Kämpferin für Berufsanfänger: "Es ist ganz gut, bei mir Praktikant zu sein"

Sie ist die derzeit jüngste Abgeordnete im EU-Parlament und hat ein großes Ziel: eine gesetzliche Regelung für Praktikumsplätze. Dafür verweist die Dänin Emilie Turunen im SPIEGEL-ONLINE-Interview auch auf die guten Bedingungen in ihrer Heimat. Sie fordert: mehr Rechte für die Knechte.

Nein, das ist keine Praktikantin: Mit 26 ist Emilie Turunen die jüngste EU-Abgeordnete Zur Großansicht

Nein, das ist keine Praktikantin: Mit 26 ist Emilie Turunen die jüngste EU-Abgeordnete

SPIEGEL ONLINE: Frau Turunen, wann haben Sie Ihr letztes Praktikum gemacht?

Turunen: Ich habe tatsächlich noch keines gemacht. Nach meinem Bachelor-Abschluss 2009 bin ich im Sommer direkt als Europaabgeordnete nach Brüssel gegangen. Jetzt bin ich 26 Jahre alt. Wäre ich nicht gewählt worden, dann würde ich hier wahrscheinlich ein Praktikum machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Resolution für Mindestanforderungen im Praktikum geschrieben. Was steht da drin?

Turunen: Praktikanten sollen ein Grundgehalt für ihre Arbeit bekommen, sie dürfen keine vollen Arbeitsplätze ersetzen, und es muss ein Limit für die Praktikumsdauer geben. Außerdem soll es eine europäische Qualitätscharta mit Mindestanforderungen für Praktika geben. Dazu gehört für uns ein Versicherungsschutz, Sozialleistungen und Geld entsprechend den Lebenshaltungskosten am Praktikumsort sowie die Einbindung in das Bildungsprogramm. Praktikanten sollen etwas lernen und nicht ausgebeutet werden. Das Europäische Parlament hat für meinen Vorschlag gestimmt, und nun arbeite ich an einer konkreten Form, dies umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt gut, in der Wirtschaft hält man davon allerdings wenig. Es heißt: Firmen würden dann keine Praktika mehr anbieten. Auch gemeinnützige Organisationen müssten Stellen streichen.

Turunen: Ich finde es schwer, solche Aussage ernst zu nehmen. Alle zukünftigen Arbeitgeber haben doch ein Interesse an gut ausgebildeten Fachkräften. Politiker, Arbeitgeber und junge Menschen müssen daher zusammen überlegen, wie wir das erreichen. Etwa durch sinnvolle und faire Praktika. Ich denke nicht, dass Arbeitgeber diese Verantwortung einfach abgeben können. Ich würde gerne wissen, was es für bessere Vorschläge gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn so, in Europa ein Praktikant zu sein?

Turunen: Ich wusste nicht, wie schlimm es ist, als ich nach Brüssel gekommen bin. Während ich an meinem Report über Jugendarbeitslosigkeit arbeitete, wurde mir klar, dass es ein ziemliches Problem in Europa gibt: Die Anzahl der Praktika in Frankreich, Italien, aber auch in Deutschland haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, während die Anzahl der realen Jobs abnehmen. Praktikanten sind zu einem Ersatz für Festeinstellungen geworden. Ich habe von sehr vielen jungen Leuten gehört, die unbezahlte Praktika annehmen, weil sie hoffen, danach einen Job zu bekommen. Das darf nicht sein.

Fotostrecke

7  Bilder
Generation Praktikum: Arbeit ist das ganze Leben
SPIEGEL ONLINE: Kevin Heidenreich, Hochschulexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer, behauptet: "Die Generation Praktikum ist ein Mythos." Eine Studie der Uni Kassel sagt, dass die wenigsten in einer Praktikumsschleife hängen.

Turunen: Und das ist wundervoll. Aber ich lade Herrn Heidenreich gerne ein, mit mir mal einen Blick in meine Mailbox zu werfen: Die ist voll mit Nachrichten von jungen Leuten - übrigens auch von Deutschen -, die genau das Gegenteil schreiben. Anstatt so einen Vorschlag gleich abzulehnen, sollte der Industrie- und Handelskammertag doch an einer Zusammenarbeit interessiert sein. Damit wir uns übrigens nicht missverstehen: Praktika können sehr gut und hilfreich sein, aber es muss zurück zur ursprünglichen Idee kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Resolution ist nicht verbindlich, eher eine Empfehlung. Was sind die nächsten Schritte?

Turunen: Ich habe gelernt, dass jedes Land seine eigenen Praktikumsbedingungen hat - so ist eben Europa. Aber wir müssen faire Regelungen für alle finden. In Dänemark etwa gibt es sehr gute Bedingungen (siehe Kasten). Da müssen wir hinkommen. Das Europäische Parlament hat meiner Resolution zugestimmt. Jetzt muss die Kommission auf die Vorschläge reagieren, vielleicht eine Initiative beginnen. Inzwischen spreche ich mit Jugendorganisationen und nationalen Parlamenten. Auch der Deutsche Bundestag kann uns helfen, eine geeignete Lösung zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn bei Ihnen, haben Sie nicht auch Praktikanten?

Turunen: Ja, die habe ich. Manche waren sogar schon älter als ich. Sie sind im Rahmen ihres Studiums für etwa sechs Monate hier, arbeiten die vorgeschriebenen 37 Stunden in der Woche, und wir reden zu Beginn darüber, was sie hier lernen wollen. Die Universität übernimmt einen großen Teil der Kosten, da haben wir in Dänemark ein hervorragendes System. Ich stelle aber sicher, dass sie hier eine Übernachtungsmöglichkeit haben und Essen bekommen. Ich denke, es ist ganz gut, bei mir Praktikant zu sein. Sie sind wirklich integriert und laufen nicht nur nebenher.

SPIEGEL ONLINE: Wer also ein mustergültiges Praktikum machen will, der sollte nach Brüssel gehen?

Turunen: Es gibt hier viele Praktikanten, und auch im Europäischen Parlament gibt es Unterschiede. Darüber müssen wir auch mal reden. Ich denke, meine Generation ist sehr daran interessiert zu arbeiten, einen Job zu bekommen und Verantwortung zu übernehmen. Aber dafür brauchen sie auch Rechte.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich noch die jüngste Abgeordnete im EU-Parlament?

Turunen: Ja, noch. Allerdings wurde gerade eine Schwedin ins Parlament gewählt, und die ist noch jünger.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp für die neue Kollegin?

Turunen: Es ist nicht leicht herauszufinden, was der richtige Weg ist. Ich würde sagen: Bleib du selbst und versuch nicht, das zu werden, was die Leute aus dir machen wollen. Lass dich hier nicht erschrecken und vor allem: Sei nett zu deinen Praktikanten!

Das Interview führte Jonas Leppin

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nun ja
brux 07.10.2010
Zunächst ist festzuhalten, dass die Dame von Europa nach eigener Aussage Null Ahnung hatte, als sie gewählt wurde. Das kann man herzig finden ("kleines dänisches Mädchen entdeckt das grosse Europa"), man kann es aber auch als mangelnden Respekt für die demokratische Verfassung der EU auslegen. Das EP ist nun einmal kein Kindergarten oder eine Bildungsanstalt für höhere Töchter. Ebenso bedenklich sind MEPs, die sich ein Orchideenthema raussuchen und dann damit 5 Jahre rummachen. Dafür sind sie nicht gewählt! Die Frage von Beschäftigungsverhältnissen ist leider ein Orchideenthema, weil die EU nur sehr geringe Kompetenzen im sozialen Bereich hat. Frau Turunen fährt also ein ganz geringes Risiko, irgendetwas politisch relevantes zu erzeugen. Damit stellt sich die Frage, wie sie ihr Gehalt rechtfertigt.
2. Frechheit
Riff 07.10.2010
Zitat von sysopSie ist die derzeit jüngste Abgeordnete im EU-Parlament und hat ein großes Ziel: die gesetzliche Regelung für Praktikumsplätze. Dafür verweist die Dänin Emilie Turunen im SPIEGEL-ONLINE-Interview*auch auf die guten Bedingungen in ihrer Heimat. Sie fordert: Mehr Rechte für die Knechte. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,721105,00.html
Es ist überhaupt nicht gut, "Praktikant" zu sein. Im 2. Semester, okay. Nicht, wenn man eine abgeschlossene Ausbildung hat!
3. teils teils
plietsch 07.10.2010
Zitat von RiffEs ist überhaupt nicht gut, "Praktikant" zu sein. Im 2. Semester, okay. Nicht, wenn man eine abgeschlossene Ausbildung hat!
Mal ganz nüchtern betrachtet: Im 2. Semester hat man noch gar nicht genug Fachwissen, das man im Beruf umsetzen kann. Welcher angehende Ingenieur soll im zweiten Semester eigenständig in einem Betrieb arbeiten? Hier geht's nicht um ein Schülerpraktikum, um mal in die Arbeitswelt reinzuschnuppern, sondern um Teilnahme am gesamten Arbeitsleben. Praktika sind sehr wichtig, um Fachwissen umzusetzen, es zu festigen und sich theoretisch weiter in die Materie einzuarbeiten. Daß Praktika nach dem Studium aber noch absolviert werden, ist wirklich nicht richtig. Von Geistenwissenschaftlern in "fachfremden" Branchen ist Praxis natürlich nie verkehrt, aber sollte entsprechend auch vergütet werden. Ich denke, die junge Dame übertreibt etwas. Sie spricht von einer ganzen Generation und "jungen Menschen wie ich, die arbeiten wollen". Die große Mehrheit der Absolventen findet schnell einen Job. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Daß man sich um die kleine Minderheit aber entsprechend kümmern sollte, halte ich auch für richtig. In der Medienwelt, speziell bei Werbeagenturen in meiner Region, ist es nicht unüblich, daß Praktikanten "mit Aussicht auf eine Vollzeitbeschäftigung" gesucht werden, die dann vollausgebildet für lau arbeiten, am Wochenende Kellnern und eine Überstunde nach der anderen schieben, um gute Aussichten auf den Job zu haben. Nach den sechs Monaten heißt es dann aber, daß man getrennte Wege gehen wird und der nächste Praktikant wird gesucht. Und solange sich auf einen Praktikumsplatz über 20 Leute bewerben, werden die Betriebe auch weitermachen und das ist wahrlich ein Unding, das nicht angehen darf. Trotzdem sollte die ganze Thematik, ich wiederhole: es trifft nicht _so_ viele, nicht überbewertet werden.
4. Praktikant beim Europäischen Parlament zu sein ...
Schlumpipumpi 07.10.2010
... ist gar nicht 'mal so schlecht. Dort, im Fitness Raum des Europäischen Parlaments in Brüssel nämlich, treffe ich zu jeder Tageszeit (auch wenn ich es mir 'mal urlaubsbedingt erlauben kann, am Vormittag zu trainieren) auf die ach so ausgebeuteten Praktikanten, die sich so auf die kommenden harten Arbeitsjahre vorbereiten ...
5. Bericht zu Praktikanten von Fr. Turunen
fleur_bleue 07.10.2010
@Brux: Nur weil Frau Turunen mit diesem Thema in der Presse steht, heißt das noch lange nicht, daß sie sich nicht auch mit anderen Fragen beschäftigt. Wie alle Europa-Abgeordneten sitzt Frau Turunen in zwei Ausschüssen, ist in beiden aktiv und arbeitet zu ganz verschiedenen Themen. Ganz nebenbei leistet sie wirklich hervorragende Arbeit, was auch nicht bei allen so der Fall ist. Praktikanten sind einfach nur medienwirksamer als Fernfahrer oder der Binnenmarkt, gerade wenn der Bericht von der jüngsten Abgeordneten des Parlaments stammt! Mal abgesehen davon, daß ich Unmengen an Leuten kenne, die tatsächlich haufenweise Praktika absolvieren, bevor sie einen Job bekommen, und das auch noch nach dem Studium. Insofern sind die Ergebnisse und aufgezeigten Probleme in dem Bericht (den ich tatsächlich gelesen habe) korrekt und die Empfehlungen an die Kommission sehr gut. Für alle Praktikanten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Berufsausbildung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
ZUR PERSON
Emilie Turunen wurde 1984 in Kopenhagen geboren. Sie ist Mitglied der Socialistisk Folkeparti. Für die Fraktion Die Grünen/Europäische Allianz sitzt sie als jüngstes Mitglied des Europäischen Parlaments in Brüssel. Zuvor machte die Dänin 2009 an der Universität Roskilde ihren Bachelor-Abschluss in Sozialwissenschaften.

CAEPSELE / Ortwein / Stegmaier / Swierczyna
Wie tickt die Generation der 20- bis 35-Jährigen? Sind Sie auf einer Wellenlänge? Finden Sie es heraus im Krisenkinder-Test von SPIEGEL ONLINE. Mehr...
Praktikum in Dänemark
Was man in Deutschland unter einem Praktikum versteht, gibt es in Dänemark nicht. Dort ist ein Praktikum ein befristetes Arbeitsverhältnis zu gesetzlichen Mindeststandards. Häufig ist es im Studium integriert oder der betriebliche Teil einer dualen Ausbildung. Typische Aushilfsjobs zur Berufserfahrung während der Semesterferien kommen deshalb so gut wie nicht vor. Darum sind die Bedingungen für einen Einblick in die Berufswelt in Dänemark ziemlich günstig - mit Deutschland aber schlecht zu vergleichen. Quelle: BA

Fotostrecke
"Résiste": Aufstand und Wirklichkeit
Praktikanten-Quiz
REUTERS

Schuftest du noch, oder verdienst du schon? Haben Praktikanten Rechte? Welche Zeugnisfloskel ist fies verstecktes Gift - und wer ist eigentlich die deutsche Monica Lewinsky? Testen Sie, was Sie über das akademische Prekariat wissen im Quiz zur "Generation Praktikum"!