Karriere an der Uni: Nicht ohne meinen Titel

Von Hermann Horstkotte

Wissenschaftler hangeln sich oft viele Jahre lang von Vertrag zu Vertrag oder arbeiten gar zum Nulltarif. Feste Stellen sind begehrt und rar. Doris Lucke hat jetzt eine in Aussicht - aber der Preis ist hoch und kurios: Weg mit dem längst erworbenen Professorentitel, verlangt der Bonner Rektor von der Soziologin.

Arbeitszeitverkürzung auf die Hälfte bei vollem Lohnausgleich - das ist der heimliche Wunsch vieler Professoren, befürchtet Bonns Unirektor Klaus Borchard. Weil er diese Einstellung offenbar für ganz standestypisch hält, trifft der Verdacht auch jene, die im bisherigen Berufsleben gar keinen konkreten Anhaltspunkt dafür bieten. Zum Beispiel Doris Lucke.

Junge Wissenschaftler (in Erfurt): Steuern in eine ungewisse Zukunft
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Die Soziologin hat in Bonn die Doktor- und Hochschullehrerprüfung absolviert und wurde schon vor fünf Jahren wegen "hervorragender Leistungen in Forschung und Lehre" zur Professorin berufen, allerdings "außerplanmäßig", also ohne entsprechende Stelle. Hin und wieder war sie semesterweise als Gastprofessorin eingeladen, an die Berliner Humboldt-Universität, nach Salzburg, auch zur Lehrstuhlvertretung an der eigenen Uni. Nach dem Wunsch ihrer Bonner Institutsdirektoren sollte sie ab diesem Jahr eine feste Mitarbeiterstelle bekommen - aber nur dann, wenn sie auf den Professorenrang verzichtet, entschied Rektor Borchard kürzlich.

Zähneknirschend beugte sich Lucke - zunächst. Doch versucht die Dozentin, ihren Verzicht auf den verdienten Professorentitel notfalls vor Gericht rückgängig zu machen. Sie hat die Rückendeckung des Deutschen Hochschulverbandes. Die Standesvertretung der Universitätsprofessoren kämpft schon seit Jahr und Tag gegen das Klischee vom "Prof. Faulpelz".

"Vernichtung von Ressourcen"

Juristisch verklausuliert behauptet der Bonner Rektor, dass der Professorentitel auch auf eine niedrigere Dienststellung abfärbe. Dann sei zum Beispiel die Mitarbeiterin Lucke in "über 50 Prozent der Arbeitszeit weisungsfrei", könne also tun und lassen, was sie wolle. Das führe zu einer "Vernichtung von Dienstleistungsressourcen".

Dem besorgten Hochschulleiter ist klar, dass seine Auffassung "im Gegensatz zur Praxis an anderen Hochschulen" steht. Denn dort gibt es insgesamt mindestens ein paar hundert Professoren im so genannten Mittelbau, die von Amts wegen doppelt so viele Stunden geben wie ein "Lehrstuhlinhaber". Aus Bonner Sicht handelt es sich dabei aber um Fehlbesetzungen, die nicht "im Einklang mit der geltenden Rechtslage" stehen und "daher zu untersagen" seien.

Wissenschaftler als Unternehmer?

Tatsächlich hätte Doris Lucke mit ihrer Ratsstelle auch ohne Professorentitel beinahe das große Los gezogen. Denn hierzulande gebe es eine fünfstelligen Zahl begeisterter Wissenschaftler, die keine feste Stelle haben und stattdessen von Gelegenheitsbeschäftigungen leben, sagt Hans-Joachim Gehrke, wohlbestallter Geschichtsprofessor in Freiburg und führende Stimme in der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Den Stellungslosen wolle die DFG mit ihrem Milliardenhaushalt in Zukunft besser unter die Arme greifen.

Nicht jeder müsse gleich im öffentlichen Dienst unterkommen, meint Gehrke. Man solle den Wissenschaftler künftig weniger als Angestellten und vielmehr als selbständigen Unternehmer betrachten, etwa als Auftragnehmer der DFG. "Auch den Handwerksmeister kümmert ja nicht, welche Aufträge er in 20 Jahren hat, sondern was heute und morgen reinkommt", so Gehrke. Übrigens hatte schon vor fast zwei Jahrzehnten der Karlsruher Philosophieprofessor Helmut F. Spinner dem hoch qualifizierten akademischen Nachwuchs vorausschauend die Rolle des "Unternehmers" angeraten, der "Wissenschaft als Beruf ohne festen Job" betreibt.

Dafür ist in der deutschen Angestelltenkultur aber immer noch viel Umdenken nötig. Bislang wird allenthalben um Stellen gepokert. So denkt die Bonner Philosophische Fakultät an eine gütliche Einigung im Einzelfall: Wenn das Soziologische Institut die Professorin Lucke unbedingt als Mitarbeiterin haben will, soll es die nächste freiwerdende Stelle zur Hälfte an das Rektorat abgeben. Das wäre eine rheinische Lösung, die keine Ressourcen vernichtet, sondern verlagert - und der Gesichtswahrung aller Beteiligten dient.

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