur unserer Gesellschaft nicht gedient.
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