Erster Tag - Kerstin in der Höflichkeitsfalle
Der erste Tag in Tokio ist furchtbar! Alles ist voll und bunt und hektisch und laut. Aus den Pachinko-Hallen dröhnt ohrenbetäubendes Geklapper, die Ampeln machen Vogelzwitscherlaute, überdimensionierte Werbespots schallen von den Hauswänden. Und alle Frauen sind besser angezogen als ich. Selbst die ganz jungen Mädchen schwenken schon sündhaft teure Designer-Täschchen.
Während wir uns von den Menschenmassen durch die Straßen treiben lassen, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es so eine gute Idee war, meinen Freund Andreas nach Japan zu begleiten. Er hat immerhin Japanologie studiert und versteht die Sprache. Für mich dagegen sind die Schriftzeichen, die kanji, noch um einiges unverständlicher als der Gesang von Blauwalen.
Bei Komplimenten immer abwiegeln
Zum Glück finde ich im nächsten Supermarkt Altvertrautes. Zwischen Speiseeis in Geschmacksrichtung Krabben und eckigen Wassermelonen gibt es hier Baumkuchen... Meine Wahl fällt dann allerdings auf einen Schokoriegel mit Kastanien-Geschmack. Beim Bezahlen an der Kasse bedankt sich die nette Verkäuferin mit einem strahlenden Lächeln und einer Verbeugung. Ich murmele schnell etwas, das wie domo arigato (vielen Dank) klingt, und verbeuge mich ebenfalls.
Und hab mich schon blamiert. Denn das Verbeugen des Käufers ist mehr als unnötig und bringt die Verkäuferin in Verlegenheit. Nun müsste sie sich eigentlich wiederum mit einer Verbeugung für die Verbeugung bedanken und so weiter. Ein kurzes Nicken reicht also allemal.
Die Höflichkeitsfalle lauert in Japan auch im Geschäftsleben. Von den komplizierten Ritualen der Visitenkartenübergabe (immer mit beiden Händen überreichen und annehmen) über die Kunst, mit dem richtigen Maß an Bescheidenheit auf ein Lob zu reagieren (immer abwiegeln) bis hin zum Krawattenzwang bei der Kleiderordnung (auch bei sengender Hitze) - Fettnäpfchen gibt es jede Menge. Zum Glück ahnen wir zu diesem Zeitpunkt nicht, was noch alles schieflaufen wird...
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