Interview zur Juniorprofessur: "Wir sind eigenständig"

Die Juniorprofessur soll das verkrustete Berufungssystem aufbrechen und jungen Wissenschaftlern neue Karrierewege öffnen. Die Habilitation ist kaum totzukriegen. Das Reform-Experiment sei trotzdem ein Erfolg, sagt Lars Frormann vom Förderverein Juniorprofessur.

SPIEGEL ONLINE: Das Experiment Juniorprofessur ist mittlerweile vier Jahre alt. Im Jahr 2002 führte die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) das Modell ein. Ist es ein Erfolg?

Lars Frormann: Drei Viertel der Hochschulleitungen halten die Bewerber für gut bis sehr gut. Mehr als ein Viertel der Stelleninhaber sind Frauen, weit mehr als im Durchschnitt der Professorenschaft. Ich denke, dieses Ergebnis kann sich sehen lassen. Die individuelle Arbeitszufriedenheit der Juniorprofessoren werten wir noch aus.

SPIEGEL ONLINE: Bulmahn plante die Juniorprofessur als Attacke auf die traditionelle Hochschullehrerprüfung, die Habilitation. Welche Wettbewerbsvorteile hat die Professur auf Bewährung gegenüber der Habilitation, bei der Nachwuchswissenschaftler klassischerweise ein dickes Buch nach der Promotion schreiben?

Lars Frormann, 38, ist Juniorprofessur für das Fachgebiet Polymerwerkstoffe an der TU Clausthal und Vorsitzender des Fördervereins Juniorprofessur
TU Clausthal

Lars Frormann, 38, ist Juniorprofessur für das Fachgebiet Polymerwerkstoffe an der TU Clausthal und Vorsitzender des Fördervereins Juniorprofessur

Frormann: Mit der Habilitation ist die Juniorprofessur nicht vergleichbar. Denn wir sind bereits Professoren und erfüllen das Amtsspektrum eines Professors. Wir sind eigenständig in Forschung und Lehre und sitzen in der akademischen Selbstverwaltung auf der Professorenbank. Ich selber führe derzeit acht Mitarbeiter, weitere Stellen sind frei. Für eine anschließende Lebenszeitprofessur sind wir Juniorprofessoren gut vorbereitet.

SPIEGEL ONLINE: Warum lassen sich viele Junioren dennoch habilitieren? Hält doppelt genäht besser, oder trauen Ihre Kollegen der Juniorprofessur als alleinige Qualifikation nicht?

Frormann: Die Doppelstrategie kommt hauptsächlich in den Geisteswissenschaften vor. Dort braucht man zwei Bücher, um weiter zu kommen. Warum dann nicht eines als konventionelle Habilitationsschrift einreichen, denken sich viele. In anderen Disziplinen wie den Ingenieur- oder Naturwissenschaften ist die Habilitation von Junioren seltener. Ich denke, sie wird hier als Abfallprodukt mit auf den Karriereweg genommen. Notwendig erscheint mir die Habilitation für die Zukunft von Juniorprofessoren nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen die jungen Professoren auf Probe in Fächern an, die bislang schon ohne Habilitation gut auskamen, wie etwa den Ingenieurdisziplinen?

Frormann: Ich bin selber Ingenieur, die Professorenkollegen sind sicher oft konservativ, so dass es hier zu Beginn viel Ablehnung gab. Der übliche Weg bei den Ingenieurwissenschaften führt aus der Industrie auf den Lehrstuhl. Das Gefühl, nur der Junior zu sein, habe ich aber in der Zusammenarbeit mit den angestammten Professoren nur selten gehabt. Letztlich hängt die Karriere von der Person und nicht von der Bezeichnung ab.

SPIEGEL ONLINE: 1000 Juniorenstellen wurden bislang ausgeschrieben, aber rund 20 Prozent nicht besetzt. Woran hakt es, an der Bewerberqualität oder am mittelprächtigen Gehalt?

Frormann: An der Bewerberqualität mangelt es sicher nicht, wie gerade unsere Studie über die Zufriedenheit der Hochschulleitungen mit Junioren zeigt. Der springende Punkt ist der sogenannte Tenure Track, also die Option auf Entfristung und Besserdotierung bei Bewährung. Es kann nicht sein, dass jemand während seiner sechs Jahre dauernden Juniorprofessur gute Arbeit leistet, ein Team aus Mitarbeitern aufbaut - und dann unweigerlich gehen muss, weil der Stellenplan nichts anderes zulässt. Das ist Verschwendung von Steuergeldern. Die weltberühmte Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich beispielsweise bietet einen Tenure Track. Die deutschen Unis müssen da mitmachen, wenn sie sich im Wettbewerb um die besten Talente durchsetzen wollen. Aber das hat sich leider noch nicht überall herumgesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Nach drei Jahren ist für die meisten Juniorprofessuren eine Zwischenbewertung fällig. Können sie in dieser kurzen Zeit auf sich aufmerksam machen?

Frormann: Die Einarbeitung geht mehr oder weniger schnell. Aber es braucht Zeit, um Ergebnisse zu erzielen. Das Einwerben von Drittmittel, der Aufbau von Forschungsprojekten, die Publikation von neuen Erkenntnissen - das alles dauert. Da ist es schwierig, schon nach zweieinhalb Jahren, bei Beginn der Zwischenprüfung, gut aufgestellt zu sein. Zu dem frühen Zeitpunkt ist eigentlich nur abzusehen, ob der Zug in die richtige Richtung fährt, nicht jedoch, ob er am Ziel ankommt. Persönlich bin ich für eine Evaluierung nach vier Jahren wie in Baden-Württemberg.

SPIEGEL ONLINE: Bei den ersten 220 Zwischenprüfungen sind nur fünf Junioren durchgefallen. Werden die Kandidaten einfach durchgewunken, wie das ja oft auch bei Habilitationen der Fall zu sein scheint?

Frormann: Sicher nicht. Aber weil die Evaluation so früh kommt, fällt eine eine Negativprognose noch schwerer. Mir sind Fälle bekannt, in denen der Juniorprofessor bereits vor der Evaluierung lieber gegangen ist, nicht zuletzt wegen übertriebener Leistungsansprüche an sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst wechseln jetzt von der Technischen Universität Clausthal auf eine Lebenszeit-Professur an der Fachhochschule Zwickau. War die Juniorprofessur das Sprungbrett oder hätte es auch so geklappt?

Frormann: Die Juniorprofessur hat mich auf meine neue Aufgabe sehr gut vorbereitet. Letztlich nehme ich mein Team und meine Forschungsvorhaben mit und kann an der Westsächsischen Hochschule unter sehr guten Vorraussetzungen durchstarten.

Das Interview führte Hermann Horstkotte

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