Jüngste CDU-Abgeordnete: Unter Mächtigen

Von

Berufspolitikerin wurde Nadine Müller schon mit 21 Jahren, mitten im Studium. Nun ist sie 26 und holte nach dem Jura-Examen ein Direktmandat bei der Bundestagswahl. Als jüngste Abgeordnete der Unionsfraktion ist Müller seit einem halben Jahr im Amt. Gefällt ihr der Job?

Wie eine aufmerksame Schülerin sitzt Nadine Müller, 26, im Plenum des Bundestags. Die Hände übereinandergelegt auf ihrem Pult, von Zeit zu Zeit blinzelt sie durch ihre Hornbrille, den Blick auf den Redner gerichtet. Ein paar blaue Sitze weiter liest einer Zeitung, ein anderer schreibt eine SMS.

Für die meisten scheint das hier so spannend zu sein wie ein Schachturnier. Für Nadine Müller ist es ihr Job. Und den nimmt sie ernst.

Später, auf der Straße, spricht ein Lobbyist Müller an, ein Mann mit sorgfältig polierter Glatze. Er habe ihr doch einen Brief geschrieben, sagt er, von seinem Verband. Ob sie den gelesen habe? Er schreibe nur die wichtigen Parlamentarier an, was sie dazu meine, wann sie sich melden werde? Müller schaut den Mann freundlich an und verspricht, sich mit dem Thema zu beschäftigen. "Ehrlich gesagt muss ich erst mal nachgucken, was der von mir wollte", sagt sie, als sie im Fahrstuhl steht. Wer diesen Job ernst nimmt, muss schnell lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Müller ist seit der Wahl im vergangenen September Abgeordnete des Deutschen Bundestags - und das jüngste Mitglied in der Fraktion von CDU und CSU. Noch mitten im Studium wurde sie zur Berufspolitikerin. "Eigentlich war das nie mein Ziel", sagt sie mit der Klangfarbe ihres saarländischen Dialekts.

"Die Frau Müller weiß, was sie will"

Müllers Büro sieht im Moment noch karg aus wie eine Gefängniszelle. Schreibtisch, Stuhl, Fernseher, nach draußen der Blick auf einige Betonriesen. Die einzige persönliche Note: ein Bild, das sie und ihren Freund Peter zeigt, aufgenommen bei einem Urlaub in Südafrika. "Die Frau Müller weiß, was sie will. Und sie ist jung und hat viel Energie", sagt Susanne Nitsch, ihre Referentin, zehn Jahre älter als Müller. Die beiden siezen sich, das sei auch geboten, findet Frau Nitsch. Immerhin ist man hier bei der CDU.

Nadine Müllers Karriere als Politikerin, sei sie auch nicht geplant gewesen, begann früh. Sie war in ihrem Heimatort Hasborn-Dautweiler für die Junge Union im Kreis- und später im Landesvorstand. 2004 fragte sie der Kreisvorsitzende: "Willst du nicht für den Landtag kandidieren?" Müller war völlig überrascht, dann kam die Wahl, und schon war sie drin. Fünf Jahre saß sie im saarländischen Parlament und studierte parallel Jura. "Ich war erst 21! Am Anfang war ich skeptisch, ob ich überhaupt ernst genommen werde."

Aber sie fuchst sich schnell rein in die Aufgabe. Langweilig muss ihr nicht werden: Neben dem Studium durchläuft sie eine studienbegleitende journalistische Ausbildung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als man ihr die Kandidatur für den Bundestag anträgt, ist sie abermals überrascht. Bei der Wahl holt sie das Direktmandat; ihr Studium hat sie da schon abgeschlossen. Jetzt sitzt Müller im Familien- und im Wirtschaftsausschuss des Bundestags.

Angela Merkel ist schon ein Vorbild

Nadine Müller nippt in einem Lokal am Brandenburger Tor an ihrer heißen Zitrone und denkt nach. Was sie von der Herdprämie hält? Na ja, es sollte jedem freistehen, ob er seine Kinder selbst betreut oder doch lieber arbeiten geht. Sie und Peter wollen auch Kinder, und "das muss dann eben organisiert werden". Sie gehöre nicht dem konservativen Flügel in der Partei an. Für die Gleichstellung von Mann und Frau ist Müller unterwegs, auch für die Besserstellung Alleinerziehender.

Die Jungpolitikerin musste lernen, sich in Männerwelten zu behaupten, bei der Jungen Union und im Judo-Verein, im Landtag und jetzt im Bundestag. "Ich habe keine Angst vor Männern", sagt sie, "und ich muss mich auch nicht wie einer benehmen."

Im Plenum hat sie gleich zu Beginn, bei einer Abstimmung, Angela Merkel kennengelernt, so en passant. Merkel damals: "Das ist ja schön, eine junge Frau, wie alt sind Sie denn?" Müller: "26." Merkel: "Wir haben viel zu wenig Frauen im Parlament." Nadine Müller wirkt heute noch ehrfürchtig, wenn sie von der Begebenheit erzählt. Auch Merkel hat sich schließlich gegen die Männer durchgesetzt - ein großes Vorbild.

Müllers Wohnung ist zehn Minuten vom Reichstag entfernt. Ein Ikea-Sofa, ein Fernseher, ein Doppelbett, eine Kaffeemaschine. "Ich muss es mir hier erst noch gemütlich machen", sagt sie. Im Kühlschrank stehen Wasser und eine Flasche Bier. Einkaufen geht Müller bei Lidl, einen Block die Straße hinunter. Sie möchte lieber Fahrrad und U-Bahn fahren statt mit der Fahrbereitschaft des Bundestags. Die schwarze Limousine ist ihr zu großkotzig.

Ein kleiner Flitzer, sonst nicht viel Luxus

Als Abgeordnete verdient Müller über 7000 Euro, dazu kommt eine steuerfreie Pauschale. "Ich mache mir nicht viele Gedanken um Geld und Luxus." Sie geht gern essen, macht mal Skiurlaub. Und sie hat sich einen kleinen Flitzer gegönnt: einen Peugeot 207 Cabrio. Das meiste Geld spart sie für ein Eigenheim, mit Peter.

Obwohl sie selbst beinahe eine geworden wäre, ist Müller in Gesellschaft von Journalisten vorsichtig geworden. Einmal wollte ihr eine große Boulevardzeitung eine Affäre andichten. Ein anderes Mal schrieb die Rechtsaußen-Postille "Junge Freiheit" über sie als konservative Jungpolitikerin, die Merkel ärgern könnte. Sie empfand die Berichterstattung als unfair. "Schreibt doch auch mal was Positives über uns", appellierte sie danach an die Hauptstadtjournalisten.

Müller sagt, sie sei jetzt angekommen in Berlin. "Ich strebe nicht nach höheren Ämtern. Mir ist das, was ich erreicht habe, genug." Bis zur Rente wolle sie nicht in der Politik bleiben, um Himmels willen, irgendwann gehen einem die Ideen aus, glaubt sie. In einer Stiftung könnte sie sich vorstellen zu arbeiten - später.

So richtig Gedanken machen muss sich Nadine Müller sowieso nicht. Im Zweifel kommt wieder einer und überrascht sie damit, dass er ihr eine Kandidatur anträgt. Und sie so auf die nächste Stufe schubst.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Einfach wunderbar
Noodles, 26.03.2010
Nie im Leben eine eigene Mark verdient, nie im Leben selbstständig irgendetwas gearbeitet, 0 in Worten Null Lebenserfahrung, aber über die Geschicke von 82 Millionen Deutsche entscheiden wollen.
2. Jüngste CDU-Abgeordnete: Unter Mächtigen
Erich91 26.03.2010
Es erschreckt eher, was die Dame für Ihre Zukunft erwartet, keine Verantwortung übernehmen, kein höheres Amt anstreben, Nicht bis ins Alter arbeiten und früh genug in irgendeine Stuftung abtauchen, So funktionierts bei unseren Politikern.
3. Erde an Raumschiff Berlin
t.h.wolff 26.03.2010
2004 fragte sie der Kreisvorsitzende: "Willst du nicht für den Landtag kandidieren?" Muß ja eine gewaltige Kompetenzbasis zur Auswahl gehabt haben, der Gute; Azubis ohne erkennbare Erwerbsbiographie sind schließlich die Idealbesetzung für ein Parlament. Aber auch mit frisch abgeschlossenem Staatsexamen: eine neue Atronautin für das Raumschiff Berlin.
4.
buutzemann 26.03.2010
diese stromlinienförmigen juristen sind ein echter alptraum. nicht wertschöpfend, nicht produzierend, aber zu allem eine meinung. und wer als junger mensch angela merkel bewundert, dem ist eh nicht mehr zu helfen. frei nach churchill: wer mit 25 jahren kein sozialist ist, hat kein herz...
5. Hausbacken in die goldene Zukunft
vielblabla, 26.03.2010
//Schreibt doch auch mal was Positives über uns", appellierte sie danach an die Hauptstadtjournalisten. Macht doch mal mehr Positives, vielleicht schreibt dann auch die Presse wieder besser über euch. //Bis zur Rente wolle sie nicht in der Politik bleiben, um Himmels willen, irgendwann gehen einem die Ideen aus, glaubt sie. In einer Stiftung könnte sie sich vorstellen zu arbeiten - später. Keine Sorge Frau Müller, nach 8 Jahren Bundestag haben sie mehr Pensionsansprüche als ein Durchschnittsverdiener in seinem ganzen Arbeitsleben erwirtschaften kann. Mit einem Jura-Studium können sie auch fleißig nebenher Arbeiten (fragen sie mal Herrn Merz), Anwesenheit ist im Bundestag nicht so gefragt wie man meint. Sie müssen auch sonst nicht all zu viel machen. Einfach immer fröhlich klatschen wenn Mutti am Rednerpult steht und darauf hoffen, das der deutsche Michel bei der nächsten Wahl wieder so blöd ist wie zuvor.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Bundestag
RSS

© UniSPIEGEL 1/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare
Fotostrecke
Elf Politik-Twens: So jung und schon MdB

Heft 1/2010 Studentinnen schreiben Pornos und sind stolz darauf

Fotostrecke
Bye bye, Bundestag: Jüngste Abgeordnete hört auf
Das ist der 17. Deutsche Bundestag
Namen, Sitze, Machtverhältnisse: SPIEGEL ONLINE zeigt den Bundestag im Überblick

Fotostrecke
Jungpolitiker: Zimmermann steckt alle an