Interview zu Bewerbungstricks: Du sollst nicht lügen - oder doch?

Immer schön bei der Wahrheit bleiben, die kommt bei der Bewerbung sowieso ans Licht, predigen Personaler. Verena Rottmann sieht das anders: Aufplustern und kleine Notlügen sind okay, erklärt die Anwältin für Arbeitsrecht im Interview - wenn man nur wasserdicht mogelt.

SPIEGEL ONLINE: Im Einstellungsgespräch gilt die Wahrheitspflicht – bei den Bewerbungsunterlagen auch?

Bewerbungs-Expertin Rottmann: Dichtung oder Wahrheit?

Bewerbungs-Expertin Rottmann: Dichtung oder Wahrheit?

Verena S. Rottmann: Grundsätzlich gilt die Wahrheitspflicht auch für die Bewerbungsunterlagen. Wenn Sie Schwachpunkte haben, wegen derer der Arbeitgeber Sie von vornherein ausschließen würde, können Sie schon ein bisschen beschönigen. Schwachpunkte sind zum Beispiel chronische Krankheiten. Das muss man dem Arbeitgeber nicht mitteilen. Sofern die Krankheit keinen unmittelbaren Einfluss auf den Beruf hat, kann man das für sich behalten. Illegal ist dagegen, wenn man sich zum Beispiel als Arzt oder Arzthelferin bewirbt, und man leidet an schweren ansteckenden Krankheit, weil es dann auch zu einer Gefährdung der Patienten kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wo sollte man mogeln?

Rottmann: Problematisch sind immer größere Lücken. Gerade für Berufseinsteiger ist das schwer: Die schreiben viele Bewerbungen, bekommen Absagen, und die Lücke im Lebenslauf wird immer größer. Mit jeder Bewerbung wird es dann schwieriger, plausibel zu belegen, was man in der Zeit seit dem Studienabschluss gemacht hat. Die Arbeitgeber merken das und denken: Da muss was faul sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie bastele ich mir denn einen lückenlosen Lebenslauf?

Rottmann: Zum Beispiel kann man Urlaubsvertretungen in kleinen Firmen angeben, weil es über die oft keine Belege gibt. Das müssen dann natürlich Firmen sein, die für den potenziellen Arbeitgeber nicht greifbar sind, damit er das nicht überprüfen kann. Denn als Arbeitgeber darf man Erkundigungen einziehen. Vielleicht tut einem auch jemand im Freundes- oder Bekanntenkreis den Gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn einem so ein Netzwerk fehlt?

Rottmann: Eine andere Möglichkeit, eine Lücke im Lebenslauf zu füllen, ist eine selbstständige Tätigkeit in einer anderen Stadt, sofern sie zum Beruf passt. Denn darüber gibt es auch keine Belege. Je nach Alter kann man auch eine Familienpause angeben – nicht zwingend wegen der eigenen Kinder. Vielleicht hat man sich auch um die Kinder des Partners gekümmert, damit der seiner Karriere nachgehen kann. Das kommt nicht blöd rüber, sondern zeigt soziale Kompetenz.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Examen ein halbes Jahr in Australien – darf ich daraus einfach eine Studienreise machen, damit es sich besser anhört?

Rottmann: Wenn man im Anschluss ans Studium ein halbes Jahr im Ausland war, wird kein Arbeitgeber was dagegen einzuwenden haben. Schön ist, wenn man das mit Sprachkenntnissen belegen kann. Ich rate jedem, der ins Ausland geht, einen Sprachkurs zu machen, und wenn es nur drei Wochen Crash-Kurs ist, dann hat man einen Beleg. Oder ein Praktikum.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich auf Mallorca "Gracias" und "por favor" radebrechen kann, sollte ich daraus in der Bewerbung fließendes Spanisch machen?

Rottmann: Sprachkenntnisse sollten natürlich tatsächlich vorhanden sein. Gerade in international operierenden Unternehmen kann beim Vorstellungsgespräch auch schnell die Sprache gewechselt werden, und es geht zum Beispiel auf Englisch weiter. Das fällt dann schon sehr auf, wenn der Bewerber unsicher ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Angaben in Lebenslauf und Bewerbung muss man belegen?

Rottmann: Man darf definitiv nicht täuschen, wenn es um die beruflichen Qualifikationen geht. Die muss man immer belegen mit Schul- und Abschlusszeugnissen und Fortbildungsbescheinigungen. Arbeitszeugnisse sollte man nur beilegen, wenn sie gut sind. Deswegen ist es auch wichtig, ein Zeugnis von einem Fachmann prüfen zu lassen, sobald man es bekommen hat. Der kann das "Zeugnisdeutsch" entschlüsseln und erkennen, ob es wirklich ein gutes Zeugnis ist. Habe ich ein schlechtes Zeugnis bekommen, sollte ich – je nach Dauer der Beschäftigung – eventuell den ganzen Punkt im Lebenslauf streichen. Wenn das Zeugnis nicht gut ist und man es nicht weglassen kann, sollte man es im Anschreiben kommentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie überprüfen Unternehmen die Bewerbungsunterlagen?

Rottmann: Es ist üblich, dass der potenzielle Arbeitgeber den vorherigen anruft. Sie können dem zwar widersprechen, ob man sich aber daran hält, ist eine andere Frage. Manche versuchen sogar, die Schufa-Daten zu bekommen, auch wenn das nicht erlaubt ist. Sie können nie wissen, was da im Halbdunkel abläuft. Deshalb sollten Sie nur Dinge schönen, die kein Detektiv oder die Schufa nachprüfen kann, zum Beispiel die Familienzeit. Alle Mogeleien müssen wasserdicht sein, sonst schießt man ein Eigentor.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn meine Schönfärbereien auffliegen?

Rottmann: Sofern Sie zum Beispiel bei den beruflichen Qualifikationen gemogelt haben, und der Arbeitgeber bekommt das heraus, kann das zu einer fristlosen Kündigung führen. Im schlimmsten Fall, wenn dem Unternehmen durch Ihre Fehler ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist, kann es auch zu Schadensersatzforderungen kommen. Angenommen, Sie haben geschummelt, und der Chef merkt das nach vielen Monaten oder Jahren, ist aber ansonsten zufrieden mit ihrer Arbeit, kann er daraus kein Recht auf eine Kündigung ableiten.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich, wenn ich einfach nicht schlüssig flunkern kann?

Rottmann: Grundsätzlich gilt bei negativen Punkten, die man nicht verheimlichen kann: Flucht nach vorn! Sie müssen den Arbeitgeber so von sich beeindrucken, dass er Sie trotzdem zum Vorstellungsgespräch einlädt - und appellieren Sie an seine Toleranz.

Das Interview führte Inga Leister

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Forum - Berufsstart - wie sind Ihre Erfahrungen?
insgesamt 372 Beiträge
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1.
Adran 21.06.2006
Nun, ja..mein berufsstart ist ja 5 jahre her..und ist ehr frustierend abgelaufen. Als Frischling, ohne berufserfahrung..kommen dann schnell die rückschläge. Zwar hat man den komischen wisch, wo drauf steht, dass man diesen beruf gelernt hat, aber es fehlt an "Berufserfahrug"..ergo man kommt überhaupt schwer in das berufsleben rein.. Ist man dann erstmal drin, geht es eigentlich halbsweg einfacher. Nur die zeit zwischen berufsausbildung und ersten job ist sehr ernüchternt..und man fragt sich schon, warum man überhaupt eine Ausbildung machen soll, wenn man eh zu hören bekommt, dass man berufserfahrung haben soll...Stellt sich die frage..wie man die sammeln soll, wenn man kaum eine chance bekommt? Stellt man diese frage..dann stehn die münder offen..tja..sollte einem zudenken geben..
2.
Elektro 21.06.2006
Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus.
3.
JoergB 21.06.2006
---Zitat von Elektro--- Ich finde die Antworten der befragten Personen allesamt eher traurig und unbefriedigend. Kann es denn wirklich sein, dass es das Ziel für ein erfüllteres Leben ist, mit weniger Schlaf auszukommen? So sehen also die "Opfer" einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft aus. ---Zitatende--- Ja oder eher gesagt die Wunschkandidaten der Untenrnehmen. Arbeiten bis in die Puppen und glücklich dabei :)
4.
Pumo 21.06.2006
Ich bin erst seit 6 Monaten in meinem Beruf - und mir geht es in vielen Dingen ähnlich wie den Menschen in den Beiträgen. Man geht abends nicht mehr so selbstverständlich weg, muss mehr planen... Ich habe allerdings das "Glück", dass ich nur eine halbe Stelle (als Doktorandin) habe - und somit viele Freiheiten. Ich erlebe also gerade einen sehr sanften Übergang vom Studium zum Beruf. Für mich ist das perfekt. Mal sehen, wie es in drei Jahren aussieht, wenn ich meine Promotion abgeschlossen habe...
5. Berufsstart
ninaspiegel 21.06.2006
Also, bei mir lief alles recht reibungslos (vor drei Jahren), allerdings bleibt die finazielle Sorglosigkeit aus. Ich hatte mir immer gedacht, dass die Geldknappheit besser statt schlechter würde... Schade. Aber ich stehe ja noch am Anfang! ;-)Ansonsten wird man Stress-resistenter und entscheidungsfreudiger; und natürlich MÜDER! Aber was soll man sonst den ganzen Tag tun?
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