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Jungwissenschaftler-Befragung: "Ich habe Schlafstörungen"

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Corbis

Erschöpft vor einem Haufen Papier: Wissenschaftler berichten von unzumutbaren Arbeitszuständen

Sie sind jung und schlau - und sie haben heftige Existenzängste. Die Arbeitsbedingungen für junge Wissenschaftler an deutschen Unis und Forschungsinstituten sind prekär, belegt eine neue Studie. Konkurrenzkampf und Unterfinanzierung verleiden einem die Lust am Forschen.

"Ich kenne nur Leute, die mindestens 60 Stunden die Woche arbeiten und die einfach unter Stress leiden und keinen Urlaub mehr machen. Ich habe dieses Jahr zwei Wochen Urlaub gemacht, und das geht irgendwie nicht mehr", sagt eine 35-jährige Politikwissenschaftlerin.

So klingen, in Kurzform, die Klagen junger Wissenschaftler in Deutschland. Dass die Arbeitsverhältnisse an Universitäten und Forschungsinstituten meist prekär sind, dass einem hohen intellektuellen Einsatz ein vergleichsweise geringes Einkommen gegenübersteht, und dass mehr Leute gern lehren und forschen würden, als es Stellen gibt, ist bekannt.

Die neue Studie "Generation 35plus - Aufstieg oder Ausstieg?" zeigt, unter welch heftigem Druck Wissenschaftler stehen. Und: Darunter leiden nicht nur die Betroffenen persönlich, es leidet auch die Qualität der Forschung. "Der Wettbewerb ist unerträglich geworden, ihre berufliche Situation bedeutet für viele Nachwuchswissenschaftler unzumutbare Belastungen und Existenzängste", sagt Studienleiterin Christiane Funken, Soziologieprofessorin an der TU Berlin.

Befristete Verträge, schmale Gehälter und ein Mangel an Alternativen verleiden vielen Jungforschern ihren Berufswunsch. Wie prekär die Lage der Nachwuchsforscher ist, zeigte in diesem Jahr bereits der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs der Bundesregierung. Diese Situation ist aus Sicht der Studienmacher eine direkte Folge der wissenschaftspolitischen Entscheidungen der vergangenen Jahre. Die verstärkte Förderung von Graduiertenschulen, Stipendien und Post-Doc-Stellen hat einerseits für viel guten Nachwuchs gesorgt. Andererseits wurden sowohl feste Stellen im Mittelbau als auch Professorenstellen nicht in dem gleichen Maße erhöht. Der Kampf um die wenigen Stellen wird also härter. "Wo sollen die jetzt alle hin?", fragt Funken.

Die Unsicherheit ist am schlimmsten

Die Forschergruppe um Funken hat Tiefen-Interviews mit 20 Nachwuchswissenschaftlern zwischen 30 und 40 Jahren geführt und sie zu ihren bisherigen Erfahrungen und weiteren Karriereplänen befragt. Interviewt wurden jeweils ein Mann und eine Frau aus unterschiedlichen Bundesländern und den folgenden Disziplinen: Meteorologie, Politikwissenschaften, Veterinärmedizin, Physik, Chemie, Biologie, Bauingenieurwesen, Geschichte, Germanistik und VWL.

Die Befragten hatten schon promoviert, aber noch keine Professorenstelle. Alle Teilnehmer sind an einer deutschen Universität oder an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung beschäftigt. Alle streben eine wissenschaftliche Laufbahn an. Und alle sind sich einig: Der Konkurrenzdruck und die berufliche Unsicherheit sind kaum auszuhalten.

Zitate aus den Interviews zeigen die enorme psychische Belastung:

  • "Also, ich habe aus Rücksicht dem Institut gegenüber keine Mutter-Kind-Kur gemacht. Ich habe auf Urlaube verzichtet. Ich habe Schlafstörungen", sagte eine Nachwuchswissenschaftlerin aus dem Bereich Ingenieurwissenschaften.
  • Und die Politikwissenschaftlerin sagt: "Das ist, glaube ich, kein Workaholic-Phänomen, sondern es hat sich einfach der Druck so enorm erhöht hier, weil die Chancen so gering sind, später eine Stelle zu kriegen."

Frauen schätzen dabei ihre Karriereaussichten noch schlechter ein als Männer. Deshalb würden sich Frauen auch - obgleich sie die Wissenschaft anderen Berufen vorziehen - häufiger aus dem Bereich zurückziehen. Und so die ohnehin wenigen Professorenposten den Männern überlassen. Das hat aus Sicht von Funken insbesondere zwei Gründe: "Frauen werden weniger stark beruflich gefördert und sind weniger in beruflich förderliche Netzwerke eingebunden als ihre männlichen Kollegen. Obendrein sind ihre Paar- und Familienkonstellationen einer wissenschaftlichen Karriere weniger zuträglich als die der Männer."

Ob Mann oder Frau, mit ihrer inhaltlichen Arbeit sind die Jungwissenschaftler der Umfrage zufolge zufrieden. Doch selbst die ist gefährdet:

  • "Es ist ein Irrglaube, dass der Druck auf Menschen und die ständige Wettbewerbssituation zu besseren Resultaten führt, das ist nämlich nicht so, es führt zu höherem Aktionismus, aber nicht zu besseren Resultaten", sagt ein 37-jähriger Historiker.
  • "Die größte Veränderung, die ich sehe, ist, dass wir einfach auch zu Aktionisten werden, die jeden Käse mitmachen. Schnell mal irgendwas zusammenschludern, schnell hier noch, schnell da noch. Und wir haben dabei vergessen, dass wir uns einfach auch auf die Dinge, die wir erforschen und das, was wir im Kern tun sollen, dass wir uns dafür einfach Zeit nehmen müssen, Zeit, Zeit, Zeit", so der Historiker weiter.

Funken fordert daher mehr Professorenstellen und alternative Karrierewege in der Wissenschaft. Während Politiker davon sprechen, die besten Köpfe im Land zu halten und herausragende Wissenschaftler aus anderen Ländern nach Deutschland locken zu wollen, passiert laut den Studienmachern derzeit nämlich genau das Gegenteil: Der verschärfte Wettbewerb ruiniert die Attraktivität des deutschen Wissenschaftsstandorts.

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Der Bericht in Kürze
Hintergrund
Der erste Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (BuWiN) ist 2008 vom Bundeskabinett verabschiedet worden. Gedacht als Ergänzung zur Bildungsberichterstattung sollte er der Politik Hinweise geben, wie Laufbahnen in der Wissenschaft attraktiver werden können.
Autoren
Basis des Bundesberichtes ist die Studie mit dem Titel "Wissenschaftlicher Nachwuchs in Deutschland - System, Förderwege, Reformprozesse", die das Institut für Hochschulforschung Wittenberg, das Internationale Zentrum für Hochschulforschung Kassel und das Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung erarbeiteten.
Weitere Informationen
Vor allem die Gewerkschaften haben das Thema "wissenschaftlicher Nachwuchs" für sich entdeckt. So entwickelte die GEW einen Kodex als freiwillige Selbstverpflichtung für Hochschulen.
Am 18. April findet dazu eine Tagung in Berlin statt. Dort wird auch über die Ergebnisse des BuWiN 2013 diskutiert. Anmeldungen bis 10. April.

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