Wut der Doktoranden: Wie Deutschland junge Forscher vergrault

Von Britta Mersch

Unsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher.

Laborantin: Gehen oder bleiben? Zur Großansicht
Corbis

Laborantin: Gehen oder bleiben?

In der Forschung fühlt sich Frank Wiese* zu Hause. Er arbeitet an einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft in Ostdeutschland, beschäftigt sich mit naturwissenschaftlichen Fragen. Womit genau, möchte er nicht öffentlich sagen. Denn auch wenn ihm seine Doktorarbeit Spaß macht, äußert er Kritik: "Wir alle forschen unter prekären Bedingungen", sagt er. Deswegen überlegt er, seiner Karriere einen anderen Dreh zu geben: "Vielleicht mache ich noch ein oder zwei Jahre. Dann sehe ich aber zu, dass ich in die Wirtschaft komme."

Denn die Kommilitonen, die in die Wirtschaft gehen, verdienen nicht nur mehr Geld. Nach ein paar Jahren stellt sich mit einer festen Stelle auch Sicherheit bei ihnen ein. Anders ist die Situation bei den Nachwuchswissenschaftlern: Viele wissen mit Ende 30 noch nicht, ob sie eine Professur ergattern. Bis dahin hangeln sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten.

Eine Perspektive, die vielen Angst macht: Eine Umfrage unter Helmholtz-Doktoranden aus 2009/10 ergab, dass ein Drittel noch nicht sagen kann, was nach der Promotion kommt. Nur neun Prozent streben nach der Doktorarbeit eine Postdoc-Stelle in Deutschland an. Die restlichen sehen ihre Perspektiven im Ausland oder in der Wirtschaft.

Viele bleiben stumm, aus Angst um die wissenschaftliche Karriere

Im März hatten sich Doktoranden der Max-Planck-Gesellschaft über ihre oft prekären Arbeitsverhältnisse beklagt. Sie übten vor allem Kritik an der Praxis, Doktoranden mit Stipendien abzuspeisen. Denn die Stipendiaten zahlen nicht in die Renten- oder Pflegeversicherung ein und müssen selbst eine Krankenversicherung abschließen. Zahlreiche Doktoranden von unterschiedlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen meldeten sich daraufhin bei SPIEGEL ONLINE und schilderten ihre Probleme. Es geht um prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Abhängigkeiten zum Doktorvater - und den Umfang, mit dem Doktoranden in Arbeiten des Instituts eingebunden werden, auch wenn sie nur eine halbe Stelle haben.

Aus Angst, der wissenschaftlichen Karriere zu schaden, mag sich kaum jemand öffentlich äußern. Stephanie Niehoff allerdings hat die Wissenschaft schon verlassen. Die 31-Jährige hat über bolivianische Einwanderer in Sao Paolo promoviert, heute arbeitet sie bei einer Politikberatung. Finanziert hat sie ihre Promotion mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Stelle an der Uni hatte sie nicht: "Trotzdem wurde ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass ich unentgeltlich Lehrveranstaltungen halte", sagt Stephanie Niehoff. Sie sei auch in Aufgaben des Lehrstuhls eingebunden worden - obwohl sie dafür kein Geld bekam. "Wer in der Wissenschaft bleiben möchte, muss das machen", sagt sie heute, "die Abhängigkeiten sind enorm."

Ab wann ist man echter Forscher?

Dass es vor allem am Verständnis der betreuenden Professoren hapert, wird auch in einem Artikel deutlich, mit dem Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, im "Tagesspiegel" auf die Berichterstattung von SPIEGEL ONLINE reagierte. Bei der Promotion handele es sich um "Lehrjahre im Labor", schreibt er. Er meint: Ein ganzer Wissenschaftler müsse man erst noch werden. Insofern würden die Stellen auch nicht ganz vergütet - und das sei "weitgehende Praxis an allen Forschungseinrichtungen und Universitäten".

Eine Haltung, mit der der MPG-Präsident prompt den Zorn der Doktoranden auf sich zog. Schon kurz zuvor hatte das PhDnet, in dem sich Doktoranden zusammengeschlossen haben, der Max-Planck-Gesellschaft in einem Artikel deutlich gemacht, dass eine Promotion mehr sei "als die Befriedigung persönlicher Eitelkeit". Doktoranden erbrächten einen wesentlichen Teil der Forschungsleistung an wissenschaftlichen Instituten. Die Bedingungen in Deutschland führten dazu, dass viele Nachwuchswissenschaftler spätestens nach der Promotion das Land verließen: "Denn auch im Postdoc-Bereich winken hierzulande nur magere Stipendien und befristete Verträge", schreiben die Doktoranden.

Das Ausland lockt mit besseren Bedingungen

Inzwischen startete auch eine Unterschriftenaktion für eine Petition, mit der die MPG-Doktoranden bessere Bedingungen fordern wollen. Es geht um eine höhere Bezahlung und die freie Wahl zwischen einem Vertrag und einem Stipendium. Darüber hinaus müssten Stipendiaten von den Aufgaben am Institut entbunden werden. Ende April hatten sie schon über 1000 Unterschriften gesammelt.

Damit sich etwas ändert, ist vor allem die Politik gefragt. Denn es geht auch darum, den Nachwuchs in Deutschland zu halten. "Die Perspektive, dass man mit 40 vor dem Nichts steht, haben viele vor Augen", sagt Sabine Jung, Geschäftsführerin der German Scholars Organization, die sich dafür einsetzt, dass deutsche Wissenschaftler, die im Ausland forschen, wieder zurück nach Deutschland kommen.

Universitäten oder Forschungseinrichtungen in den USA zum Beispiel hätten ganz andere Modelle etabliert. "Über eine Stelle als Assistant Professor lässt sich viel leichter eine Karriere aufbauen", erklärt Sabine Jung. Denn anders als in Deutschland können diese Professoren eine unbefristete Stelle bekommen, wenn sie sich als Wissenschaftler bewähren, also viele Aufsätze publizieren oder Drittmittel einwerben. In Deutschland dagegen fehlt ein solches Karrieremodell für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auch Juniorprofessoren müssen sich häufig neu bewerben, wenn ihre Stelle ausläuft.

Es wird wohl lange dauern, bis sich Politik und Wissenschaft dazu durchringen werden, etwas zu ändern. Und die Nachwuchskräfte als das anzusehen, was sie sind: gut ausgebildete junge Menschen, die als Forscher einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftslandschaft in Deutschland leisten.

*Name geändert

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Betrifft "Lehrjahre im Labor"
schmunda 21.05.2012
Das galt vielleicht mal, früher. Heute wird ja bereits von Studierenden erwartet ihre Masterarbeit möglichst hochwertig zu publizieren. Das war vor wenigen Jahren noch nichtmal bei Promovierenden usus. Ich halte das keineswegs für schlecht aber dank der konsequenten Ökonomisierung der akademischen Landschaft werden immer mehr Aufgaben (Lehre, Forschung, Administration, Öffentlichkeitsarbeit) nach unten weitergereicht. So gesehen sind Doktoranden heutzutage fast vollwertige Mitarbeiter und man kann die Situationen unter denen die Herren und Damen der Generation von Peter Gruss die Doktorwürde erlangten mit denen von heute nicht mehr vergleichen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Doktoranden nicht so hohe Vergütungen erhalten wie ein Professor, aber die Stipendienfinanzierung verbunden mit der Kompletteinbindung in den Lehrstuhl ist eine Schweinerei. Das Hauptproblem liegt in der Wissenskultur, die momentan in Deutschland herrscht. Überall wird Exzellenz gefordert aber es darf nichts kosten. Jeder sollte studieren können, aber nur wenn qualifizierte Fachkräfte dabei herauskommen, die möglichst viel Wirtschaftswachstum verursachen. Kurz: Studieren ja aber bitte nur wenn etwas sinnvolles für die Wirtschaft dabei rausspringt. Das ist kurzsichtig und für den Bildungsstandort Deutschland tödlich. Ich hoffe Deutschland wird den derzeitigen flächendeckenden Braindrain mal bitter bereuen.
2.
TLR9 21.05.2012
Zitat von sysopUnsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher. Junge Forscher: Max-Planck-Doktoranden wollen Stipendien abschaffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,829548,00.html)
Für mich ist es ein Artikel, in dem ich viel selbsterlebtes wiedererkenne. Manche meiner Freunde schüttelten nur mit dem Kopf, wenn ich mal wieder von meiner Promotionsstelle zählte. Meinen Doktortitel habe ich mittlerweile - eine Perspektive in Deutschland jedoch nicht. Auf dem deutschen Arbeitmarkt tummeln sich mittlerweile die vielen Bachelor of Science Absolventen, die keine "Lehrjahre im Labor" (Prof. Dr. Peter Guss) verbrachten, aber jünger und bezahlbarer für Aufgaben in der Wirtschaft sind. Mit den Gehaltsvorstellung aus dem Öffentlichen Dienst wird man da schon "ausgemustert". Ein Großteil der Stellenausschreibungen in den Naturwissenschaften spricht zukünftige Doktorand/innen an. Die Gehälter sind über drei Jahre garantiert niedriger als bei einem/r Technischen Assistent/in, der theoretisch die gleichen Datensätze liefern könnte, aber dafür keine Probleme lösen muss.
3. Doktoranden sind billige Arbeitskraefte
wind_stopper 21.05.2012
Anstelle einer festen Wissenschaftsstelle können Institute leicht 2 oder 3 Doktoranden finanzieren. Warum also nur eine Person vollzeit und festangestellt beschäftigen, wenn 2 oder 3 Doktoranden mehr Publikationen hervorbringen und dazu noch unentgeltlich in der Verwaltung und Lehre tätig sind? Doktoranden sind heute meist nur noch dazu da, um dem Professor the Publikations Liste auf besonders einfache und billige Weise zu verlängern. Hier bekommt man motivierte und gescheite Leute fuer ein lachhaftes Gehalt - was danach mit Doktoranden passiert ist doch egal. Wen kuemmert es so lange die Publikationen fliessen? Ist übrigens im Ausland auch nicht besser. Klar, hier gibt es tenure-track Stellen, aber da kommen in der Regel auf eine Stelle auch 50 oder mehr Bewerber. Also, die Aussichten sich eine tenure-track Stelle zu angeln sind auch im Ausland mehr als dürftig. Es werden einfach zu viele Doktoren produziert, weil man zu einfach an Gelder fuer Doktoranden kommt, aber keinen Cent fuer feste Stellen hat. So lange die Politik da nicht den Riegel vorschiebt, wird sich auch daran nichts ändern.
4. Qualitätssicherung
der b 21.05.2012
Was über die berechtigten Forderungen der Doktoranden hinaus noch wünschenswert wäre, ist die verbesserte Qualitätskontrolle von und Aufklärung über den Wert von Promotionen (und dem Weg bis zur fertigen Arbeit). Die Spanne ist nämlich riesig und sorgt auch für Wettbewerb, der nicht sein müsste (ganz direkt kann ich das in Medizin und nächstliegenden Naturwissenschaften beobachten). 98% aller Dr. med.'s kann man wissenschaftlich vergessen, das wissen inzwischen die meisten. In Teilzeit oder studienbegleitend geht einfach wenig bis nix, selbst wenn am Ende manche doch einige Zeit im Labor zugebracht haben. Diese Dr.s konkurrieren nicht selten mit richtigen Dr.s um sog. Postdoc-Stellen. Gewählt wird gerade an Unikliniken dann halt oft derjenige, den man auch mal in der Pat.versorgung einsetzen kann, finanziert werden die Projekte aber aus Forschungsmitteln. Ähnliches gilt in meinen Augen auch für Juristen oder Volkswirte, von denen - so wie ich das in verschiedenen Unigremien hörte - auch relativ viele ohne jegliche wissenschaftliche Perspektive berufsbegleitend vor sich hin promovieren, sich das lästige Beiwerk aber sparen und stattdessen kleine Vermögen in Unternehmensberatungen oder Großkanzleien verdienen. Die Verlierer sind die, die mit z.T. ganz großen Idealen in der Uni bleiben und die deutlich höhere wissenschaftliche Wertschöpfung haben. Diese Schieflage sollte imo viel mehr Thema sein und politisch angegangen werden. Eine Promotion soll auf selbstständiges Forschen vorbereiten, mit allem drum und dran (auch Lehre, Betreuung von Abschlussarbeiten). 50-70%-Stellen sind je nach Einbindung in Institutsarbeit ok, auch Stipendien haben ihre Daseinsberechtigung wenn bspw. ein ganz eigenes Thema eingebracht werden soll. In jedem Fall muss aber vertraglich geklärt sein, was dann Rechte und Pflichten des Kandidaten sind.
5.
TLR9 21.05.2012
Zitat von wind_stopperIst übrigens im Ausland auch nicht besser. Klar, hier gibt es tenure-track Stellen, aber da kommen in der Regel auf eine Stelle auch 50 oder mehr Bewerber. Also, die Aussichten sich eine tenure-track Stelle zu angeln sind auch im Ausland mehr als dürftig.
Nur zur Ergänzung: Ich hatte mitbekommen, dass auf eine Stellenausschreibung im Vertrieb, die explizit für pomovierte Biologen, Chemiker oder Pharmazeuten ausgerschrieben war, über 100 Bewerbungen eingingen. Ein Zehntel davon kam in die nähere Auswahl. Auf eine Stelle, die für Absolventen mit Bachelor, Master, Diplom oder Promotion ausgeschrieben war, hatten sich in den ersten zwei Wochen über 60 Bewerber gemeldet. In Deutschland suchen viele Akademiker einen Job. Die Versprechen zur Förderung der Molekularbiologie und Biotechnologie, wie sie Gerhard Schröder bei der Verleihung seiner Ehrendoktorwürde durch die Universität Göttingen versprochen hatte, sind nie eingelöst worden. Der "Neue Markt" ist Geschichte!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Stipendien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 60 Kommentare
Fotostrecke
Doktoranden im Ausland: Besseres Wetter, spannendere Leute


Fotostrecke
Doktoranden: Warum promovieren? Darum promovieren!