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Karriere an der Uni: Arbeiter eines Faches, vereinigt euch!

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Dauergast in der Bibliothek, Hilfssheriff für den Prof, Tagungstourist auf Deutschlandreise: Jeder Nachwuchswissenschaftler hat seine eigene Strategie, um auf die ersehnte Professur hinzuarbeiten. Alles Nebensache, fanden Psychologen in einer Studie heraus - Karriere an der Uni macht, wer gemeinsam mit anderen publiziert.

Doktoren (in Erfurt): Rein in die Zitiergemeinschaft
DPA

Doktoren (in Erfurt): Rein in die Zitiergemeinschaft

Spätestens nach der Promotion stellt sich für Nachwuchswissenschaftler die Frage: für immer Uni oder raus aus der Lehranstalt? Wer sich für die wissenschaftliche Laufbahn entscheidet, geht ein hohes Risiko ein. Denn trotz Juniorprofessur und Generationenwechsel an den Hochschulen bleibt die Berufung auf eine C3- oder C4-Stelle ein schwer kalkulierbares Risiko. Manche warten bis in alle Ewigkeit auf einen Ruf, für den Quereinstieg in einen anderen Beruf ist es dann meistens zu spät.

Doch ob eine wissenschaftliche Laufbahn von einer Professur gekrönt wird, lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, fanden Psychologen in der Studie "Kooperationsnetzwerke und Karrieren an deutschen Hochschulen - Der Weg zur Professur am Beispiel der Psychologie" heraus. Der Erfolg lässt sich nämlich, tröstlich für den Nachwuchs, in gewissem Maße selbst steuern.

Entscheidend ist dabei nicht, enzyklopädisches Wissen im eigenen Fach anzuhäufen oder dem akademischen Ziehvater pflichtschuldig jede Routineaufgabe abzunehmen. Deutlich wichtiger: Wer Professor werden will, sollte möglichst viele Werke mit anderen Wissenschaftlern des eigenen Faches veröffentlichen - und zwar bevorzugt mit solchen Kollegen, die wiederum gerne gemeinsam mit anderen publizieren.

Zitieren im Schneeballsystem

"So gelangt ein Nachwuchswissenschaftler in Zitiergemeinschaften", sagt Frieder R. Lang, Psychologie-Professor an der Universität Halle-Wittenberg und zusammen mit dem Berliner Psychologen Franz Neyer Autor der Studie. "Dahinter muss keine Berechnung oder gar eine zynische Kalkulation stecken. Der Vernetzungseffekt ergibt sich praktisch von alleine."

Lang und Neyer haben den Karriereverlauf von 579 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern untersucht, die in den Jahren 1980 bis 1986 ihre Promotion im Fach Psychologie an einer deutschen Universität abschlossen. Grundlage waren öffentlich zugängliche Datenbanken wie der Trierer PSYNDEX, der Psychologen-Kalender des Hogrefe Verlags und das Internet. Die Studie erscheint in der nächsten Ausgabe der renommierten "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" und liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Überraschendes Ergebnis: Wer sich in der Studierkammer vergräbt und an Einzelpublikationen arbeitet, hat dreimal geringere Chancen, Professor zu werden, als der Kollege, der für seine Veröffentlichungen mit anderen kooperiert. Zwar haben Einzelpublikationen im wissenschaftlichen Ansehen häufig einen höheren Stellenwert als gemeinsame Publikationen, doch gilt, so Lang: "Je häufiger man gemeinsam mit anderen publiziert, desto häufiger wird man zitiert." Und das entscheidet letztlich über den Karriereerfolg.

Wer im Verborgenen wirkt, verliert

Gemeinsame Publikationen würden in der Wissenschaft häufig zu Unrecht unterbewertet, sagt Lang. Sie kosteten nämlich durch den notwendigen Austausch zwischen den Autoren viel Zeit und seien im Ergebnis meist besser als Einzelveröffentlichungen.

Einsam studieren, gemeinsam publizieren: Lesesaal an der TU Dresden
David Ausserhofer

Einsam studieren, gemeinsam publizieren: Lesesaal an der TU Dresden

Dieses Prinzip lasse sich auch auf die meisten anderen Universitätsfächer und auf hochschulfremde Arbeitsfelder übertragen, meint Lang. "Auch in großen Betrieben sind nur die produktiv, die ihre Erfahrungen und ihren Wissensstand zusammenbringen. Wer einsam vor sich hinarbeitet, wird kaum bemerkt und ist nicht einplanbar. Da ist die Wissenschaft nicht anders gelagert als andere Berufe."

Zwar unterliege der öffentliche Dienst einem geringeren Marktdruck, schreiben Lang und Neyer, "gleichwohl beruht die Personalauswahl in Hochschulen wie in Unternehmen erklärtermaßen auf Leistungs- und Eignungskriterien."

Visitenkarten-Quartett sinnlos

Die Ergebnisse der Forscher werfen auch ein neues Licht auf die Anforderung des "Netzwerkens", die zahlreiche Karriere-Ratgeber und Management-Trainer in schlechtem Neudeutsch postulieren. Aus der Psychologen-Studie lässt sich folgern, dass es nicht ausreicht, über einem Gläschen ein paar höfliche Worte zu wechseln und anschließend Visitenkarten zu tauschen. Man muss schon wirklich mit jemandem zusammenarbeiten, damit eine Kooperation Früchte trägt, betont Lang. "Kontakte, die etwa aus Konferenzen entstehen, sollten so entwickelt werden, dass daraus auch wirklich ein gemeinsames Produkt entsteht."

Nicht unerheblich ist auch der Ruf des eigenen Institutes: "Wer aus einem 'guten Stall' kommt, hat bessere Karrierechancen", heißt es in der Studie. Bessere Chancen haben auch Nachwuchswissenschaftler an größeren Instituten: Dort ergeben sich automatisch mehr Kooperationsmöglichkeiten. Die Bedeutung des "Stalles" nimmt aber mit zeitlicher Entfernung zur Promotion ab, die der eigenen Vernetzung nimmt zu.

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