ThemaErziehungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Kinder unter Erfolgsdruck Very Important Babys

Babys (bei Säuglingsmassage): Eltern träumen vom sozialen AufstiegZur Großansicht
REUTERS

Babys (bei Säuglingsmassage): Eltern träumen vom sozialen Aufstieg

2. Teil: Überdrehte Hubschrauber-Eltern: Wächst denn das Gras schneller, wenn man daran zieht?

Fünfjährige sollen "Tomorrow's leaders" werden, die Führungskräfte von morgen, schnell, klug, mobil. Fastrackids unterrichtet weltweit in rund 40 Ländern, mit den gleichen Inhalten und Methoden, damit Kinder beim Umzug von München-Grünwald nach Peking oder New York keine Nachteile haben. Der Konzern hat den Ehrgeiz globalisiert.

Lernforscher streiten noch, ob das Wissensbombardement Säuglinge und Kleinkinder tatsächlich klüger macht. In Wahrheit geht es (auch) darum, die Eltern glücklich zu machen. Viele Frauen in der Mittelschicht geben ihren Beruf zumindest zeitweise auf und investieren nun die Leidenschaft, die sie zuvor in den Job steckten, ins Kind. Dieses Zurücktreten soll sich wenigstens lohnen.

Das Signal lautet: Wir kümmern uns, wir nehmen unsere Verantwortung ernst - im Unterschied zur Unterschicht, die ihre Brut mit Zuckercola vor die Glotze packt. Es ist ein Statussymbol, wie einst ein Mercedes, nur viel subtiler. Denn es zeigt seine Wirkung erst viel später: dann, wenn sich Leander (der bei Fastrackids war) und Kevin (inzwischen Experte fürs RTL-II-Programm) um Arbeitsplätze bewerben.

Bisweilen entfalten die Statussymbole ihre Distinktionskraft auch in Luxuskinderkrippen wie der frühklassizistischen "Villa Ritz" in Potsdam. Auf dem Programm steht nicht schnödes Sandkastenspiel, sondern mehrsprachige Betreuung, Bionahrung, Musizieren auf Orff-Instrumenten, Yoga, Chinesisch.

Eltern als Architekten der Kindergehirne: "Wahnsinn"

Einst sollten Kindergärten den Nachwuchs möglichst zuverlässig und unfallfrei beaufsichtigen. Heute gelten sie als erste Sprosse auf der Karriereleiter. Im Markt, der vom Optimierungsstreben der Eltern profitiert, stieg die Zahl privat-gewerblicher Kindertageseinrichtungen (ohne die privat-gemeinnützigen wie etwa von kirchlichen Trägern) laut Statistischem Bundesamt von rund 200 im Jahr 2002 auf knapp 700 im Jahr 2008.

Nun ließe sich einwenden: Wenn bei der Frühförderung ein paar Leute mitverdienen, dann ist das doch kein Beinbruch. Hauptsache, Leanders Chancen in der globalen Konkurrenz steigen. Nur ist genau das alles andere als sicher. Zahlreiche Bildungsforscher und Neurobiologen kritisieren die Lernmethoden vieler frühkindlicher Sprachschulen als "Reizüberflutung" und "völlig absurd". Bislang liegen keine Erkenntnisse vor, dass frühes Englischpauken wirklich Vorteile im Spracherwerb sichert. Generell sei die Vorstellung vieler Eltern, sie müssten die Architekten der Kindergehirne sein, "der reinste Wahnsinn", sagt die Zürcher Lernforscherin Elsbeth Stern.

Für "very important babys" ist es nicht unüblich, noch im Krabbelalter einen vollen Lernplan zu haben, mit 20 Monaten zum Französischunterricht, zur Musiktherapie oder ins Fitnessstudio gebracht zu werden. Soziologen nennen das überdrehte Herumschwirren der Eltern "Helicopter-Parenting". Und warnen, der Nachwuchs drohe dadurch unselbständig und ängstlich zu werden - nicht unbedingt klüger. Denn Gras wächst auch nicht schneller, nur weil man daran zieht.

Kleinkinder erfassen die Welt spielerisch-experimentell, nicht abstrakt. Sie müssen Dinge bis zum Ende untersuchen können - und sei es ihr großer Zeh. Wenn da plötzlich jemand mit dem ABC wedelt, stört er wichtige Entwicklungsschritte. Albert Einstein, nur mal so als Beispiel, hat weder von Fastrackids noch von Early English je gehört. Der Großphysiker war angeblich ein dickliches Kind, das gern still in der Ecke saß und - nichts tat.

  • Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles neuem Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Lesen Sie nächste Woche: Karriereturbo mit Fehlzündung - warum harte Arbeit und gute Leistungen dem Chef nutzen, aber dem Aufstieg schaden können.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Job & Beruf
alles zum Thema Erziehung

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und heute Redakteur beim manager magazin. Sein Buch "Die Perfektionierer" zeigt, warum das permanente Optimieren in Ausbildung, Beruf und Alltag längst nicht immer die erhofften Vorteile bringt - und wer davon profitiert.

Buchtipp
Klaus Werle:
"Die Perfektionierer"
Warum der Optimierungswahn uns schadet - und wer wirklich davon profitiert.

Campus Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen



Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...



TOP



TOP