Karrieredoktoren: Promotion in eigener Sache

Von und Oliver Trenkamp

Der Doktor ist ein wissenschaftlicher Grad, doch für die Elite des Landes bedeutet er vor allem eines: mehr Prestige. Jeder fünfte Bundestagsabgeordnete führt den "Dr." im Namen, elf Kabinettsmitglieder und jeder zweite Spitzenmanager. Was ist der Titel noch wert?

Dr. Guttenberg: Späte Promotion wegen "parlamentarischer Ablenkung" Zur Großansicht
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Dr. Guttenberg: Späte Promotion wegen "parlamentarischer Ablenkung"

Nur zwei Titel, findet Helmut Schmidt, könne man mit einem gewissen Stolz tragen: "Der eine ist der Herr Bürgermeister, der andere ist der Herr Doktor." Mit dem Herrn Doktor meint der Altkanzler den Arzt - und nur den.

Hanseatisches Understatement ist in der Politik allerdings eher die Ausnahme, ebenso in der Wirtschaft. Die Promotion gehört für viele Parlamentarier ebenso dazu wie für Spitzenmanager.

Jeder fünfte Bundestagsabgeordnete führt den Doktor im Namen, auch jeder zweite Vorstandsvorsitzende. Und im Bundeskabinett sitzen zehn weitere promovierte Akademiker neben Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der Teile seiner Dissertation abgeschrieben haben soll, ohne es zu kennzeichnen - was an seinem Image als Minister Makellos kratzt.

Etwa 25.000 neue Doktoren kommen jedes Jahr dazu - und die meisten streben nie eine wissenschaftliche Karriere an. Neun von zehn Promovenden entscheiden sich laut einer Studie der Gewerkschaft Verdi gegen eine Laufbahn auf dem Campus. Vor allem bei den Juristen ist die Titelsehnsucht groß: Die Zahl der abgeschlossenen rechtswissenschaftlichen Promotionen stieg zwischen 1998 und 2009 um rund 20 Prozent auf etwa 3.550. Auch der Jurist Guttenberg hatte keine wissenschaftliche Karriere im Sinn: Er saß längst im Bundestag, als er seine Doktorarbeit einreichte und schrieb von "parlamentarischer Ablenkung", die ihn daran hinderte, sie früher fertigzustellen.

Längst formiert sich an den Universitäten und in den Forschungseinrichtungen Widerstand gegen die Karrieredoktoren: Wissenschaftler fürchten, das Ansehen der akademischen Grade könnte leiden.

Der "Dr." soll heißen: Ich bin etwas ganz Besonderes

Denn den Doktoren in Politik und Wirtschaft geht es selten um den Nachweis ihrer wissenschaftlichen Fähigkeiten. Die zwei Buchstaben mehr auf dem Klingelschild, der Visitenkarte, dem Wahlplakat sollen die Botschaft senden: Ich bin besonders kompetent, vertrauenswürdig, ausdauernd - etwas ganz Besonderes.

"Das Sozialprestige eines Doktortitels ist nach wie vor relativ hoch", sagt Michael Hartmann, Soziologie-Professor und Elitenforscher an der TU Darmstadt, "denn noch immer ist er vergleichsweise selten." Der Doktortitel sei zwar nicht zwingend, um zur Elite zu gehören, doch er runde das "vermeintlich makellose Gesamtbild ab, wie im Fall Guttenberg". Und er helfe durchaus bei der Karriere: "In Berufen, in denen man auch repräsentieren muss, bringt es durchaus etwas, sich promovieren zu lassen", sagt Hartmann. "Leiter einer großen Bankfiliale werden Sie eher, wenn Sie einen Titel tragen."

Zudem bedeutet der Doktorgrad ein deutliches Gehaltsplus, wie die Personalberatung Kienbaum ausrechnete: In einer Studie heißt es, dass Absolventen mit einfachem Hochschulabschluss etwa 42.000 Euro als Einstiegsgehalt bekommen. Mit einem "Dr." vor dem Namen steigt das Einkommen auf 50.000 bis 60.000 Euro.

"Wir müssen uns auf mehr Plagiate einstellen"

Zugleich steigt der Druck auf Hochschulabsolventen: Sie müssen hervorstechen aus der Masse der Bewerber. "Wir bekommen von Kunden häufig die Anforderung, dass ein Doktortitel gewünscht ist", sagt Personalberater Sörge Drosten, Geschäftsführer bei Kienbaum. Der Titel schaffe bei anderen eine Kompetenzvermutung, das gelte vor allem für Juristen. "Nur die besseren Absolventen können promovieren, ein Doktor weist also auf ein gutes oder sehr gutes Examen hin." Gegenüber dem ebenfalls prestigeträchtigen Master of Business Administration (MBA) habe der Doktortitel einen klaren Vorteil: "Man kann ihn im Namen führen, 'MBA' steht nur dahinter."

Auch Deutschlands oberster Professorenvertreter Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, sagt: "Bewerber müssen immer besser qualifiziert sein, dazu gehört auch immer öfter ein Doktortitel." Zum Karrieredruck kommen die technischen Möglichkeiten, an die vor 20 Jahren noch nicht zu denken war: Internet und Suchmaschinen - "beste Voraussetzungen, eine Arbeit per Copy und Paste zu erstellen", sagt Kempen. Er warnt: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zahl der Plagiate zunimmt."

"Wirklich begehrt sind Professorentitel"

Plagiatsjäger wie Debora Weber-Wulff fordern deshalb bereits, den Doktor nicht mehr als Namensbestandteil zuzulassen. Die Informatikprofessorin aus Berlin entlarvte vor fast zehn Jahren ein Drittel der bei ihr eingereichten Arbeiten als abgekupfert, zumindest in Teilen. Seitdem macht sie Jagd auf Mogler und Schummler. "Wir sollten aufhören damit, den Doktortitel im Alltag zu führen", sagt sie. Es werde Zeit, dass der "Dr." von Messingschildern verschwinde - und vor allem aus Pässen und Personalausweisen. "Ich lasse mich im Sportverein auch nicht als Frau Professor anreden." Außerhalb des Wissenschaftsbetriebes sage ein akademischer Grad nichts über die Jobqualifikation aus.

In den Konzernspitzen ist die Entwertung der Promotion bereits fortgeschritten, dort setzt man auf den nächsthöheren Titel, sagt Eliteforscher Hartmann: "Wirklich begehrt sind in den Vorstandsetagen die Professorentitel, um sich vom mittleren Management abzugrenzen, wo es mittlerweile auch ziemlich viele Doktoren gibt." Die meisten Vorstände störe es auch nicht, wenn sie den Professorentitel nur ehrenhalber bekommen. Das "h.c." müsse man nicht dazuschreiben.

Dass die Karrieredoktoren immer redlich arbeiten, glaubt auch Hartmann nicht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, eine sehr gute Doktorarbeit neben der Arbeit als Spitzenpolitiker oder Manager anzufertigen", sagt Hartmann, "da muss man quasi Arbeit auf Mitarbeiter abwälzen oder irgendwie tricksen."

Zu solchen Mitteln musste Altkanzler Schmidt nicht greifen. Er wusste schon früh, dass er keine Promotion anstrebt. Seinen Lehrern sagte er als Student bereits selbstbewusst, er verzichte, weil ihm der Doktortitel später honoris causa verliehen werde. Damit sollte er recht behalten: Schmidt ist unter anderem Ehrendoktor an Harvard- und der Johns Hopkins Universität, der Pariser Sorbonne, der britischen Universitäten Oxford und Cambridge, der Katholischen Universität Leuven in Belgien und der japanischen Keio-Universität.

Für seine Karriere hat er die Titel nicht gebraucht.

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insgesamt 225 Beiträge
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1. Hier muss man differenzieren..
Schmockse 17.02.2011
Zitat von sysopWas ist der Titel noch wert?
... im Berufsleben ist es ein Nachweis, dass der Träger dieses akademischen Grades sich intensiver mit seinem Studiengang beschäftigt hat. Für Politiker gilt leider, dass sie diesen akademischen Grad oftmals nutzen wie ein GTI - Aufkleber auf dem Zuckelwägelchen. Das wertet leider sehr deutlich die legalen Anstrenungen redlicher Akademiker ab.
2. Kein Schmuck
coriolanus 17.02.2011
Zitat von sysopDer Doktor ist ein wissenschaftlicher Grad, doch für die Elite des Landes bedeutet er vor allem eines: mehr Prestige. Jeder fünfte Bundestagsabgeordnete führt den "Dr." im Namen, elf Kabinettsmitglieder und jeder zweite Spitzenmanager. Was ist der Titel noch wert? http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,746139,00.html
Mein Doktorvater sagte mir sinngemäß: Das ist kein Schmuck, sondern eine Aufgabe. Leider ist die Unsitte des Er-Dokterns und des Er-Professerns weit verbreitet. In den Vorständen der DAX-Unternehmen sitzt so mancher "Professor", der gar nicht weiß, was eine Habilitation ist. Es liegt allerdings an den Universitäten, die die Herrschaften für gewisse Zuwendungen und Wohltaten gern umschmeicheln. Seit der PC bei der Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten in Gebrauch ist, ist das Abkupfern allerdings technisch ein Kinderspiel und mich würde mich nicht wundern, wenn mancher da in der Schnelle des Geschäfts den Überblick verliert. Anno dunnemals mußte man jegliches Zitat einzeln handschriftlich exzerpieren, dann gemäß Verwendung ins Manuskript einfügen. Endlich folgte die maschinenschriftliche Fassung.
3. Gehaltsvergleich
dango 17.02.2011
Der Vergleich der Einstiegsgehälter zwischen einfachem Hochschulabsolvent und promoviertem Hochschulabsolvent (42000 Euro vs. 50000 Euro) ist meines Erachtens irreführend bzw. falsch. Er berücksichtigt nämlich nicht, dass der einfache Absolvent im Zweifel einige Jahre früher ins echte Berufsleben einsteigt als der promovierte. Mit einigermaßen guten Leistungen im Job hat er in den zwei bis drei Jahren, in denen der Doktorand als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni "rumhängt", dessen Einstiegsgehalt locker eingeholt, bis dahin aber schon deutlich mehr verdient. Zudem hat er schon einen Stand im Unternehmen der, wieder gute Leistungen vorausgesetzt, die Vorschusslorbeeren für den Doktortitel bei vernünftigen Vorgesetzten schlagen sollte ! Ich bezweifle in sofern, dass ein Doktortitel sich im Endeffekt wirklich materiell auszahlt.
4. Ja ja
brux 17.02.2011
Viel wert ist der Titel eigentlich schon lange nicht mehr. Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit meist im 5. Semester und entsprechend dünn sind diese Werke dann auch. Aber der Durchschnittspatient geht eben eher zu einem Promovierten. In Deutschland mit seinen desavouierten Eliten ist der Doktor so etwas wie Monarchieersatz. Kein Wunder, dass unser Lieblings-Provinzadliger diese zusätzliche Aufwertung so dringend braucht. Heute sagt ein Doktortitel eigentlich nur, dass jemand den Weg aus der Uni nicht gefunden hat oder dass die Person leicht geltungssüchtig ist. Kaufen kann man den Titel natürlich auch. Deshalb gibt es so wenig Promovierte bei den Ingenieuren und so viele bei den Meinungswissenschaften. Ein Ingenieur kann nicht einfach etwas zusammen labern wie ein Jurist oder ein Philologe. Im Fall Guttenberg erwarte ich als nächstes das Auftauchen eines Ghostwriters, äh, Promotionsberaters. Niemals hat der feine Herr 400 Seiten eigenhändig verfasst.
5. Knowledge-Flow
sturmpionier 17.02.2011
Die Promotion im Rahmen der universitären Kooperation mit der Wirtschaft zum Wissensaustausch ist aber sinnvoll auch wenn der Achtungsgedanke bezüglich des Titels eine durchaus gewichtige Rolle spielen mag.
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Plagiate - wissenschaftliches Diebesgut
Veröffentliche oder verrecke
"Copy & paste" gilt als Trendsport bei Studenten, die sich Seminar- oder Abschlussarbeiten mitunter aus dem Internet zusammenräubern. Wie sauber aber arbeiten Professoren? "Publish or perish" verlangt die akademische Tradition: Als erfolgreich gilt, wer viele bedeutsame Fachartikel veröffentlicht. Da können auch gestandene Hochschullehrer der Versuchung erliegen, Ideen oder Texte zu klauen.
Sünder im Verborgenen
Geistiger Diebstahl bleibt der Natur der Sache nach verschwiegen und wird nur ausnahmsweise aufgedeckt. Vor allem das Internet verlockt als unendliches Dokumentengrab Hochschullehrer wie Studenten zu Grabräubereien. Heraus kommt das am ehesten durch Bestohlene, die auf den Widerhall ihres Werkes achten, oder Kollegen im selben Arbeitsbereich, häufig belesene Doktoranden. Immer wieder werden schlechte Beispiele von wissenschaftlichen Promis bekannt: aus der Philosophie und Theologie, der Mathematik und Medizin, den Rechts- wie den Wirtschaftswissenschaften.
Spielarten des geistigen Diebstahls
Ein Plagiat ist genaugenommen die geklaute Kopie eines fremden Textes, ohne Angabe der Fundstelle - von einzelnen Passagen bis zu kompletten Texten. Schwerer nachweisbar ist der bloße Ideenklau im kollegialen Austausch. Im Hochschulbetrieb ist anonymes Ghostwriting für einen anderen unzulässig, aber kaum auszurotten. Alles andere als selten ist auch die bloße "Ehrenautorschaft" eines Chefs, der sich von seinen Wasserträgern, den wahren Autoren, huckepack nehmen lässt, obwohl er bei der Publikation selbst keinen Finger gerührt hat - nach der alten Devise "Der Geist des Instituts schreibt immer mit".

Bernd Wegner, Chefredakteur des internationalen "Zentralblatt MATH", erzählt SPIEGEL ONLINE Beispiele aus dem schmuddeligen Nähkästchen der Naturwissenschaften: "Unabgeschlossene Diskussionsbeiträge, Pre-Prints, von einer öffentlichen Internetplattform kopieren und dann damit schneller als der wahre Autor in Druck gehen; oder als Gutachter fremde Arbeiten ablehnen und die dann selber, natürlich 'verbessert', zur Veröffentlichung einreichen; oder eine Arbeit auf Russisch in englischer Version als Innovation zu verkaufen - das sind die wirklich harten Fälle!"

Amtliche Aufklärung
An manchen Hochschulen werden studentische Prüfungsschriften automatisch mit einer handelsüblichen Plagiat-Software durchleuchtet. An jeder Hochschule gibt es einen Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, außerdem einen bundesweit tätigen Wächterrat (www.ombudsman-fuer-die-wissenschaft.de). Diese Prüfstellen zielen auf eine gütliche Einigung zwischen den Streitparteien. Ansonsten steht der Rechtsweg offen, ein Hinweis an den Disziplinarvorgesetzten eines Hochschullehrers und eine Straf- oder Betrugsanzeige bei der Polizei.
Der Schaden der Opfer
Der geistige Dieb betrügt an zwei Stellen - dort, wo er klaut, und dort, wo er den Text weiter verhökert. Der wahre Autor oder sein Verlag können gerichtlich durchsetzen, dass als Buch veröffentlichtes Diebesgut nicht länger im Handel bleibt. Der Verlag, der das Plagiat zurückholen und vernichten muss, kann für seinen finanziellen Schaden den Plagiator selber haftbar machen. Es bleibt der immaterielle Schaden des Bestohlenen: Sein eigener Text, etwa eine Doktorarbeit, spukt oft im Internet unter dem Namen des Diebes weiter - und wird von ahnungslosen anderen mit der falschen Autorenangabe zitiert.
Strafen für die Täter
An der Uni Münster wurde 2009 ein Examenskandidat wegen Plagiats rechtskräftig exmatrikuliert. In Nordrhein-Westfalen müssen abschreibende Studenten mit bis zu 50.000 Euro Geldstrafe rechnen. Neuerdings verfolgen Staatsanwaltschaften plagiierte Doktorarbeiten "im öffentlichen Interesse", ganz ohne Anzeige eines Betroffenen; die Strafe liegt durchweg bei drei Monatsgehältern oder 90 Tagen Haft. Beamteten Hochschullehrern drohen Disziplinarstrafen von der (gängigen) Ermahnung bis zur (theoretischen) Entlassung aus dem Dienst, Angestellten böse Briefe von der Abmahnung bis zur außerordentlichen Kündigung. Gleichwohl gilt der geistige Diebstahl unter Professoren oft noch als Kavaliersdelikt. Deswegen ist noch niemand aus dem Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Uni-Dozenten, ausgeschlossen worden.
Weitere Infos
Zum Schutze der persönlichen Autorenrechte gelten an allen Hochschulen Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Rechtsprofessor Volker will neu auftauchende Missbrauchsfälle laufend auf einer eigenen Webseite dokumentieren: www.wissenschaftsplagiat.de
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