Jungärzte als Landmuffel: Medizin ja, Provinz nein

Von Laura Gitschier

Auf Arzt studieren? Sofort und egal wo. Nach dem Medizinstudium allerdings ist der Nachwuchs wählerisch: Die Praxen in der Provinz verwaisen, denn als Landdoktor will kaum einer arbeiten. Auch weil der Partner oft ebenfalls Akademiker ist und lieber in der Stadt lebt.

Nach Recke? In ein Dorf mit gut 12.000 Einwohnern am Rande des Teutoburger Walds? Mitten in die Provinz, wo das nächste kleine Kino 20 Autominuten entfernt ist? Leben und arbeiten in einem Ort, in dem es zwar Bundeskegelbahnen, einen Tischtennisverein und schöne Radwanderwege gibt, aber kein Theater, keine coolen Kneipen, kein Yoga-Studio? Ausgerechnet dorthin soll sie gehen, wenn sie fertig ist mit ihrem Studium? "Ganz bestimmt nicht", sagt Marie Endruweit, 22 Jahre alt.

Die Kölner Medizinstudentin ist im fünften Semester, sie weiß, dass man sie nach Abschluss ihrer Ausbildung gut gebrauchen könnte in der kleinen nordrhein-westfälischen Gemeinde - schließlich gehen drei der fünf dort niedergelassenen Allgemeinmediziner in den kommenden drei bis vier Jahren in Rente. Trotzdem, ein Dasein in Recke ist für sie ausgeschlossen. Die Nachfolge der Recker Landärzte werden andere antreten müssen. Die Frage ist nur: Wer?

Laut einer deutschlandweiten Umfrage der Universität Trier im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erwägen nur 16 Prozent der Medizinstudenten, sich in der Provinz niederzulassen. Schon jetzt bleiben deswegen in den ländlichen Regionen sehr viele Arztpraxen unbesetzt. Und in den kommenden Jahren wird sich die Lage verschärfen. Rund die Hälfte der heute niedergelassenen Hausärzte erreicht bis 2026 das Rentenalter.

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dpa
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Wenn sich bis dahin nichts ändert, wird es dramatische Ausfälle geben, besonders in den neuen Bundesländern und in strukturschwachen Regionen wie dem Bayerischen Wald, den landwirtschaftlich geprägten Teilen Westfalens und Baden-Württembergs. Nie zählte das Fach mehr Studenten, und es drängen mehr Abiturienten nach als jemals zuvor. Wer keinen Platz bekommt, versucht erbittert, sich einzuklagen. Medizin ja, Provinz nein: Schon 2020 werden dort mit hoher Wahrscheinlichkeit etwa 7000 Hausärzte fehlen.

Was die Liebe mit der Medizinerlandflucht zu tun hat

"Im Moment kann ich mir absolut nicht vorstellen, Hausärztin auf dem Land zu werden", sagt die Ulmer Medizinstudentin Ann-Cathrin Bischof, 24. Als Ärztin auf dem Land sei man gleich "eine Art Institution", zuständig für den hypochondrischen Opa genauso wie fürs asthmatische Kind. Eine schwere Verantwortung. "Mir würden die Zusammenarbeit mit anderen Ärzten und die fachliche Rückkopplung fehlen", sagt Bischof. Es ziehe sie eher in eine Klinik.

"Das Bild des Allgemeinmediziners als ständig erreichbarem Einzelkämpfer hat für die meisten Medizinstudenten keinen Reiz mehr", erklärt Christian Kraef von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden.

"Die heutige Generation junger Mediziner wünscht sich eher Arbeit im Team, vernünftige Arbeitszeiten und überschaubare unternehmerische Risiken." Junge Ärztinnen drängen noch stärker als ihre männlichen Kollegen in feste Stellen im Krankenhaus. Ein Umstand, der den Landärztemangel noch größer macht: Denn mittlerweile liegt der Anteil der Studentinnen in den medizinischen Hochschulen bei 64 Prozent.

Hinzu kommt, dass viele Ärzte Partner haben, die ebenfalls Akademiker sind und damit in Jobs streben, die auf dem Land nicht in der gleichen Fülle wie in der Stadt zu finden sind.

Manch einer bei den Kassenärztlichen Vereinigungen sehnt sich schon zurück in die Vergangenheit. Da wurde eine Landarztpraxis an den Sohn übergeben - und dessen Frau wurde die Praxishelferin. Unter solchen Bedingungen war es für die Vereinigungen ziemlich einfach, die Bevölkerung zuverlässig flächendeckend zu versorgen. Auf Dauer lässt sich dieser gesetzliche Auftrag nun wohl nur noch erfüllen, wenn die Politik den Landärzten erheblich entgegenkommt und ihre Arbeitsbedingungen verbessert.

"Wir wollen, dass der Landarzt für die Menschen nicht nur in einer idyllischen Vorabendserie existiert", sagte kürzlich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) - und schickte das "Versorgungsstrukturgesetz" auf den Weg, das demnächst zur Abstimmung in den Bundestag wandert. Das Gesetz soll Landärzten mehr Geld in die Kassen spülen und sie bei der Verwaltungsarbeit entlasten. Das Gesetz soll Landärzten mehr Geld in die Kassen spülen und sie bei der Verwaltungsarbeit entlasten. Außerdem müssen die Mediziner nicht mehr unbedingt in der Nähe ihrer Praxis wohnen, wie es derzeit noch vorgeschrieben ist. Wer in der Pampa arbeitet, darf dann abends zurück in die Großstadt fahren.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. So was wählerisches
travelfox42 24.01.2012
Es mag ja sein, dass der Job als Landarzt stressiger ist, als in der Stadt. Dafür hat man aber auch Lebensqualität, die man in der Stadt nicht unbedingt hat. Auch in der Stadt ist das Kino eine halbe Stunde entfernt. Warum zieht es immer nur alle in die Stadt? Wenn ich Medizin studiert hätte, würde ich mich liebend gern auf dem Land niederlassen.
2. Finanziell locken!
bananenfan 24.01.2012
Man könnte ja als Anreiz die Pauschale der Krankenkasse in Orten mit weniger als 30.000 Einwohnern verdoppeln...
3. Angebot und Nachfrage
reaealist 24.01.2012
Die Firmen in der Provinz beklagen sich auch über Fachkräftemangel, versuchen aber, die qualifizierten Kräfte mit Gehalt und guten Arbeitsbedingungen zu locken. Warum sollte das bei Ärzten anders sein? Solange die Ingenieure nicht mit Zwang aufs Land geschickt werden, sollte man das bei den Ärzten auch nicht machen.
4. ...
tom_m. 24.01.2012
Das Problem ist, daß sich alles zu sehr auf die Großstädte konzentriert, während die kleineren (Land)Städte immer mehr Funktionen und damit auch Arbeitsplätze einbüßen. Als Akademiker hat man im ländlichen Bereich große Probleme eine Stelle zu finden. Die Ärzte scheinen da ja noch die freie Wahl zu haben. Aber irgendwann wird die Konkurrenz in den Städten die Mediziner erdrücken. Dabei ist der Beruf des Landarztes doch eigentlich sehr lukrativ. Arbeit gibts ohne Ende. Der demographische Wandel schlägt in ländlichen Regionen besonders ein, also Folge gibt es dann viele Alte und Kranke. Außerdem denke ich, daß das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auf dem Land sehr eng ist und weniger oberflächlich als in einer riesigen Uni-Klinik. Nur shoppen kann man auf dem Land nicht so gut ... Das Argument, daß es auf dem Land keine „fachliche Rückkopplung“ gebe, ist an Ignoranz nicht zu toppen. Selbst auf dem Land gibt es erstaunlicherweise Kliniken und Fachärzte die in Teams arbeiten, zumindest noch. Ich glaube die Stadtkinder haben einfach ein falsches und völlig verzerrtes Bild vom Landleben vor Augen.
5. Ich würde es sofort machen
Rage-Guy 24.01.2012
Leider bin ich nur ein dummer Hauptschüler, aber mit einem guten Abitur hätte ich Medizin studiert. Die Aussicht, irgendwo auf dem Land eine Praxis zu haben, der Gemeinde zu helfen - auch mal nachts -, ein kleines Häuschen, Garten, Platz für Katzen ... ich würde es sofort machen. Für mich klingt das sehr schön. Lieber eine Bundeskegelbahn im Ort als ein Starbucks.
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