SPIEGEL ONLINE: Frau Turunen, wann haben Sie Ihr letztes Praktikum gemacht?
Turunen: Ich habe tatsächlich noch keines gemacht. Nach meinem Bachelor-Abschluss 2009 bin ich im Sommer direkt als Europaabgeordnete nach Brüssel gegangen. Jetzt bin ich 26 Jahre alt. Wäre ich nicht gewählt worden, dann würde ich hier wahrscheinlich ein Praktikum machen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Resolution für Mindestanforderungen im Praktikum geschrieben. Was steht da drin?
Turunen: Praktikanten sollen ein Grundgehalt für ihre Arbeit bekommen, sie dürfen keine vollen Arbeitsplätze ersetzen, und es muss ein Limit für die Praktikumsdauer geben. Außerdem soll es eine europäische Qualitätscharta mit Mindestanforderungen für Praktika geben. Dazu gehört für uns ein Versicherungsschutz, Sozialleistungen und Geld entsprechend den Lebenshaltungskosten am Praktikumsort sowie die Einbindung in das Bildungsprogramm. Praktikanten sollen etwas lernen und nicht ausgebeutet werden. Das Europäische Parlament hat für meinen Vorschlag gestimmt, und nun arbeite ich an einer konkreten Form, dies umzusetzen.
SPIEGEL ONLINE: Klingt gut, in der Wirtschaft hält man davon allerdings wenig. Es heißt: Firmen würden dann keine Praktika mehr anbieten. Auch gemeinnützige Organisationen müssten Stellen streichen.
Turunen: Ich finde es schwer, solche Aussage ernst zu nehmen. Alle zukünftigen Arbeitgeber haben doch ein Interesse an gut ausgebildeten Fachkräften. Politiker, Arbeitgeber und junge Menschen müssen daher zusammen überlegen, wie wir das erreichen. Etwa durch sinnvolle und faire Praktika. Ich denke nicht, dass Arbeitgeber diese Verantwortung einfach abgeben können. Ich würde gerne wissen, was es für bessere Vorschläge gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn so, in Europa ein Praktikant zu sein?
Turunen: Ich wusste nicht, wie schlimm es ist, als ich nach Brüssel gekommen bin. Während ich an meinem Report über Jugendarbeitslosigkeit arbeitete, wurde mir klar, dass es ein ziemliches Problem in Europa gibt: Die Anzahl der Praktika in Frankreich, Italien, aber auch in Deutschland haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, während die Anzahl der realen Jobs abnehmen. Praktikanten sind zu einem Ersatz für Festeinstellungen geworden. Ich habe von sehr vielen jungen Leuten gehört, die unbezahlte Praktika annehmen, weil sie hoffen, danach einen Job zu bekommen. Das darf nicht sein.
Turunen: Und das ist wundervoll. Aber ich lade Herrn Heidenreich gerne ein, mit mir mal einen Blick in meine Mailbox zu werfen: Die ist voll mit Nachrichten von jungen Leuten - übrigens auch von Deutschen -, die genau das Gegenteil schreiben. Anstatt so einen Vorschlag gleich abzulehnen, sollte der Industrie- und Handelskammertag doch an einer Zusammenarbeit interessiert sein. Damit wir uns übrigens nicht missverstehen: Praktika können sehr gut und hilfreich sein, aber es muss zurück zur ursprünglichen Idee kommen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Resolution ist nicht verbindlich, eher eine Empfehlung. Was sind die nächsten Schritte?
Turunen: Ich habe gelernt, dass jedes Land seine eigenen Praktikumsbedingungen hat - so ist eben Europa. Aber wir müssen faire Regelungen für alle finden. In Dänemark etwa gibt es sehr gute Bedingungen (siehe Kasten). Da müssen wir hinkommen. Das Europäische Parlament hat meiner Resolution zugestimmt. Jetzt muss die Kommission auf die Vorschläge reagieren, vielleicht eine Initiative beginnen. Inzwischen spreche ich mit Jugendorganisationen und nationalen Parlamenten. Auch der Deutsche Bundestag kann uns helfen, eine geeignete Lösung zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn bei Ihnen, haben Sie nicht auch Praktikanten?
Turunen: Ja, die habe ich. Manche waren sogar schon älter als ich. Sie sind im Rahmen ihres Studiums für etwa sechs Monate hier, arbeiten die vorgeschriebenen 37 Stunden in der Woche, und wir reden zu Beginn darüber, was sie hier lernen wollen. Die Universität übernimmt einen großen Teil der Kosten, da haben wir in Dänemark ein hervorragendes System. Ich stelle aber sicher, dass sie hier eine Übernachtungsmöglichkeit haben und Essen bekommen. Ich denke, es ist ganz gut, bei mir Praktikant zu sein. Sie sind wirklich integriert und laufen nicht nur nebenher.
SPIEGEL ONLINE: Wer also ein mustergültiges Praktikum machen will, der sollte nach Brüssel gehen?
Turunen: Es gibt hier viele Praktikanten, und auch im Europäischen Parlament gibt es Unterschiede. Darüber müssen wir auch mal reden. Ich denke, meine Generation ist sehr daran interessiert zu arbeiten, einen Job zu bekommen und Verantwortung zu übernehmen. Aber dafür brauchen sie auch Rechte.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich noch die jüngste Abgeordnete im EU-Parlament?
Turunen: Ja, noch. Allerdings wurde gerade eine Schwedin ins Parlament gewählt, und die ist noch jünger.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp für die neue Kollegin?
Turunen: Es ist nicht leicht herauszufinden, was der richtige Weg ist. Ich würde sagen: Bleib du selbst und versuch nicht, das zu werden, was die Leute aus dir machen wollen. Lass dich hier nicht erschrecken und vor allem: Sei nett zu deinen Praktikanten!
Das Interview führte Jonas Leppin
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