Von Christoph Titz
Die von allen unterschätzte Praktikantenguerilla kapert die Tagesschau und strahlt einen Streikaufruf aus. Der greift sofort, kein Praktikant geht mehr arbeiten. Das Unheil für Wirtschaft, Volk und Vaterland nimmt seinen Lauf. Realitätsnah lässt sich das wohl schwer erhärten, also wird in "Résiste" wild drauflos gesponnen. Da assistieren im Operationssaal Praktikanten. Weil die nicht antreten, bleibt der Patient auf dem Tisch, wie man so schön sagt. Und in einem Tower ist der Fluglotsensessel verwaist, fast kollidieren zwei Maschinen in der Luft, weil der Prakti streikt.
"Résiste" will erzählen, dass ohne Praktikanten gar nichts geht, und greift dafür ganz tief in die Phrasenkiste, von "Du bist Deutschland" bis "Yes ,we can". Auf der Rezensentencouch schaut man sich verständnislos an - da brauchen die drei erst mal noch ein Bier.
Chaos, wenn sie zu Hause blieben? "Das nicht", sagt Sibel. Aber manchmal, etwa bei ihrem Praktikum bei einem öffentlich-rechtlichen und einem privaten Fernsehsender, zählten die Mitarbeiter schon sehr auf unbezahlte Studenten auf Erfahrungssuche: "Wären wir da weggeblieben, hätten die wen einstellen müssen."
Weiter eiert der Film zwischen Klamauk und Moral:
Den finsteren Kapitalisten personifiziert Devid Striesow, im weißen Frack. Der Bösewicht verhaut und bedroht den Rebellen Till, damit die Praktikanten als ausbeutbare, stumme Masse erhalten bleiben und nicht mehr aufbegehren. Praktikanten sind unnütz und zeitaufwendig, ihr Leben besteht aus Orientierungslosigkeit, Komasaufen, Web 2.0, sagt das Böse in Gestalt von Striesow.
"Wer ist denn der weiße Typ?", fragt Saskia. Der Plot vom Praktikantenwiderstand verflüchtigt sich und macht die Rezensenten ratlos.

Sind Praktikanten selbst schuld an ihrer teils miesen Lage, weil sie sich zu viel gefallen lassen, vor allem keine Bezahlung? Ein wenig schon, findet Marco, denn "es gibt sehr viele, die sich kostenlos anbieten". Wenn es einer ohne Geld nicht mache, dann eben der nächste. Sibel findet, es hängt ganz vom Praktikum ab. Eigentlich wisse man ja vorher, worauf man sich einlässt: "Machst du ein Praktikum ohne Geld, ist das deine Entscheidung."
Grafik-Praktikantin Saskia guckt etwas ungläubig, sie kennt solche Sorgen nicht: "Fast alle, die mit mir abgeschlossen haben, haben eine Anstellung bekommen." Zwar hat auch sie ohne Geld für fünf Wochen bei einer Zwei-Mann-Agentur in Österreich ein Pflichtpraktikum fürs Studium absolviert - aber sonst noch nie.
Marco ist Anthropologe, Sibel Germanistin. Sie sehen sich in einer misslichen Lage. Anders als bei der diplomierten Grafikerin Saskia wartet kein genauer Job mit festem Profil auf sie. "Als Germanist muss man ausloten, wohin es gehen soll, dafür sind Praktika super", sagt Sibel. Sie hat immer wieder bei kleinen Zeitungen hospitiert. Freie Mitarbeit gab es auch, aber die Zeilenhonorare waren mickrig, "mehr Geld verdient man einfach mit Kellnern".
Marco ist bei seinem Sender inzwischen Volontär - und muss nun seinerseits mit Praktikanten arbeiten, auch mit unmotiverten. "Man hat im Hinterkopf: 'Die kriegen nichts dafür'. Doch wenn einer partout nicht will, bringt es wenig zu sagen: 'Das ist toll, was du hier machen kannst'. Wer nicht will, muss es eben lassen", sagt er.
In Düsseldorf, erinnert sich Saskia, hatte sie sich mal an einem Museum beworben und fuhr fürs Vorstellungsgespräch von Vorarlberg ins Rheinland. "Ich habe mich vorgestellt, die Frau hat gleich gesagt: 'Wir zahlen nichts'." Museen haben ja auch kein Geld, wendet Marco ein. Mag sein, sagt Saskia. "Mir hat's trotzdem gereicht, ich habe mir nicht einmal mehr das Büro angesehen." Sie fuhr zurück, sagte telefonisch ab und suchte sich einen Ferienjob als Kellnerin. Gut bezahlt.
Im "Résiste"-Deutschland ist der Aufstand geglückt, Revoluzzer Till und Revoluzzerin Sydelia kriegen und küssen sich. Als Tills Handy brummt, ist die Kanzlerin dran ("Woher hat die denn meine Nummer?"). Flugs gibt's ein Praktikantengesetz, fortan wird jeder bezahlt, alle liegen sich jubelnd in den Armen. Und am Ende fällt allen Ernstes ein roter Vorhang.
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