Kinderarbeit in Deutschland: Jetzt wird wieder in die Händchen gespuckt

Die Abschaffung der Kinderarbeit gilt als eine der größten Errungenschaften der westlichen Welt. Aber in Deutschland verdienen vier von zehn Schülern zwischen 12 und 16 Jahren ihr eigenes Geld - weil sie wollen, nicht weil sie müssen. Oft ist das illegal, auch wenn es keine Spur von Ausbeutung gibt. Von Daniel Schnettler

Daniel ist gerade 15 geworden, schuftet aber schon wie ein Erwachsener. Mehrere Tage die Woche, stundenlang, und das seit vier Jahren. Kinderarbeit. "Ich finde, das kann man wirklich nicht als Arbeit bezeichnen", wiegelt er ab, "es macht mir enormen Spaß, und dann werde ich auch noch dafür bezahlt." Was er mit seinem Lohn mache? "Das Geld ist auf der Bank."

Hat keine Angst vor Kinderarbeit: Potter-Darsteller Daniel Radcliffe
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Hat keine Angst vor Kinderarbeit: Potter-Darsteller Daniel Radcliffe

Daniel, das ist Daniel Radcliffe, der Harry Potter-Darsteller. Wie er arbeiten rund 40 Prozent der deutschen Schüler zwischen 12 und 16 Jahren - die wenigsten am glamourösen Film-Set, die meisten in unspektakulären Jobs wie Nachhilfelehrer oder Prospekteverteiler.

Das Interview mit Daniel Radcliffe, in dem er von seiner Arbeit erzählt, hängt an der Wand des Büros von Beatrice Hungerland. Die Sozialwissenschaftlerin leitet das Forschungsprojekt "Kinder und Arbeit" an der Technischen Universität Berlin. Mit ihren Kollegen hat sie 38 Kinder zwischen 9 und 15 Jahren zu ihren Erfahrungen mit der Arbeitswelt befragt und dabei festgestellt: "Die reden genauso wie Daniel Radcliffe."

Arbeit und Schule passen unter einen Hut

"Die meisten Kinder sehen in ihrer Arbeit mehr als reinen Gelderwerb", sagt Beatrice Hungerland, "sie finden in ihrem Job Anerkennung. Sie sehen, dass sie selbst etwas leisten können." Besonders Kinder, die in der Schule Probleme haben, erhielten so die nötige Selbstbestätigung. Dass umgekehrt die Arbeit die schulischen Probleme verstärke, habe sie nur in einem Fall beobachtet.

Fordert "Rechte statt Verbote": Beatrice Hungerland

Fordert "Rechte statt Verbote": Beatrice Hungerland

Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigen die Ergebnisse der Berliner Wissenschaftler. Danach erreichen die arbeitenden Schüler ähnlich gute Noten wie ihre untätigen Klassenkameraden. Arbeitende Kinder bleiben sogar seltener sitzen.

Auch mit einem zweiten Vorurteil räumt das DIW auf: dass besonders Kinder aus sozial schwachen Familien arbeiten. Im Gegenteil, je höher das Haushaltseinkommen und je höher die Bildungsabschlüsse innerhalb der Familie, desto häufiger jobben die Kinder. Thorsten Schneider vom DIW verblüfft das nicht: "Ein Gymnasiast findet durch seine höhere Qualifikation schneller einen Job als ein Hauptschüler."

Das Vorurteil von der "faulen Jugend"

In ihren Gesprächen hat Hungerland festgestellt: "Kinder wollen nicht rumgammeln, sie wollen arbeiten." Eine Befragung des Landes Thüringen unter 2477 Schülern der siebten bis neunten Klasse aus dem Jahre 1999 untermauert das: 89 Prozent würden arbeiten, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt - durch den schwachen Arbeitsmarkt, aber auch durch rigide Gesetze.

Minijobber haben vielfach die Schüler aus den Handlanger-Tätigkeiten verdrängt. Zahlen dazu gibt es nicht; die Bundesagentur für Arbeit erfasst Kinder nicht. So lässt nur die drastisch schrumpfende Zahl der Ferienjobs in einzelnen Städten das Ausmaß der Misere erahnen. So konnte das Arbeitsamt Leipzig 2002 noch 78 Ferienjobs an Jugendliche ab 15 Jahren vergeben, 2003 dann 25 und in diesem Jahr gerade einmal vier.

Die Zahl arbeitswilliger Schüler dagegen ist über die Jahre gleich geblieben. "Es sind Hunderte", sagt der Leipziger Vermittler Hartmut Lorenz, "schon im Januar fragen die ersten bei uns an." Das Problem ist keineswegs auf den Osten beschränkt. Selbst in der boomenden Stadt München herrscht ein akuter Mangel an Ferienjobs.

Das Jugendarbeitsschutzgesetz steckt die Grenzen bei der Kinderarbeit. Grundsätzlich gilt: Wer noch zur Schule gehen muss, darf nicht jobben. Für Kinder ab 13 Jahren öffnet der Gesetzgeber die Arbeitswelt zumindest ein wenig. Sie passen auf das Baby der Nachbarn auf, geben dem Sohn von Tante Trude Nachhilfe oder kaufen für Oma Meier aus dem Erdgeschoss ein. Sie ziehen die Linien auf dem Fußballplatz nach, verteilen Flugzettel für Parteien oder rupfen das Unkraut vom Acker des Bauern Paschulke.

Enge rechtliche Grenzen

Der Job-Klassiker schlechthin ist das Austragen von Anzeigenblättern. 80.000 Schüler ziehen mittwochs um die Häuser - samstags dürfen sie nämlich nicht. Kindern ist es nur erlaubt, von montags bis freitags zu arbeiten, und das maximal zwei Stunden am Tag zwischen 8 und 18 Uhr. Ausgenommen sind Ferienjobs. Aber die gibt's erst ab 15 Jahren und dann auch nur vier Wochen im Jahr.

Klassisch: Job als Zeitungsbote
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Jede 14-Jährige, die am Samstagabend auf die Kinder der Nachbarn aufpasst, arbeitet also schon illegal. Ein derart starres Gesetzeskorsett finden mitunter selbst Mitglieder des Kinderschutzbundes zu eng. Friedhelm Güthoff, Geschäftsführer des Landesverbandes NRW, hat nichts dagegen, wenn ein älteres Kind arbeitet, solange das freiwillig geschieht und die Schule nicht darunter leidet: "Wenn ein Zwölfjähriger mal für den Nachbarn Rasen mäht und fünf Euro kassiert, ist das in Ordnung, solange es nicht zur Gewohnheit wird."

Die gesetzlichen Grenzen der Kinderarbeit hält er dennoch für sinnvoll, um eine Ausbeutung der Kinder durch die Arbeitgeber zu verhindern. Güthoff kritisiert allerdings, dass das Jugendarbeitsschutzgesetz mit zweierlei Maß misst: "Einem 15-Jährigen ist es verboten, die Regale im Supermarkt aufzufüllen, während es einem 13-Jährigen erlaubt ist, kiloweise Prospekte durch die halbe Stadt zu schleppen."

Rechte statt Verbote

Nach Studien aus mehreren Bundesländern verstoßen zwischen 40 und 60 Prozent der arbeitenden Kinder und Jugendlichen mit ihrem Job gegen das Gesetz. Ein Bericht der Bundesregierung zur Kinderarbeit aus dem Jahre 2000 zeigte, dass die Eltern sich meist keiner Schuld bewusst sind. Sie sehen die Arbeit ihrer Sprösslinge als sinnvolle Freizeitbeschäftigung, als Möglichkeit, das Taschengeld aufzubessern und erste Einblicke ins Berufsleben zu gewinnen.

Kinderarbeit (in Peru): Horrorvision Ausbeutung prägt die Gesetze auch in Deutschland
REUTERS

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Eltern bringen daher wenig Verständnis für staatliche Reglementierungen auf. Und weil die meisten Kinder arbeiten wollen, fordert Sozialwissenschaftlerin Hungerland, dass die Rechtslage umgekehrt wird: "An die Stelle von Verboten sollten Rechte treten." Nur so könnten die Kinder wirklich geschützt werden. Sie könnten Löhne einklagen oder seien bei Unfällen versichert.

Den raffgierigen Geschäftemacher, der Knirpse ausbeutet, muss man in Deutschland ohnehin mit der Lupe suchen. Denn es gibt genügend Erwachsene, die für ein paar Euro sozialversicherungsfrei als Minijobber zupacken. "Den 15-Jährigen, der morgens Kisten auf dem Großmarkt schleppt, gibt es nicht", heißt es aus dem Berliner Amt für Arbeitsschutz. Die gleichen Erfahrungen machen die Kollegen aus Köln. Noch zu D-Mark-Zeiten nahmen die Mütter ihre 13-jährigen Töchter mit zum Putzen. Im Akkord mussten die Mädchen die Kloschüsseln wienern. Doch das schmutzige Spiel flog auf. Mehr als ein Dutzend Reinigungsbetriebe kassierten saftige Strafen von bis zu 10.000 Mark.

Nachwuchs-Stars sind auch nur Kinder

Heute richten die Kölner Arbeitsschützer ihre Augen vor allem auf die Filmindustrie. 3000 Kinder standen im vergangen Jahr vor den Kameras in der Domstadt, meist als Statisten. Den Dreh mit den jungen Darstellern müssen sich die Produktionsfirmen von der Behörde genehmigen lassen. Verstöße gegen die Auflagen halten sich in engen Grenzen. Fälle wie der eines Kindes, das statt erlaubter drei Stunden täglich bis zu fünf vor der Kamera stand, sind die absolute Ausnahme. 4000 Euro Strafe waren die Konsequenz.

Steht gern vor der Kamera: Medienkind David Kötter
Marion Köll

Steht gern vor der Kamera: Medienkind David Kötter

David Kötter ist auch eines der so genannten Medienkinder. Der 13-jährige Gymnasiast aus Wuppertal steht seit seinem neunten Lebensjahr vor der Kamera, in vier Filmen und einer Serie ("Die Anrheiner"). Er agierte an der Seite von bekannten Kollegen wie Mark Keller oder Dieter Pfaff. Als stressig empfindet er die Schauspielerei nicht: "Das Drehen macht Spaß. Und es ist schön, wenn man sich selbst im Fernsehen sieht." Nach kurzem Grübeln legt David nach: "Eigentlich ist das gar keine Arbeit."

Die Schule leidet - wie Mutter Sabine beteuert - nicht unter der Schauspielerei. Als David im vergangenen Sommer für den Rosamunde Pilcher-Film "Solange es Dich gibt" in England drehte, bekam er die Hausaufgaben vier Wochen lang per Fax nachgeliefert. Die ersten Brocken seiner neuen Fremdsprache Französisch brachte er sich selbst bei. Zeit für sein liebstes Hobby, Fußball, findet er auch noch, gibt aber zu: "Als ich in England war, hat mir schon der Fuß gejuckt."

In seinen Einstellungen ähnelt David sehr dem Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe. Von den Summen, die der Engländer verdient, kann David allerdings nur träumen. "Es wird für den Führerschein und einen kleinen Gebrauchtwagen reichen", wenn er in ein paar Jahren Autofahren darf, sagt David - der Wunsch eines ganz normalen, arbeitenden Kindes in Deutschland.

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