Junge Akademiker: Danke für die Demütigung!

Das Bild des bösen Chefs, der seine Mitarbeiter schikaniert, hat sich überlebt - heute erniedrigen sich viele Uni-Abgänger selbst, ducken sich vor Autoritätspersonen, verkaufen sich unter Wert. Im Job, hat Elena Senft beobachtet, wird schnell eine dauerhafte Duldungsstarre daraus.

Elena Senft, geboren 1979, studierte vor ihrer Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule Romanistik und Geschichte. Nun ist sie Reporterin und hat gerade ihr erstes Buch "Und plötzlich ist später jetzt" veröffentlicht Zur Großansicht

Elena Senft, geboren 1979, studierte vor ihrer Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule Romanistik und Geschichte. Nun ist sie Reporterin und hat gerade ihr erstes Buch "Und plötzlich ist später jetzt" veröffentlicht

"Wo liegen Ihre persönlichen Schwächen?" - das ist die schlimmste aus dem schlimmen Kanon der typischen Fragen eines Bewerbungsgesprächs. Kann der Einstand in ein Berufsleben erniedrigender beginnen? Der Teil der Berufsanfängerschaft, der sich für clever hält, antwortet mit Sätzen wie "Ich bin zu perfektionistisch". Die anderen murmeln etwas wie "Puh, da fällt mir gerade nichts ein, aber ich habe sicher, wie alle anderen Menschen ja auch, unheimlich viele Schwächen und Fehler". Unsouveräner geht's kaum.

Eine korrekte Antwort auf diese Frage gibt es natürlich nicht. Zumindest nicht, wenn man am Job wirklich interessiert ist. Sie wird aber auch nicht verlangt. Denn die Frage folgt rein psychosadistischen Motiven und soll dem bangen Berufsanfänger, der sich mit nassen Händchen an seinem geleimten Lebenslauf und dem Aktenkoffer mit Praktikumsbescheinigungen festklammert, einfach nur verdeutlichen, wer hier die Hosen anhat und wer das Omega-Tier des Unternehmens bleiben wird.

Das Prozedere könnten wir uns eigentlich sparen. Denn Chefs sind heutzutage überhaupt nicht mehr darauf angewiesen zu zeigen, dass sie der Chef sind. Alle wissen es bereits, und am wenigsten würden junge Arbeitnehmer ihnen den Posten streitig machen. Bosse haben es leicht. Sie müssen nicht mehr der Buhmann sein, wenn sie dazu keine Lust haben. Sie können ihre Angestellten pseudolocker duzen, sie können sich zur richtigen Zeit nach der abklingenden Erkältung erkundigen und verlieren trotzdem nichts.

Danke für die Chance, ich schufte auch zum Niedriglohn

Das Bild des bösen Chefs, der seine Mitarbeiter schikaniert, hat sich überlebt. Heute übernehmen das die jungen Mitarbeiter schon ganz von allein - sie brauchen keine fremde Hilfe, um sich devot vor Autoritätspersonen zu ducken. Sie machen sich selbst das schlechte Gewissen, zu früh gegangen oder wieder nicht als erste im Büro gewesen zu sein, auch wenn der Vorgesetzte gar nichts gesagt hat.

Ruft der Chef morgens um sieben an, wenn man noch geschlummert hat, geht man mit belegter Stimme, der man anhört, dass sie heute erstmals verwendet wird, ans Telefon und sagt: Nein, nein, nein, natürlich habe man nicht mehr geschlafen, sondern sei bereits joggen gewesen und habe längst schon die Arbeits-E-Mails gecheckt. Man schlafe eigentlich ja sowieso niemals, sondern warte höchstens.

Berufsanfänger haben gelernt, dass jeder so tun muss, als arbeite er aus rein altruistischen Gründen. Gehalt? Unwichtig. Arbeitszeiten? Pffff. Sie haben gelernt, dass es irgendwie okay ist, ganz ohne Vertrag zu arbeiten oder entgegen allen Schwüren doch noch ein allerallerletztes Praktikum dranzuhängen. Und anschließend freuen sie sich über einen Halbjahresvertrag mit einer Bezahlung, die für die Anmietung einer eigenen Wohnung niemals reichen würde, vor der gönnerhaft dreinblickenden Restbelegschaft in Grund und Boden über diese "Chance". Aus der Ahnung heraus, dass sonst ein anderer einschlagen und bald fröhlich winkend im geleasten BMW an einem vorbeiziehen wird, während man selber im Opel Corsa mit den unkaputtbaren Resten des "Abi 99"-Heckscheibenaufklebers die Ausfahrt nicht findet.

Ein Fleißkärtchen nach dem anderen

Wer kann es sich heute schon leisten, einen kleinen Schritt in der vermeintlichen Karriereleiter auszulassen? Die Folge: ewige Fleißkärtchensammler. Die immer noch so tun, als sei es erfüllend, anderen beim Arbeiten über die Schulter zu gucken. Und die doch eigentlich wissen müssten, dass Über-die-Schulter-Gucken für den Guckenden langweilig und für den Beguckten lästig ist. Die geduldig eine Fleißaufgabe nach der anderen abarbeiten, nichts ablehnen und sich wundern, warum der eigene Name immer vergessen wird. Gründlich haben sie gelernt, dass jeder klein anfangen muss. Ist dann der Moment gekommen, in dem man groß sein sollte, haben diese Leute noch kein einziges Mal Verantwortung übernommen.

Ich habe einen Freund, der die Seiten gewechselt hat. Matthias ist jetzt selbständig. Zu seiner Verblüffung hat alles blendend funktioniert: die Uni, der Start der eigenen Firma, die strategische Planung, das Selbstbewusstsein. Und auf einmal hatte er eine GmbH in zukunftsträchtigem Gewerbe und mehrere Mitarbeiter.

Zu Beginn zwickte ihn Angst vor seiner neuen Rolle. Weil er es unangenehm findet, Menschen Aufgaben zu übertragen, wo er doch oft denkt, er habe für seinen eigenen Erfolg keine richtige Leistung erbracht, sondern nur irgendwie Glück gehabt. Er ist außerdem ein sehr netter Mensch, einer, der gemocht werden will. Und als Chef, dachte Matthias, würde er einfach von manchen Menschen nicht mehr gemocht werden. Seine Mitarbeiter würden mit den Augen rollen, nachdem er den Raum verlassen hatte. Vielleicht hätte er einen üblen Spitznamen, der auf seine Nase oder seine geringe Körpergröße anspielte. Sonntagabends würden sie mit Groll an ihn denken, weil er den Montag verkörpert.

Ein Prosit der Genügsamkeit

Als er seine fast gleichaltrigen Mitarbeiter zum ersten Mal fragte, ob sie nicht alle mal nach Feierabend ein Bier zusammen trinken wollen, sagten alle zu; abzusagen traute sich keiner. Nach dem zweiten Bier siezten ihn alle stoisch weiter und bestellten nur noch Apfelschorle, um ja nicht maßlos zu wirken. Ein böser Mensch musste er nicht werden, um als Chef zu bestehen.

Als Matthias das erste Mal beim Vorstellungsgespräch auf der sonnigeren Seite saß, hatte er Mitleid. Selbstverständlich hatte der 29-jährige Bewerber nicht nach Erstattung der Anreisekosten zu fragen gewagt. Und dem ersten Gehaltsvorschlag stimmte er sofort zu, obwohl Matthias extra Raum nach oben gelassen hatte. Als wäre er erstaunt, überhaupt Geld für Arbeit zu bekommen! Auf die Erklärung des wirklich öden Teils der Aufgaben im Job reagierte er orgiastisch. Matthias stellte ihn ein.

Der Bewerber verließ das Büro dankbar, ohne etwas über die Zahl seiner Urlaubstage zu wissen oder das Weihnachtsgeld. Dieser genügsame Angestellte verabschiedete sich später, vor seinem wohlverdienten Urlaub, bei Matthias mit den Worten, er könne im Urlaub seine Mails leider nur etwa alle zwei Tage checken, es gebe ja in Costa Rica nicht überall Internetcafés. Matthias hatte nicht vor, ihn im Urlaub zu behelligen, aber wenn er es schon anbietet ...

Beim Vorstellungsgespräch hatte der Bewerber auf die Frage nach seiner größten persönlichen Schwäche "Hm, das müssen andere beurteilen, aber da gibt's sicher was" gemurmelt. Die ehrliche Antwort wäre gewesen: "Ich kann einfach nicht Nein sagen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 453 Beiträge
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1. x
mmueller60 09.09.2009
Zitat von sysopDas Bild des bösen Chefs, der seine Mitarbeiter schikaniert, hat sich überlebt - heute erniedrigen sich viele Uni-Abgänger selbst, ducken sich vor Autoritätspersonen, verkaufen sich unter Wert. Im Job, hat Elena Senft beobachtet, wird schnell eine dauerhafte Duldungsstarre daraus. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,647122,00.html
Hübsch geschrieben, liest sich gut! Interessanterweise schreiben über Berufseinstiegserfahrungen immer - na? ...Berufsschreiber, also Leute, die in der Medienbranche oder ähnlichen "coolen" Bereichen arbeiten (wollen). Man liest so etwas nicht von einfachen Bürokaufleuten; oder gar von Ärzten, Ingenieuren etc. Bei denen sieht es ja auch anders aus. Die angebliche "Generation Praktikum" ist mehrfach auseinandergepflückt worden. Dieses Lebensgefühl ist deswegen so verbreitet, weil es gerade die trifft, die branchentypisch extrovertiert und kommunikationsfreudig sind. Derart unsouverän im Bewerbungsgespräch aufzutreten (keine Erstattung? Ersten Vorschlag annehmen?) bedeutet eben entweder, daß der Bewerber wenig selbstbewußt ist bzw. es nicht schafft, dies wenigstens vorzuspielen, oder daß der Bewerber eben doch eine schlechte Verhandlungsposition hat. Bei Ingenieuren weiß man um den eigenen Wert und was man will.
2. Man bekommt, was man verdient.
Ammun, 09.09.2009
Hätten die heutigen Absolventen das Rückrad der 68-er, dann würden sie sich nicht so demütigen lassen. Da das aber absolut keine Elite mehr ist, was da aus den unis kommt, geschieht es jenen recht: Entrechtet und ohne Würde werden die zusehen können, wie eins nach dem anderen sie verlieren - erst das gute Einkommen 8was sie nie hatten), dann fehlende Partnerbildung (denn wer will schon ein Versager), dann Selbstaufgabe (denn was ist man eigentlich noch).
3. Zustimmung
murx1206 09.09.2009
Zitat von sysopDas Bild des bösen Chefs, der seine Mitarbeiter schikaniert, hat sich überlebt - heute erniedrigen sich viele Uni-Abgänger selbst, ducken sich vor Autoritätspersonen, verkaufen sich unter Wert. Im Job, hat Elena Senft beobachtet, wird schnell eine dauerhafte Duldungsstarre daraus. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,647122,00.html
Diesen Bericht kann ich nur zu 100% zustimmen. Bei Bewerbungsgesprächen bzw. den Stellenausschreibungen wird meist maßlos bei den geforderten Qualifikationen übertrieben (30 Jahre alt, Studium mit 1,0; mind. 10 Jahre Berufserfahrung und Auslandsaufenthalt und, und, und...). Die Unternehmen möchten, das ihr Personal wie Superman arbeitet, aber diese dann wie Al Bundy bezahlt. Das trifft gerade viele junge Menschen, die nicht über das notwendige Vitamin B verfügen und sich erst Praktikum für Praktikum, danach mit Leiharbeit über Wasser halten müssen.
4. Dieses sich selbst kleinmachen,
elwu, 09.09.2009
dieses verhuschte ducken um nur ja nicht anzuecken, weisen nicht nur Berufsanfänger auf. Ob Anfänger oder mit Berufserfahrung: wer bei Vorstellungsgespräch unerfahren, unsicher ist, sollte sich mit Hilfe von Profis vorbereiten. Ein Bewerbungstraining absolvieren. Das von der Kleidung über nonverbale Kommunikationselemente bis zum Umgang mit fiesen Fragen des potentiellen Arbeitgebers führt, und welche Fragen man selbst stellen sollte und welche nicht. Und wer sich wie viele Praktikanten oder der überaus pflichteifrige Angestellte von Matthias verhält ist nicht nur selbst schuld sondern tut allen Kollegen einen schlechten Gefallen.
5. Junge Akademiker: Danke für die Demütigung!
LenaKob 09.09.2009
Naja, am Ende bekommt der Artikel ja noch eine Kurve hin. Ein reines "Gejammer" hätte mir nämlich nicht gefallen. So finde ich denn auch, dass die beschriebene Art von jungen ArbeitnehmerInnen nicht Opfer einer (neuen) Angestelltenkultur sind, sondern Täter.
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