Junge Akademiker: Sponsored by Sozialamt

Von Kai Rehländer

"Irgendwas mit Medien", lautet der Berufswunsch zahlloser Absolventen. Zum Beispiel ein PR-Volontariat. Dort bietet der Alltag wenig Glamour: Oft gebricht es den Agenturen an jeder Ausbildungsabsicht, und sie zahlen so schlecht, dass das Sozialamt einspringen muss - wie bei der Hamburger Volontärin Saskia, 27.

Neue Parole für Absolventen: "Arm sein ist geil"
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Wenn Saskia R. aus dem Fenster guckt, hat sie das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben: In einem fröhlichen Kaleidoskop von Braun- und Rottönen verfärbt sich im Herbst das Laub rund um die Alster, die weißen Dampfer tuckern über das Hamburger Binnengewässer, und am gegenüberliegenden Ufer versperrt das noble Atlantic-Hotel den Blick auf das Bahnhofsviertel. Viel Zeit, diesen Ausblick zu genießen, hat die PR-Volontärin nicht. Den ganzen Tag über telefoniert sie mit Lifestyleredakteuren in ganz Deutschland, um alkoholische Getränke für die gehobene Lebensart anzupreisen, verfasst Pressemitteilungen und bereitet PR-Events vor.

Nach dem Abitur hat die 27-Jährige gleich eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert, danach in der Regelstudienzeit ein Germanistikstudium durchgezogen, nebenbei noch freiberuflich für Stadtmagazine geschrieben und im Bürgerradio eine eigene Sendung gestaltet. Zielstrebig absolvierte sie nach dem Studium mehrere Praktika und begann nach mehreren Absagen von Verlagen und Rundfunkanstalten ein Volontariat bei einer PR-Agentur.

590 Euro netto für eine 50-Stunden-Woche

Doch nun muss sie zum Sozialamt und erneut Unterstützung zum Lebensunterhalt beantragen - obwohl sie jede Woche an die 50 Stunden arbeitet. Denn weniger nobel als die Adresse ist die Bezahlung bei der alteingesessenen Hamburger PR-Agentur. Gerade einmal 590 Euro netto werden jeden Monat angewiesen, zwölfmal im Jahr, ohne Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Bei 20 Tagen Urlaub. Die Miete für Saskias kleine Einzimmerwohnung schlägt mit 280 Euro zu Buche - also noch 310 Euro für Essen, Telefon, Fahrtkosten, angemessene Bekleidung und alle Dinge zum Leben.

Letzter Ausweg: Das Sozialamt muss zahlen
DPA

Letzter Ausweg: Das Sozialamt muss zahlen

Da bleibt Saskia und ihren drei Mitvolontärinnen, allesamt Uni-Absolventinnen, nichts anderes übrig als der Gang zum Sozialamt, die Unterstützung der Eltern oder ein Nebenjob am Wochenende. Neben den vier PR-Volontärinnen arbeiten noch zwei ausgebildete PR-Beraterinnen für die Agentur, die zahlreiche sehr namhafte Markenartikler betreut und sich eine dreiköpfige Geschäftsführung leistet. Eine außerbetriebliche Fortbildung wie Volontärkurse ist in der zweijährigen Ausbildung zur PR-Assistentin nicht vorgesehen.

"Dieser Fall ist extrem", findet Beate Sohl, pädagogische Leiterin der Deutschen Akademie für Public Relations. "Wir empfehlen ein Volontariat mit einer Dauer von 18 Monaten und mehreren außerbetrieblichen Ausbildungsblöcken", sagt die studierte Pädagogin und verweist auf einen Musterausbildungsvertrag der Deutschen Public Relations Gesellschaft, in dem zumindest der Ablauf der Ausbildung zum PR-Assistenten oder PR-Berater festgeschrieben wird.

Eine einheitliche Bezahlung gibt es im PR-Bereich nicht. Einige Agenturen orientieren sich beim Volontärsgehalt zunehmend am Tarifvertrag für Zeitschriftenvolontäre. Auch die Presseabteilungen etablierter Konzerne mit Multimillionen-Werbeetat entlohnen ihre Nachwuchskräfte mit gerade mal 1000 Euro brutto im Monat. Selbst die Gesellschaft Public Relations Agenturen muss mittlerweile eingestehen, "dass in verschiedenen Fällen sich in der Praxis leider auch das Fehlen einer wirklichen Ausbildungsabsicht feststellen lässt". Die Bezeichnung Volontär bedeutet nur: weniger Geld und weniger Arbeitnehmerrechte.

30.000 bis 50.000 Menschen arbeiten in Deutschland als PR-Spezialisten oder Öffentlichkeitsarbeiter, so eine Schätzung der Deutschen Public Relations Gesellschaft. Die Werbeetats sind zwar geschrumpft, aber die PR legt eher noch zu - bei so wollen Unternehmen und Agenturen die redaktionellen Teile der Medien erobern. Und an Nachwuchs fehlt es nicht: Die Krise der Printmedien sorgt zuverlässig dafür, dass Hochschulabsolventen sich bei PR-Agenturen bewerben, um wenigstens im begehrten Medienumfeld zu arbeiten.

Saskia will auf jeden Fall ihr Volontariat beenden. Am liebsten allerdings in einer anderen Agentur.

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