Kulturschock in Japan: Verdammt, wo sind die Klo-Pantoffeln?

5. Teil: Fünfter Tag - Kerstin röhrt "99 Luftballons"

Jaaa, der Alkohol hatte vermutlich auch etwas damit zu tun. Wir waren schon alle ziemlich betrunken, als es zu dem Karaoke-Zwischenfall kam...

Karaoke-Bar: Einladung niemals ablehnen
Getty Images

Karaoke-Bar: Einladung niemals ablehnen

Aber was sollten wir machen? Das Motto war tabehodai/nomihodai, also "All you can eat/all you can drink". Und daran haben wir uns gehalten. Schließlich hatten wir für das Shabu-shabu, dieses japanische Fondue, ein Heidengeld hingelegt.

Gut, vielleicht wurden wir ein bisschen zu sehr von den japanischen Mädels am Nachbartisch angespornt, die davon ausgingen, dass wir als Deutsche sehr viel Bier vertragen können. Und ja, vielleicht auch davon, dass die Bedienung aufgeregt zu tuscheln begann, als wir unser erstes Bier in Rekordzeit hinuntergestürzt hatten.

Möglicherweise hat unser Auftritt gegen Ende ein wenig unter dem Umstand gelitten, dass Andreas sich versehentlich die Zigarette am Filter angezündet hat - aber alles in allem haben wir den Ruf der Deutschen als trinkfeste Nation doch tapfer unterstützt.

Zumindest scheinen wir die Mädchen vom Nachbartisch so weit beeindruckt zu haben, dass sie uns überreden, noch gemeinsam in eine Karaoke-Bar zu gehen. Also los. Diese Einladung sollte man vor allem im Geschäftsleben niemals ablehnen.

In Japan gibt es den Begriff nomunication (von nomu = trinken und communication), und oft ist das gemeinsame Trinken der einzige Weg, mal ungestraft Dampf abzulassen oder die eigene Meinung zu vertreten. Wer da nicht mitzieht, hat anscheinend etwas zu verbergen oder - noch schlimmer - will nicht zum Team gehören.

Höflicher Applaus plus Blamage gratis

Ich will natürlich dazugehören. Darum greife auch ich zum Mikrofon, nachdem eine der Japanerinnen eine eher eigenwillige Interpretation von Frank Sinatras "My Way" beendet hat. Mit "99 Luftballons" und "Dschingis Khan" ist immerhin auch deutsches Liedgut im Repertoire enthalten. Nun ja.

Meine Singstimme hat noch niemanden begeistert, so bin ich auch diesmal nicht überrascht vom allzu höflichen Applaus. Was ich noch nicht ahne: Ich habe mich schon wieder blamiert! Andreas klärt mich darüber auf, dass man nicht einfach loslegt, sondern eigentlich wartet, bis man vom Gastgeber zum Singen aufgefordert wird. Hoppla.

Wir haben uns noch häufiger in Japan blamiert - viel häufiger. Trotzdem sind immer alle verständnisvoll und nett geblieben. Letztlich erwarten Japaner gar kein perfektes Benehmen von unwissenden gaijin (Ausländern), das gilt auch für die Geschäftswelt.

Aber es gilt auch als ein Zeichen von Respekt, sich vorher mit den Sitten und Gebräuchen auseinanderzusetzen und diese so gut wie möglich zu beachten. So kann es zum Beispiel nicht schaden, beidseitig bedruckte Visitenkarten (auf einer Seite deutsch, auf der anderen japanisch) dabei zu haben. Oder ganz einfach zu wissen, was ein "ja" alles bedeuten kann.

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Forum - Ihr größter Kulturschock?
insgesamt 235 Beiträge
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1. Was soll man sagen
TommIT 05.05.2009
in Indien typisch deutsch direkt aufs Thema zuzusteuern oder gar als Kontaktaufnahme zuerst ne E-Mail loszuschiessen (No go). Dann sollte man sich besser mit Geduld wappnen...mit sehr sehr sehr viel Geduld. Und Kopfnicken ist keine Zustimmung und seinen deutschen Zeitbegriff sollte man schnell ablegen.
2.
LouisWu 05.05.2009
Als ich das erste Mal nach Düsseldorf kam und sah, dass mich meine Kölner Freunde und Verwandten belogen hatten. Die hatten in Düsseldorf doch richtige Straßen und sogar elektrischen Strom, auch die Nachttöpfe wurden nicht einfach aus dem Fenster auf die Straße entleert. Gut, die Menschen dort sind eher einfach gestrickt. Aber das macht nichts, da muß man eben etwas langsamer sprechen... ;-o))
3.
mooksberlin 05.05.2009
Zitat von sysopWer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt?
Ich finde es interessant, dass in dem Beitrag zu Japan wieder einmal die ganz ollen Kamellen aufgewärmt werden. Eigentlich sollte man im Zeitalter von €399 Flügen nach Tokyo meinen, dass auch der Normalbürger sich selbst ein Bild des Landes der aufgehenden Sonne machen kann, doch scheinbar wird das von den Japanern selbst geschürte Bild vom "wir sind so anders" auch gerne von deutschen Redakteuren übernommen. Zum einen gibt es schon seit einigen Jahren im Sommer keinen "Krawattenzwang" mehr, dieser wurde während der "Cool Japan" Kampagne des Ex-Premiers Koizumi aufgehoben, dieser hatte wohl selbst keine Lust auf nen Strick um den Hals und verkaufte den Verzicht als eine Massnahme gegen die Klimerwärmung, da man ohne Krawatte die Klimaanlage im Büro nicht so kalt einstellen müsse. Exotische Lebensmittel gibt es genug, jedoch von Krabbeneis habe weder ich noch all meine japanischen Freunde je gehört, wenn es dies gibt, dann ist es garantiert nicht Mainstream. Auch wird das dezente Naseputzen in ein Taschentuch, insbesondere bei Ausländern, schon seit Jahren toleriert, das konstante Nasehochziehen hingegen wird auch von vielen jungen Leuten (insbesondere von Frauen) mit Argwohn betrachtet. Auch hatte ich noch nie Probleme mit dem Taxi dort anzukommen wo ich eigentlich hin wollte. Ich frage den Taxifahrer immer ob er weiss wo das Ziel liegt und hatte schon häufig ein direktes "Nein" zur Antwort. Man sollte allerdings in etwa wissen wo das Ziel liegt vor der Abfahrt, sonst kann es schon mal problematisch werden. So hatte ich vor 2 Jahren die Schwierigkeit ein Taxi für einen Kollegen zu bekommen welches ihn ins neu erbaute Hotel "Peninsula" bringen konnte. Mehrere Taxifahrer lehnten die Fuhre ab, da sie noch nie von diesem Luxushotel gehört hatten und dann nicht einen "Gaijin" im Auto sitzen haben wollten, der sich beschwert.
4.
HariboHunter 05.05.2009
Grosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
5.
TommIT 05.05.2009
Zitat von HariboHunterGrosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
Was genau hat sie da denn geschockt, wenn ich fragen darf, waren die eckig wie die japanischen Melonen?
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