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Junger Bürgermeister: Hier hat der Sparbursche den Hut auf

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Daniel Zimmermann: Ich will nen Kaaauuuuuuu-boy als Bürgermeister Fotos
Ralph Matzerath

Vom Campus ins Rathaus: Daniel Zimmermann hatte die Uni gerade verlassen, da wählte ihn seine Heimatstadt Monheim zum Bürgermeister. Jetzt ist er 31 und macht mit etlichen Studenten sehr erfolgreich Lokalpolitik - Sparwunder inklusive.

Monheim ist nicht Baltimore, aber im Raum 142 des Rathauses muss man als Liebhaber guter TV-Serien trotzdem an die amerikanische Hafenstadt denken. Dort spielt nämlich die Produktion "The Wire", in der es um Drogenkartelle, Polizeiarbeit und einen ungewöhnlich jungen Bürgermeister namens Tommy Carcetti geht. Das nordrhein-westfälische Monheim verzeichnet zwar kein großes Kriminalitätsproblem, aber einen ungewöhnlich jungen Bürgermeister hat die Stadt auch.

Er heißt Daniel Zimmermann, ist 31 Jahre alt und sitzt an diesem Dienstagmorgen in seinem Büro. Wenn man ihn auf Carcetti anspricht, lächelt er müde. Mit seinem fiktiven Amtskollegen mag er sich nicht identifizieren. Der ist zwar ungefähr genauso alt wie er, endet aber als Gescheiterter, zermürbt von den Schulden der Stadt, der Verkommenheit des politischen Geschäfts und dem eigenen Ehrgeiz.

Bei Zimmermann sieht es ganz und gar nicht so aus, als ob er scheitern würde.

Fast vier Jahre ist es her, dass die etwa 43.000 Bürger Monheims den frisch examinierten Physik- und Französisch-Lehramtsstudenten Daniel Zimmermann zum damals jüngsten Stadtoberhaupt Deutschlands wählten. Der Jungspund, geboren und aufgewachsen in Monheim, war als Spitzenkandidat der Partei Peto (Lateinisch für "Ich fordere") ins Rennen gegangen, die er Ende der neunziger Jahre gemeinsam mit Klassenkameraden gegründet hatte. "Hilfe, wir werden von Kindern regiert!", rief eine erschrockene Lokalpolitikerin noch am Wahlabend.

Zimmermann hat Monheim umgekrempelt

In der Ahnengalerie im Rathausflur hängen die Porträts von Zimmermanns Vorgängern, fast alle ältere Herren mit staatstragendem Blick und schütterem Haar. "Wir waren schon skeptisch", sagt eine Mitarbeiterin im Rathaus. "Da kommt so ein junger Kerl, direkt aus dem Studium. Aber er hat uns alle überrascht."

Inzwischen zweifelt kaum jemand mehr an der Kompetenz des Rathauschefs und der anderen Peto-Mitglieder, bei denen es sich meist um Studenten und junge Akademiker handelt. Gerade erst ist Zimmermann gelungen, wovon viele ältere Amtskollegen nur träumen können: Er hat die Stadt als eine der wenigen Kommunen des Landes entschuldet. Der junge Bürgermeister ist zu bescheiden, um es zuzugeben, aber er hat Monheim umgekrempelt. Die Frage ist: Wie? Und lassen sich aus seinem Erfolg Erkenntnisse für den Bund und die sogenannte große Politik ableiten?

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In seiner Anfangszeit musste Zimmermann vor allem zwei Probleme lösen: Er musste den Haushalt konsolidieren und Sportstätten sanieren. Die waren ein großes Thema im Wahlkampf. Die Peto hatte versprochen, sich für die Sportler einzusetzen, doch die Kassen waren leer. Zimmermann sprach mit den Beteiligten und fand einen Kompromiss. Er setzte Kürzungen bei Jugendeinrichtungen durch, aber sicherte die Sportanlagen. "Wir durften als Peto nicht in den Verdacht geraten, Klientelpolitik zu betreiben", sagt er.

Ideologiefrei Probleme lösen

Vor dem Bürgermeisterbüro warten Beamte im Anzug. Sie wollen mit Zimmermann eine Krise beraten: Der kirchliche Träger des örtlichen Krankenhauses hat angekündigt, sich aus Monheim zurückzuziehen. Das Klinikum hatte zuletzt ein Defizit von etwa einer Million Euro erwirtschaftet. Zimmermann muss entscheiden, ob die Kommune einsteigt, um das Krankenhaus zu erhalten. "Die Städte sind im Wettbewerb. Man muss sich sehr genau überlegen, wofür man sein Geld ausgibt", sagt er. Zimmermann befindet als Bürgermeister mitunter über Millioneninvestitionen. Trotzdem kommt er ohne Protzerei und Machtgesten aus, er spricht konzentriert und hört den Menschen zu. "Der Herr Zimmermann ist nett, kein Patriarch wie sein Vorgänger", sagt eine Rentnerin aus dem Ort. "Und vor allem redet er Klartext. Von dem hören Sie kein Blabla."

Mittags haben sich Männer und Frauen mit Indianerschmuck und Cowboyhüten vor dem Einkaufszentrum Monheimer Tor versammelt. Sie sammeln Geld für einen Abenteuerspielplatz. Der Bürgermeister hat versprochen zu helfen. Er hat einem Drogeriemarkt eine Wette angeboten: Wenn es ihm gelingt, dass sich zum Stadtfest unter dem Motto "Wilder Westen" 300 Bürger als Cowboys oder Indianer verkleiden, müsse die Drogerie 2000 Euro für den Spielplatz spenden. Zimmermann springt jetzt für die Lokalpresse in Wildwestkluft von einer Bank. Mehrmals. Auf und ab. Er hat dabei, wie meistens, ein Lächeln auf den Lippen, weshalb es bei ihm oft so aussieht, als würde er das mit dem Bürgermeisteramt noch irgendwie ziemlich komisch und erstaunlich finden.

Bis zur nächsten Bürgermeisterwahl sind es noch zwei Jahre, aber ein Journalist der Regionalzeitung legt sich jetzt schon fest: "Der Zimmermann ist nicht zu schlagen." Dabei wissen die Bürger gar nicht so richtig, wofür Peto und Zimmermann eigentlich stehen? Sind die links? Konservativ? Liberal? Zimmermann kann mit solchen Kategorien nichts anfangen. Sein Ziel sei es, ideologiefrei Probleme zu lösen. Mal arbeite er daher eng mit der SPD und den Grünen zusammen, dann wieder mit der CDU. "Politische Geplänkel sind mir fremd", sagt er.

"Für immer kann ich diesen Job nicht machen"

Wer Zimmermann reden hört, fühlt sich ein wenig an die Piraten erinnert. Auch sie sind mit dem Anspruch angetreten, die Logik des Politikbetriebs hinter sich zu lassen, pragmatisch und transparent zu entscheiden. Am Ende war jedoch nicht mehr ganz klar, woran man sie überhaupt erkennt, außer an innerparteilichem Streit.

Zimmermann glaubt, die Piraten seien zu schnell zu groß geworden. Außerdem hätten sie kein konkretes Anliegen gehabt, das sie verfolgten. Bei der Peto sei das anders. Die meisten Mitglieder hätten sich schon in der Schule kennengelernt, und das Ziel sei von Anfang an klar definiert gewesen: mitbestimmen, was in der eigenen Stadt passiert.

Zimmermann und seine Leute haben nichts Rebellisches. Es geht ihnen nicht darum, gleich die ganze Welt zu verbessern oder das System von Grund auf zu verändern. Sie finden das System ganz gut. Das ist unromantisch und irgendwie auch ein wenig langweilig, aber wahrscheinlich eine ganz gesunde Einstellung, wenn man eine Kommune verwalten soll - und Erfolg in der Politik haben will.

Anders als die Piraten haben die Leute von Peto konkrete Erfolge vorzuweisen. So ist es Zimmermann gelungen, das Haushaltsdefizit zunächst zu reduzieren und schließlich Gewinne zu erwirtschaften. Er hat die Gewerbesteuer drastisch gesenkt, das war ein Risiko, doch damit lockte er neue Firmen nach Monheim und trieb die Steuereinnahmen nach oben.

Zum Abschluss des Arbeitstags steht er im Hof der Armin-Maiwald-Schule in Monheim. Ein Abendtermin. Er wird seine Freundin wohl wieder erst kurz vor dem Einschlafen sehen, wenn überhaupt. Nachbarn beklagen sich über den Lärm durch Jugendliche. Der Bürgermeister soll schlichten. Die Menschen reden auf ihn ein, sie werden immer lauter. Zimmermann kommt kaum zu Wort. "Wir geben keine Ruhe, bis sich etwas ändert", sagt ein Bürger. Zimmermann atmet tief durch. Für immer, sagt er, könne er diesen Job nicht machen. Noch ein, zwei Legislaturperioden - dann werde er wohl als Lehrer arbeiten. Und den Bürgermeister-Job vielleicht einem Jüngeren überlassen.


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insgesamt 83 Beiträge
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1. Cool
Ratzbär 26.08.2013
Finde ich eine prima Sache und ein lebendiges Beispiel dafür, dass wir jüngere Menschen in der Politik brauchen als diese alten Schnarchsäcke, die mit dem Denken von Gestern Antworten für Morgen finden wollen.
2. Liegt vielleicht daran...
steffen_t. 26.08.2013
...das er auf der höhe der Zeit ist und keine Lobbyarbeit macht, sondern die Arbeit für die er gewählt wurde. Da könnten sich die anderen ein Stück von abschneiden.
3. Leider faellt vielen
brotfresser 26.08.2013
Zitat von sysopRalph MatzerathVom Campus ins Rathaus: Daniel Zimmermann hatte die Uni gerade verlassen, da wählte ihn seine Heimatstadt Monheim zum Bürgermeister. Jetzt ist er 31 und macht mit etlichen Studenten sehr erfolgreich Lokalpolitik - Sparwunder inklusive. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/junger-buergermeister-daniel-zimmermann-hat-monheim-entschuldet-a-911638.html
nur ein, Gemeinden durch Steuerdumping und dadruch Ansiedlung neuer Frimen zu entschulden. Dass dies i.R. auf Kosten anderer Gemeinden geht, wird leider nicht dazu gesagt. Aber was, wenn jede Gemeinde dies machen würde. Und Kürzungen bei Jugendeinrichtungen ind auch nicht wirklich zielführend. Nachhaltigkeit sieht anders aus.
4. cool! aber...
MoorGraf 26.08.2013
ich finde es klasse, dass es Menschen gibt, die nicht (nur) schimpfen sondern die Ärmel aufkrempeln und was machen. Und dass er Monheim schuldenfrei bekommen hat, ist klasse und definitiv sein Job und Auftrag als Bürgermeister. Dass es aber überhaupt möglich ist, dass einer mit Steuerdumping auf Gemeindeebene seinen Haushalt sanieren kann (und das natürlich auf Kosten der anderen Kommunen macht!), ist aus meiner Sicht ein grundlegender Fehler unserer Kommunalstruktur. Klar, er holt im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten das Beste für seine Stadt raus, aber dass die rechtlichen Möglichkeiten eben so sind, halte ich für falsch.
5. optional
ocmone 26.08.2013
Zunächst heißt es vollmundig, der Bürgermeister habe die Stadt entschuldet. Säter wird allerdings nur erwähnt, dass er mittlerweile einen Haushaltsüberschuss erzielt. Ist es in der kurzen Zeit denn wirklich gelungen, mit diesen Überschüssen alle Schulden abzutragen?
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