Kulturschock in Abu Dhabi: Ikea liefert nach Mitternacht

Sie wussten wenig über die Golfregion - und zogen genau darum in das Wüstenemirat Abu Dhabi. In den vergangenen Monaten sammelten Bettina und Sascha Ritter seltsame Erfahrungen: Die Mietpreise sind verblüffend, und besonders im Ramadan werden die Emiratis ziemlich nachtaktiv.

"Wir haben uns vor etwa einem Jahr überlegt, ins Ausland zu gehen. Ich arbeitete für das Kulturfestival 'Rheinkultur' in Bonn und war gerade dabei, mich für die Magisterarbeit anzumelden, Bettina war Lehrerin in Troisdorf.

Weil es für Bettina als Lehrerin relativ einfach ist, in einem anderen Land zu arbeiten, haben wir uns das Verzeichnis deutscher Schulen in der Welt auf der Seite des Auslandsschulwesens angesehen. In vielen Ländern, die dort auftauchten, waren wir schon - bis wir auf Abu Dhabi stießen, die Hauptstadt des Emirats am persischen Golf und der Vereinigten Arabischen Emirate.

Ein konkreter Grund zog uns nicht dahin, im Gegenteil: Weil wir beide von der dortigen Kultur nichts wussten, wollten wir Land und Leute unbedingt kennenlernen. Weitere Recherchen erfüllten zwei wichtige Punkte - das Emirat ist sicher, und Frauen können sich frei bewegen.

Im August 2008 haben wir geheiratet und zugleich Abschied gefeiert, eine Woche später flogen wir los. Als wir ankamen, wurde uns schnell bewusst, dass wir nun in einem arabischen Land wohnen: Es war Ramadan, Essen und Trinken ist dann in der Öffentlichkeit tagsüber verboten. Das fällt nicht gerade leicht, wenn man in der Hitze das Land erkunden möchte.

Die Emirati verlegen im Ramadan ohnehin all ihre Aktivitäten in die Nacht. Auch wir mussten uns darauf einstellen: Einmal klingelte es nachts um zwei an der Tür - es waren unsere Ikea-Möbel, die geliefert und dann zusammengebaut wurden. Die Telefonate mit den Behörden mussten wir ebenfalls nachts erledigen.

Zur Hochzeit schenkt der Scheich ein Haus

Dass die Handwerker anders arbeiten, lernten wir, als eine Steckdose kaputt war. Acht Mann rückten an, einer schraubte an der Steckdose rum, die anderen schauten zu. Mindestens drei Leute kommen immer - egal was zu tun ist.

Abu Dhabi: Emirat und Hauptstadt in der arabischen Wüste
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Abu Dhabi: Emirat und Hauptstadt in der arabischen Wüste

Um eine Wohnung mussten wir uns nicht kümmern, das übernahm die Schule. Als Ausländer wird einem überall enorm viel geholfen: Das Emirat will so viele Leute wie möglich in die Wüste locken, über 80 Prozent der Menschen hier sind Einwanderer. Das Wohnungsangebot kommt bei so viel Zuwanderung kaum mit.

Die Schule zahlt auch die Miete, anders wäre ein Leben in Abu Dhabi nicht zu finanzieren: Die Mieten sind extrem hoch und müssen für ein Jahr im voraus bezahlt werden. Wir haben Bekannte hier, die über 100.000 Euro für ein Jahr zahlen mussten. Für die Einheimischen gibt es als Geschenk zur Hochzeit nicht selten ein paar Häuser, auch vom Scheich.

Auch das neue Gebäude der deutschen Schule, an der Bettina arbeitet, ist ein Geschenk vom Scheich. Die Arbeitsbedingungen sind himmlisch - in der Klasse sind nur 14 Kinder, und die kommen aus der ganzen Welt.

Teure Lebensmittel und ein solides Kulturprogramm

Ihre Freizeit verbringen die Menschen hier am liebsten in den riesigen Einkaufszentren, nach amerikanischem Vorbild Malls genannt. Da ist es immer kühl, auch im Hochsommer, wenn draußen weit über 40 Grad sind.

Einkaufen ist allerdings manchmal schwierig. So gibt es zwar Staubsauger, aber Beutel dafür bekommt man im 150 Kilometer entfernten Nachbaremirat Dubai. Wir haben einen Gasofen - wo es Gasflaschen gibt, konnten wir erst nach einem Monat in Erfahrung bringen. Lebensmittel sollte man horten, wenn man auch mal europäisch essen will: Es gibt zwar Spätzle, aber wenn die ausverkauft sind, kann es dauern, bis das nächste Schiff wieder welche bringt. Wir haben zehn Packungen davon im Schrank.

Unsere Essgewohnheiten werden hier zum teuren Luxus. Bio-Eier gibt es nur aus Frankreich, die kosten gut einen Euro das Stück. Brezeln gibt es nicht, auch keinen Pudding oder Quark. Anfangs haben wir fast nur arabisch gegessen, aber auf Dauer wollen wir auf manche Dinge nicht verzichten.

Das kulturelle Angebot hier ist super. Es gibt klassische Konzerte, ein Filmfestival, Ausstellungen. Die Emirati geben viel Geld für solche Veranstaltungen aus und holen immer wieder Weltstars in die Wüste. Allerdings muss man aufpassen, davon überhaupt etwas mitzubekommen. Einen Veranstaltungskalender oder ein Magazin gibt es nicht, alles läuft über Mundpropaganda. Weil ich als Projektassistent beim Goethe-Institut arbeite und Ausstellungen und Lesungen deutschsprachiger Künstler organisiere, kriege aber inzwischen recht viel mit.

"Behinderte und Frauen bevorzugt"

Leider reicht die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen hier meist nicht für ein ganzes Konzert oder einen Film. Nach etwa einer halben Stunde holen die ersten ihr Handy raus, tippen darauf herum oder unterhalten sich. Das kann nerven.

Ansonsten sind die Einheimischen aber sehr nett und hilfsbereit. Dennoch sind Freundschaften schwierig, auch unter den Einheimischen selbst: Ein Mann erzählte uns, dass nicht einmal seine Frau seine besten Freunde kenne. Frauen werden aber sehr gut behandelt, immer wird ihnen die Tür aufgehalten, bei Meinungsverschiedenheiten wird meist auf Frauen gehört. Das treibt auch seltsame Blüten. Beim Medizin-Check, den jeder Einwanderer hier machen muss, stand auf einem Schild: "Behinderte und Frauen werden bevorzugt".

Wir fühlen uns wohl hier und sind auch viel aktiver als zu Hause. Dort saßen wir viel öfter vor dem Fernseher, jetzt unternehmen wir dauernd irgendwas. Das Wetter tut sein übriges: Bei 20 Grad im Winter sind die Menschen fast immer gut gelaunt.

Aufgezeichnet von Birger Menke

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