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Krieg der Kollegen Die große Mobbing-Schlacht

Eiszeit im Büro: Ständige Attacken können Kollegen schnell mürbe machenZur Großansicht
Corbis

Eiszeit im Büro: Ständige Attacken können Kollegen schnell mürbe machen

5. Teil: Beispiel aus dem Berufsalltag - das zerschlagene Sparschwein

Alle Lichter im Firmengebäude waren erloschen, nur die Controllerin Ines Heiden, 44, brütete noch über Statistiken. Ihr Chef hatte lautstark gefordert: "Morgen will ich den Abschluss endlich haben!" Seit Wochen lief sie Kollegen hinterher, die sie mit Zahlen unterstützen mussten. Doch die Zusagen brachten alle dasselbe Ergebnis: nichts geschah.

Wie sollte sie den Abschluss erstellen, solange ihr Zahlen fehlten? Genauso gut hätte man einem Bäcker das Mehl verweigern, ihn aber zum Brotbacken auffordern können. Doch ihr Chef meinte nur: "Es gehört zu Ihrem Job, dass Sie sich diese Informationen besorgen. Ihr Vorgänger hat das doch auch geschafft."

Etwa vor eineinhalb Jahren hatte sie die Nachfolge eines gemütlichen Graubarts angetreten, der nach 30 Betriebsjahren in Rente ging. Bei ihrer Einstellung hatte der Chef gesagt: "Durch unser Controlling muss ein neuer Wind wehen. Ihr Vorgänger war mit so vielen Kollegen auf Du und Du, dass er keinem etwas wegnehmen wollte."

Der Geschäftsführer beauftragte sie, die branchenüblichen Kosten mit den eigenen zu vergleichen, Sparvorschläge mit den Abteilungsleitern zu entwickeln und dann über die Einhaltung zu wachen. Was blieb ihr übrig, als die Anweisungen des Chefs umzusetzen? Dafür hatte er sie eingestellt.

"Für Sie gibt es die Spar-Portion"

Doch vom ersten Tag an rannte sie gegen Mauern. Jedes Mal, wenn Sie das Wort "Einsparung" in den Mund nahm, verzogen ihre Kollegen das Gesicht. Alle schworen, in ihrer Abteilung seien "alle Sparpotentiale ausgereizt". Nach ein paar Monaten wurde der Ton ruppiger; der Produktionsleiter zischte: "Ihr Vorgänger war noch ein Mensch. Aber Sie gehen über Leichen, Sie haben die Sparseuche eingeschleppt!"

Am liebsten hätte Ines Heiden entgegnet: "Die Sparpläne kommen doch vom Geschäftsführer. Ich bin nur ausführendes Organ." Aber damit wäre sie nicht nur illoyal gewesen, sondern hätte sich auch zur Handlangerin degradiert.

Am Ende ihres ersten Jahres hatte die Stimmung den Tiefpunkt erreicht. Einmal bestellte sie in der Kantine Züricher Geschnetzeltes. Der Teller, den man ihr über die Theke reichte, war nicht einmal zu Hälfte gefüllt. Sie reklamierte. Die Küchenhilfe grinste und rief: "Für Sie gibt es die Spar-Portion! Wir haben schon gehört, dass Sie auch Kantinenpersonal streichen wollen." Offenbar hatten die Kollegen gegen sie Stimmung gemacht.

Immer öfter grüßte sie, ohne gegrüßt zu werden; ließ sich im Telefon auf Rückruf stellen, aber erhielt keine Rückrufe; bekam auf ihre Mails, in denen sie um Sparvorschläge bat, feurige Anklageschriften gegen die "Sparwut" als Antwort, mit der halben Firma im Verteiler. Öffentliche Hinrichtungen.

Eines Nachmittags, als sie von einer Sitzung zurückkam, fuhr ihr ein Schrecken in die Glieder: Ihr Schreibtisch war übersät mit Splittern. Sie sah genauer hin: Zwischen den Scherben ragte ein winziger Kopf heraus - der Kopf eines geborstenen Sparschweins. Unter den Scherben fand sie einen Zettel, auf dem es hieß: "So enden Sparschweine!"

Die Controllerin als Prellbock

War das eine Morddrohung? Sollte sie damit zur Kripo gehen? Oder hätte man sie dort nur ausgelacht und von einem "schlechten Scherz" gesprochen? Ihren Chef wollte sie nicht informieren, der kreidete die Probleme mit den Kollegen nicht ihnen, sondern ihrer "Durchsetzungsschwäche" an. Dabei war er es, der in den Meetings peinlichst darauf achtete, dass die brisanten Sparvorschläge nicht aus seinem Mund vorgetragen wurden, sondern von ihr.

Offenbar war sie hier der Prellbock. Die Prügel, die sie von den Kollegen kassierte, galt eigentlich dem Chef und seinen Sparvorschlägen. Doch beide Seiten, die Kollegen und der Chef, schienen erleichtert, dass es nicht zu einer direkten Konfrontation kam, sondern dass sie sich an ihr abreagieren konnten.

Auf einmal konnte sie nachts nicht mehr durchschlafen und hasste ihren Beruf. Auf einmal fühlte sie sich in der Firma wie in einem Feindesland. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie bekam rote Flecken im Gesicht. Und wenn sie nach Hause kam, dachte sie nur noch über ihr Elend nach, statt wie früher mit Freunden noch etwas zu unternehmen.

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Am Morgen nach der langen Nacht des Quartalsabschlusses folgte die endgültige Katastrophe: Als sie die Datei mit den Abschlussdaten öffnete, gähnte sie ein leeres Dokument an. Leer? Sie konnte es nicht fassen! War sie in der letzten Nacht so müde gewesen, dass ihr beim Speichern ein Fehler unterlaufen war? Sie klickte die "Eigenschaften" des Dokuments an: "Zuletzt gespeichert um 6.20 Uhr."

Ein Kollege musste im Morgengrauen ihre Daten gelöscht haben. Sie weinte und ließ sich krankschreiben. Drei Wochen später flatterte ihr eine "betriebsbedingte Kündigung" ins Haus, mit fadenscheiniger Begründung (man wolle "aus betriebsbedingten Gründen" das Controlling einsparen). Sie verzichtete auf eine juristische Schlacht - sie wollte nur noch ihre Ruhe haben.

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insgesamt 134 Beiträge
matula 02.06.2010
Bewusstes Mobbing ist m.E. eher selten bzw. Ergebnis der Machtverhältnisse bei einem Streit. Der Mobber hat zufällig einen Vorteil (Unterstützer; Hirarchie). Der Gemobbte würde es bei umgekehrter Konstellation genauso machen! [...]
Bewusstes Mobbing ist m.E. eher selten bzw. Ergebnis der Machtverhältnisse bei einem Streit. Der Mobber hat zufällig einen Vorteil (Unterstützer; Hirarchie). Der Gemobbte würde es bei umgekehrter Konstellation genauso machen! Mobbing im Alltag geschieht eher unbewusst - auch seitens der Täter. Hält man einen Kollegen für schwach, wird man ihn unbewußt öfter (auch unberechtigt) kritisieren, eine unbedachte Bemerkung, das ausnutzen von Hirarchie ohne jemandem etwas zu wollen wirkt für einzelne wie Mobbing. Dazu gibt es viele Leute die "Verfolgungswahn" haben, und daher jedes nicht ganz geschliffene Wort, jede Aktion als Tat gegen sich interpretieren. Der Täter weiß meist gar nichts davon, weil es auch niemand sagt. Das macht die Situation für den gemobbten bzw. sich gemobbt gefühlten natürlich niccht besser - eine differenziertere Betrachtung wäre hier aber angebracht. "Die Kollegen" sind nicht immer solche Monster wie man sie darstellt. Meist sind beiderseitige Kommunikationsprobleme die Ursache!
zappuser 02.06.2010
die wieder inkompetente Chefs nachziehen. Klare Führungsfähigkeiten, auch mitunter autoritär, sind besser als dieses Team-Gemauschele.
die wieder inkompetente Chefs nachziehen. Klare Führungsfähigkeiten, auch mitunter autoritär, sind besser als dieses Team-Gemauschele.
bunny07 02.06.2010
Ich habe das selbst schon zweimal mitgemacht und kann allen Betroffenen nur raten, bei den ersten Anzeichen externe Hilfe zu suchen (Krisenberatung, Anwalt etc.). Unternehmen neigen meiner Erfahrung nach dazu, Mobbing zu [...]
Ich habe das selbst schon zweimal mitgemacht und kann allen Betroffenen nur raten, bei den ersten Anzeichen externe Hilfe zu suchen (Krisenberatung, Anwalt etc.). Unternehmen neigen meiner Erfahrung nach dazu, Mobbing zu vertuschen. Das betrifft -wieder meiner Erfahrung nach- auch Betriebsräte und interne Berater/Mediatoren. Mobbing ist keine Batagelle sondern kann das Opfer im schlimmsten Fall umbringen. Daher sind Rücksichten auf die Kollegen, das Ansehen der Firma usw. völlig fehl am Platz.
IGIT 02.06.2010
Um das überhand nehmende Mobbing in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft, besonders aber in den Schulen und am Arbeitsplatz, Herr zu werden, müssen neue Gesetze und spezielle Antimobbingbeauftragte an Schulen, in den [...]
Zitat von sysopMal sind es derbe Breitseiten, mal subtile Sticheleien. Auch die können reichen, um einem Kollegen den Büro-Alltag zur Hölle zu machen oder eine Kollegin in den Nervenzusammenbruch zu treiben. Martin Wehrle beschreibt, wie Mobber sich auf ihre Opfer einschießen - und welche Masken sie tragen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,698094,00.html
Um das überhand nehmende Mobbing in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft, besonders aber in den Schulen und am Arbeitsplatz, Herr zu werden, müssen neue Gesetze und spezielle Antimobbingbeauftragte an Schulen, in den Firmen und auch den Behörden her. Psychische Gewalt kann einen Menschen mindestens genauso verletzen und sogar zerstören, wie physische Gewalt. Wie oben im Artikel so richtig erwähnt, kann man ganz klar zwischen den üblichen Spannungen zwischen Menschen und einem systematischen, skrupellosen Mobbing, welches für mich ganz klar faschistoid ist, unterscheiden. Ein Mob wird immer von einem Obermobber angeführt und aufgehetzt. Diese Personen gilt es aus der Organisationen, in der sie ihr Unwesen treibt zu entfernen und dann strafrechtlich und auch zivilrechtlich für ihr kriminelles Verhalten zu bestrafen bzw. für die Schäden , die sie angerichtet hat, haftbar zu machen. Nur dafür müssen erst einmal die nötigen Gesetzesgrundlagen geschaffen werden.
Oliver Resch 02.06.2010
Zum Beispiel mit der Controllerin, die die - immer und überall - ungeliebten Sparmassnahmen umsetzen soll: Es gehört zu ihren Aufgaben mit solchen Situationen und Reaktionen fertig zu werden bzw. sie erst gar nicht entstehen zu [...]
Zitat von sysopMal sind es derbe Breitseiten, mal subtile Sticheleien. Auch die können reichen, um einem Kollegen den Büro-Alltag zur Hölle zu machen oder eine Kollegin in den Nervenzusammenbruch zu treiben. Martin Wehrle beschreibt, wie Mobber sich auf ihre Opfer einschießen - und welche Masken sie tragen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,698094,00.html
Zum Beispiel mit der Controllerin, die die - immer und überall - ungeliebten Sparmassnahmen umsetzen soll: Es gehört zu ihren Aufgaben mit solchen Situationen und Reaktionen fertig zu werden bzw. sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Ist sie dazu nicht in der Lage, ist sie schlicht fehl am Platz. Solche Situation immer und ausschließlich auf "Mobbing" zu reduzieren, geht am Problem vorbei. Überhaupt scheint mir das "Mobbing"-Thema in den letzten Jahren viel zu sehr in die Mode gekommen zu sein. Von den damit zusammenhängenden Übertreibungen profitiert in erster Linie die sich etablierende Mobbing-Industrie (Arbeistpsychologen, Betriebsräte, Sachbuchautoren etc.).
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Zum Autor
Martin Frommann
Martin Wehrle, geboren 1970, war Führungskraft in einem Konzern, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Als Buchautor veröffentlichte er unter anderem die Titel "Geheime Tricks für mehr Gehalt" und "Der Feind in meinem Büro", zuletzt erschien 2009 sein "Lexikon der Karriere-Irrtümer".

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