Kauderwelsch in Stellenanzeigen: "Sind Sie im Außendienst groß geworden"?

Von Jan Friedmann

Unerbittlich nörgeln Personalchefs an den schlampigen Bewerbungen junger Akademiker herum. Können die Firmen selbst es besser? Ihre Stellenanzeigen spicken Unternehmen mit Wortungetümen, Leerformeln und krausem Denglisch. Jobsuchenden ohne detektivischen Spürsinn entgeht oft glatt, dass sie als Bewerber in Frage kommen.

Perfektes Denglisch: Stellenanzeige von Randstad, "Süddeutsche Zeitung", 17.4.2004

Perfektes Denglisch: Stellenanzeige von Randstad, "Süddeutsche Zeitung", 17.4.2004

Die Vorfreude der Zeitarbeitsfirma Randstad auf neue Mitarbeiter ist groß: "Good to know you - als Distriktmanager (m/w)", überschreibt das Unternehmen eine Stellenanzeige in einer überregionalen Tageszeitung. Was der willkommene Kollege indes genau leisten soll, ist aus dem Wortlaut nicht erkennbar. Aufgabe des Distriktmanagers seien unter anderem die "ergebnisorientierte Führung mehrerer Niederlassungen, die jeweils als Profitcenter geführt werden", und die "Erreichung der qualitativen und quantitativen Ziele". Interessenten sollen für 12 Cent pro Minute die Karrierehotline des Unternehmens anrufen oder ihre "schriftliche Bewerbung: Randstad" schicken.

Bewerber als Bittsteller

Nicht viel besser ergeht es potenziellen Adressaten der folgenden Anzeige der Baumann Unternehmensberatung. Sie müssen sich durch einen Schachtelsatz von Buddenbrook'schen Ausmaßen quälen: "Sind Sie im Außendienst groß geworden (bevorzugt Medizintechnik oder anspruchsvolle Konsumgüter), und haben Sie gelernt, daß es - vor allem anderen - das Wichtigste ist, Ihren Kunden zu helfen, Geld zu verdienen, und zwar mit Ihren Produkten und Ihren Dienstleistungen?"

Mit Schachtelsätzen groß geworden: Anzeige der Baumann Unternehmensberatung, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 17.4.2004

Mit Schachtelsätzen groß geworden: Anzeige der Baumann Unternehmensberatung, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 17.4.2004

Alles klar? Nein? Keine Bange: Auch Menschen, die den Außendienst mit der Muttermilch aufgesogen haben, stünden wohl rätselnd vor solch einem Satzungetüm. Gerade hoch qualifizierte Akademiker brauchen bei der Stellensuche nicht nur einen langen Atem, sondern bisweilen detektivische Fähigkeiten. Aus einem erheblichen Teil der Stellenanzeigen in Printmedien und im Internet wird nämlich nicht ersichtlich, wer oder was da eigentlich gesucht ist. Stilistische Empfindsamkeit sollten sich die Leser eines Stellenteils auch nicht leisten, sondern gnädigst über Rechtschreibe- und Interpunktionsfehler sowie kühne Deutsch-Englisch-Kombinationen hinwegsehen.

"Stellenanzeigen sind manchmal so mangelhaft formuliert, dass sie nicht einmal die engere Zielgruppe richtig versteht", sagt der Kölner Kommunikationsberater Manfred Böcker, der Unternehmen Dienstleistungen rund um das Verfassen von Texten anbietet.

Was Bewerber am ausgeschriebenen Arbeitsplatz tatsächlich leisten sollen, wird häufig nur noch mit Worthülsen angedeutet, wie beispielsweise "Teamfähigkeit", "soziale Kompetenz" und "Kommunikationsfähigkeit". Die gewünschten Qualifikationen formulieren Unternehmen dagegen manchmal mit sehr brüsken Begriffen wie "unabdingbare Voraussetzung" und "obligatorische Fähigkeiten". "Bewerber sind diesem Selbstverständnis nach die Bittsteller, die sich um die Gnade eines Jobs bemühen müssen", schreibt Böcker in einem kürzlich erschienenen Aufsatz in der Zeitschrift "Personalführung".

Der Stellenanzeigen-Experte hält die Kombination von Wischi-Waschi-Deutsch und Knute für wenig Erfolg versprechend. "Die Unternehmen glauben irrtümlicherweise, sie könnten ungeeignete Bewerber durch solche Formeln ausfiltern", sagt Böcker. "Dabei wird sich der größte Sprech-Muffel in seiner Bewerbung als Kommunikationstalent darstellen."

Im Bewerbungsgespräch werde schließlich auch nicht direkt gefragt "Sind Sie kommunikationsfähig?", sondern die erwünschte Eigenschaft auf Umwegen oder am konkreten Beispiel ergründet. "Zum Beispiel: Können Sie sich vorstellen, am Tag 50 Telefonate mit 20 verschiedenen Kunden zu führen?"

Sehr harte Formulierungen können dagegen dazu führen, dass der Auftraggeber der Stellenanzeige in der Außenwirkung schnell unsympathisch dasteht. Böcker rät Unternehmen, in Stellenanzeigen stärker um die Bewerber zu werben, etwa mit langfristigen Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen. "Personalanzeigen sind das einzige werbliche Genre, in dem bisweilen überhaupt keine Rücksicht auf Kundenbedürfnisse genommen und nur vom Anbieter ausgegangen wird."

"Im Rahmen ihrer Tätigkeit im Bereich Vertrieb"

Dass es mit der Kundenorientierung auf dem Bewerbermarkt nicht besonders weit her ist, zeigt der Blick in jeden Stellenteil einer großen Tageszeitung. Dort finden sich neben dem englischen Fachvokabular, das unwiderruflich in die Stellenanzeigen Einzug gehalten hat - Vertrieb heißt jetzt "Sales", Personal "Human Resources" und "Manager" kann fast alles bezeichnen - auch jede Menge handwerkliche Fehler.

Komplizierte englische Berufsbezeichnung: Anzeige von ALTANA Pharma, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 8.11.2003

Komplizierte englische Berufsbezeichnung: Anzeige von ALTANA Pharma, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 8.11.2003

Ein Klassiker ist etwa der falsche Plural "Praktikas". So sucht die LBS Baden-Württemberg in einer aktuellen Internet-Anzeige Bewerber, die Teilnahmebescheinigungen von "Praktikas" mitschicken. Die T-Online International AG wünscht sich, ebenfalls in einer aktuellen Internet-Anzeige, dass künftige Praktikanten im Produktmarketing bereits Erfahrungen "durch Praktikas oder studienbegleitende Tätigkeiten" gesammelt haben.

Auch die neue Rechtschreibung hinterlässt ihre Spuren: So erwartet der Webhoster Schlund + Partner von künftigen IT-Sicherheitsbeauftragten, "dass" - nach neuer Rechtschreibung - diese sich nur mit dem besten Ergebnis zufrieden geben. Die Aufforderung, man solle sich womöglich "kennenlernen", spricht die Firma aber noch in alter Rechtschreibung aus. Andere Unternehmen, wie etwa die BMW Group in einer aktuellen Anzeige, übertragen das modische "ss" gleich in ganz neue Konstruktionen wie das schöne Wort "ausserdem".

"Erweiterung der Entwicklungspipeline"

Sehr weit verbreitet ist auch der Nominalstil. In einer Anzeige von DaimlerChrysler für einen Projektmanager eines geschlossenen Immobilienfonds kommen beispielsweise innerhalb von 26 Wörtern sechs "-ung"-Konstruktionen vor, von der "Umsetzung" über die "Erarbeitung", die "Prospekterstellung", noch einmal die "Erarbeitung", zur "Prüfung" und "Bewertung".

Nominalstil in Vollendung: Anzeige von DaimlerChrysler, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 15.11.2003

Nominalstil in Vollendung: Anzeige von DaimlerChrysler, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 15.11.2003

Gerne genommen werden von den Autoren von Stellenanzeigen auch Füllwörter wie "im Rahmen von" und "im Bereich": Sie sollen einer eigentlich einfach zu beschreibenden Aufgabe eine gewisse Tiefe verleihen. Eine Stilblüte wie "Die Einarbeitung erfolgt im Rahmen Ihrer Tätigkeit im Bereich Vertrieb" ist keine Seltenheit. Wortungetüme wie "Leistungsbeurteilungsabschlussgespräch" und "Mitarbeitervergütungssystem" machen Anzeigen auch nicht gerade verständlich.

In schönstem Fachchinesisch suchte beispielsweise die Antisense Pharma GmbH in der "Süddeutschen Zeitung" einen Mitarbeiter in der klinischen Forschung - aufgrund "der nun anstehenden Erweiterung unserer Entwicklungspipeline".

Die gröbsten Schnitzer fänden sich bei Online-Stellenanzeigen, hat Manfred Böcker beobachtet. Anzeigen aus dem Firmen-Intranet stellen manche Unternehmen eins zu eins ins Internet - mit allen Insider-Kürzeln und im unternehmensinternen Slang.

Von solchen Unsitten sollten sich Bewerber allerdings nicht abschrecken lassen, sagt der Anzeigen-Experte. Es sei durchaus erlaubt, bei der angegebenen Kontaktperson nachzuhaken. Allerdings nur mit einer sinnvollen Nachfrage: "Wer elementares Fachvokabular nicht beherrscht, beweist dadurch tatsächlich seine Unkenntnis."

Testen Sie sich: Hier geht es zum Studentenspiegel

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Studentenspiegel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite