Junge Informatiker: Die Freiheit nehm' ich mir

Von Peter Ilg

Jeder fünfte Informatik-Absolvent wechselt vom Hörsaal direkt ins eigene Büro. Branchenexperten halten das für keine brillante Idee, weil es Berufseinsteigern oft an Erfahrung und Wissen fehlt. Trotzdem starten viele erfolgreich durch und werden zufriedene Freiberufler.

Michael Richter schwebt auf Wolke sieben. "Ich werde im November Vater und habe außerdem einen langfristigen Auftrag an Land gezogen", erzählt der 27-Jährige. Er ist freiberuflicher Informatiker und hat keine Angst vor der Zukunft. "Für mindestens ein Jahr habe ich nun ausgesorgt, anschließend besteht die Option auf eine Verlängerung."

Freiberufler Richter: Mit Aufträgen voll ausgelastet

Freiberufler Richter: Mit Aufträgen voll ausgelastet

Einziger Wermutstropfen: Richters Auftraggeber, ein Telekommunikationskonzern, hat seinen Sitz in Berlin, und der Dresdner wird in der Unternehmenszentrale arbeiten: "Montags hin, freitags zurück, dazwischen besucht mich regelmäßig meine Frau mit unserem Kind." Dann will Richter weniger arbeiten, sich Zeit nehmen für sein privates Glück. Diese Freiheit nimmt sich der Freiberufler, der sich gleich nach dem Studium selbständig gemacht hat.

Davor raten Experten allerdings strikt ab. "Ein Informatikstudium bereitet nicht gezielt auf die Selbständigkeit vor", sagt Frank Leymann, Direktor am Institut für Architektur von Anwendungssystemen der Universität Stuttgart. "Im Allgemeinen benötigt man langjährige Erfahrungen, bevor man sich selbständig machen kann." Zu den Ausnahmen zählten beispielsweise Studenten, die sich schwerpunktmäßig mit SAP beschäftigen. "Die Funktionsweise dieser Software und ihre Stellschrauben lassen sich lehren, zudem bieten manche Universitäten spezielle SAP-Vorlesungen, verknüpft mit Praktika an." SAP-Berater gehören zu den gefragtesten Leuten am Arbeitsmarkt, und Beratung ist neben der Programmierung ein typischer Einsatzbereich für IT-Freiberufler.

Gute Auftragslage macht Mut zur Selbständigkeit

Nach Erfahrungen des Professors sind es oft mittelständische Unternehmen, die einen Bedarf an selbständigen IT-Spezialisten haben: "Sie leisten sich häufig einige Informatiker und kaufen projektbezogen Serviceleistungen bei Freiberuflern ein." Obwohl Leymann wie andere Hochschullehrer und der Branchenverband Bitkom davor warnt, ohne Berufserfahrung in die Selbständigkeit einzutauchen, ist das ein durchaus typischer Weg junger Informatiker. Die derzeit hohe Nachfrage minimiert das wirtschaftliche Risiko deutlich. Und die Investitionen sind gering: Im Prinzip reichen ein Rechner, eine Internet-Verbindung und das Wissen.

Am 22. August 2008 lief die hunderttausendste Projektanfrage dieses Jahres über die Server der Gulp Information Services GmbH in München. Ende August waren es schließlich exakt 103.763 Anfragen von Auftraggebern und damit fast ein Viertel mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Gulp vermittelt freiberufliche IT-Experten in IT-Projekte. In der Datenbank des Unternehmens sind 65.000 Experten eingetragen. Michael Richter ist einer aus der jungen Garde und seine Generation stark im Kommen: Im ersten Halbjahr 2008 haben sich mehr Unter-30-Jährige registriert als Über-60-Jährige. In den Vorjahren war es umgekehrt.

Jeder zehnte Informatiker arbeitet frei

"Die erste Generation freiberuflicher IT-Spezialisten tritt in den Ruhestand ein und macht Platz für die Jüngeren", sagt Gulp-Marketingleiter Stefan Symanek, "verstärkt wird dieser Trend durch die gute Auftragslage, die den Jungen den gewagten Schritt in die Selbständigkeit erleichtert." Knapp jeder Fünfte der in der Datenbank registrierten Freiberufler kommt direkt aus dem Studium. Darunter sind viele Fachhochschulabsolventen, was daran liegen mag, dass die Praxissemester in ihrer Ausbildung Berufserfahrung vermitteln - mehr als bei Uni-Studenten.

"Ohne Berufspraxis steht eine lange Durststrecke bevor, aber wenn man die übersteht, sitzt man fest im Sattel", so Symanek. Immerhin liegt der Anteil der Freiberufler bei zehn Prozent aller Beschäftigten in der IT-Branche. Und ihre Einkommen können sich durchaus sehen lassen: Nach einer Gulp-Umfrage betrug der durchschnittliche Jahresumsatz 2006 knapp über 100.000 Euro. Aktuell berechnen IT-Freiberufler demnach einen Stundensatz von 71 Euro, vier Euro mehr als 2006.

Michael Richter hat vor vier Jahren sein Informatikstudium an der FH Zittau/Görlitz mit einer glatten 1,0 abgeschlossen. Schon während der Studienzeit arbeitete er regelmäßig und schrieb seine Diplomarbeit über ein Thema eines Stammkunden, für den er nun in Berlin arbeitet.

Im aktuellen Projekt geht es um das papierarme Büro: Richter erweitert ein bestehendes Dokumentenmanagementsystem für die Verwaltung und Archivierung von Akten und Formularen. Sein Studienschwerpunkt war allgemeine Informatik, entsprechend breit ist auch sein Dienstleistungsangebot: von der Software-Entwicklung über die Erstellung von Internet-Auftritten bis zur Betreuung von Hard- und Software.

Lange Arbeitszeit, aber hohe Zufriedenheit

In die Selbständigkeit ist Richter "reingeschlittert". Ein Auftrag folgte dem anderen, für Bewerbungen war neben dem Studium kaum Zeit - und es gab auch keinen triftigen Grund dafür. Richter ist seit dem ersten Tag seiner Selbständigkeit voll ausgelastet. "Fachlich fühlte ich mich nach dem Studium völlig fit, betriebswirtschaftliche Themen wie Kundenakquise oder Unternehmensführung habe ich mir durch learning by doing angeeignet, zudem ein Existenzgründerseminar besucht." Heute erledigt seine Frau die Büroarbeit und kümmert sich um die Familie. Die Rollenverteilung ist damit ganz klassisch und wie seit Generationen in kleinen Familienbetrieben bewährt, der Arbeitsaufwand ähnlich hoch.

Beliebteste Arbeitgeber der Informatiker
Rang 2008 Unternehmen Trend Rang Prozent 2008 Rang 2007
1 Google 19,5 2
2 SAP 16,0 1
3 IBM 13,9 8
4 Siemens 10,8 3
5 Fraunhofer-Gesellschaft 8,8 6
6 BMW 8,0 5
7 Microsoft 7,4 4
8 Apple 7,1 7
9 Porsche 6,9 9
10 Electronic Arts 6,3 -
Quelle: trendence Institut GmbH

"Die neuen Selbständigen in der Informationswirtschaft befinden sich in einer Lebenssituation, die zunächst aufgrund der Einkommensmöglichkeiten von einem hohen Maß an Zufriedenheit geprägt scheint", sagt Willi Oberlander, Geschäftsführer am Institut für Freie Berufe an der Universität Erlangen-Nürnberg. Es sei zwar nicht statistisch fundiert, jedoch würden zahlreiche Erfahrungsberichte empirisch belegen, dass mit der Selbständigkeit besondere Anforderungen verbunden seien - "vor allem der hohe Leistungs- und Termindruck sowie die Arbeitszeit, die meist zwischen 50 und 70 Wochenstunden liegt".

"Ich beneide festangestellte Berufskollegen um ihre geregelte Arbeitszeit. Das ist aber auch schon der einzige Grund", sagt Richter. An seinem Status schätzt er vor allem die zeitliche Flexibilität. Denn was gibt es Schöneres für eine junge Familie auf Wolke sieben, als sich Zeit füreinander nehmen zu können?

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