Kulturschock in Katar: Als Werber in die Wüste

Katar gilt eher nicht als Mekka der Kreativen. Jan Hendrik Ott, 32, wechselte trotzdem in den Wüstenstaat, wo eine Agentur die Branche mit internationalen Talenten aufmischen will. Für den Werbetexter ist es eine fremde, sonderbare Welt - und als Singlemann hat man's schwer.

"Immer wieder rief mich vor etwa einem Jahr der Creative Director einer Agentur in Doha an. Ich habe damals in Berlin gearbeitet und hatte durchaus Lust, ins Ausland zu wechseln. Aber ich dachte an New York, Tokio, auf jeden Fall eine große Metropole.

Der Mann aus Katar lud mich ein, nach Doha zu kommen. Und schon auf dem Weg vom Flughafen zur Agentur war ich fasziniert: Der andere Baustil, Shisha-Cafés - ich bekam große Lust, die arabische Welt zu entdecken.

In den Zeitungen sah ich, was Werbung in Doha bedeutet: das Produkt zeigen, dazu lächelnde Leute, fertig ist die Aussage - tolles Produkt! Der Creative Director hat mit seiner Agentur anderes vor. Er sucht weltweit nach Kreativen, um mit der Agentur international so viele Preise zu gewinnen, wie es geht. Im vergangenen Jahr wurden sie aus dem Nichts kommend die erfolgreichste Agentur des Mittleren Ostens bei den Cannes Lions, dem wichtigsten Award der Welt.

Alkoholkauf nur mit Lizenz

Das Konzept war überzeugend, das Angebot gut, also habe ich zugesagt. Dabei wurde mir eines gleich vor Augen geführt: Wenn der Agentur die Leistung nicht genügt, sitzt man sehr schnell wieder im Flieger nach Hause. Ich wurde in den Büros rumgeführt, der Creative Director stellte mir die Teams vor - bis auf eines. 'Die brauchste dir nicht zu merken, wenn du kommst, sind die schon weg', sagte er. Das Motto Hire and Fire ist hier schon weit verbreitet.

So ließ auch meine Probezeit der Agentur alle Möglichkeiten offen, mich im Fall des Falles schnell wieder los zu werden: In den ersten drei Monaten betrug meine Kündigungsfrist eine Woche. Das habe ich überstanden - ebenso wie den Erwerb der Grundausstattung: ein Konto, eine Kreditkarte, einen Führerschein.

All das bekommt man in Katar nur, wenn man einen sogenannten Sponsor hat, der für einen bürgt. Für mich übernimmt das ein Anteilseigner der Agentur. Er muss mir auch für alles eine Erlaubnis ausstellen, sonst bekomme ich nichts davon, darf nicht einmal das Land verlassen.

Mit seiner Erlaubnis bekommen Westler in Doha auch eine Alkohollizenz. Katarer trinken überhaupt nicht, es ist ihnen auch nicht erlaubt, in die Hotelbars zu gehen, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Mit der Lizenz kann ich in speziellen Läden Alkohol kaufen.

Wenn alleinstehende Männer draußen bleiben müssen

Die Menge ist reglementiert, aber völlig ausreichend: Der maximale Wert ist an den Lohn gekoppelt, ich dürfte für rund tausend Euro im Monat Alkohol kaufen. Um eine Lizenz zu bekommen, muss man aber mindestens 800 Euro im Monat verdienen. Das ist mehr, als die Bauarbeiter hier bekommen, und die sollen wohl keinen Alkohol trinken.

Überhaupt ist das hier eine Klassengesellschaft: Ganz oben stehen die Katarer, dann kommen die Westler, dann Araber und zuletzt Asiaten, von denen die meisten auf dem Bau oder als Fahrer arbeiten. Araber und Asiaten warten viel länger, wenn sie ein Konto einrichten wollen oder eine Kreditkarte beantragen. Wenn sie einen Führerschein haben wollen, müssen sie eine Prüfung machen. Ich kenne nur einen, der die bestanden hat. Meinen deutschen Schein konnte ich einfach umtauschen.

Schwer haben es auch Singlemänner wie ich. An einem Freitag wollte ich in eine Mall zum Einkaufen gehen. An der Tür wurde ich abgewiesen: Einmal in der Woche ist "Family Day", da kommen Männer nur in Begleitung einer Frau rein. Auch in Restaurants müssen Männer, die ohne Frau unterwegs sind, in einem eigenen Bereich sitzen, im Park gibt es abgesperrte Family-Plätze. Im Kino ist das genauso, die Männerplätze sind ganz vorne in der ersten Reihe.

Ich spreche jetzt manchmal Frauen an, ob sie mich mit reinnehmen, drinnen geht dann jeder wieder seinen eigenen Weg. Die Katarer denken, dass alleinstehende Männer Frauen belästigen könnten. Und davon gibt es hier genug: Auf 1,8 Männer kommt eine Frau, weil so viele Bauarbeiter in Katar sind.

Benzin kostet nur ein paar Cent

Ihre Freizeit verbringen Katarer am liebsten in Shopping Malls - und in der Wüste. An Wochenenden ist in den Dünen mehr los als in Doha. Man darf in der Wüste herumfahren, wie man will, und so düsen sie mit Jeeps durch den Sand. Krankenwagen stehen immer schon bereit. Und ein mobiler Geldautomat: Der Lkw taucht überall auf, wo was los ist.

Fast jede Strecke wird hier mit dem Auto gefahren, egal wie kurz. Öffentliche Verkehrsmittel sind ebenso kaum vorhanden wie Fußgängerwege. Der Sprit kostet ja auch fast nichts: umgerechnet sieben Euro für eine Tankfüllung von 42 Litern. Dafür ist die Miete hoch. Für die Dreizimmerwohnung in einem Hotel, die ich mit einem Kollegen teile, zahlen wir etwa 3500 Euro im Monat.

Den Schritt, nach Katar zu wechseln, habe ich nie bereut. Es hat mich selbst überrascht, dass mich die Family Days und all die anderen skurrilen Dinge nicht stören, im Gegenteil: Sie sind eine großartige Erfahrung in einer völlig anderen Welt."

Aufgezeichnet von Birger Menke

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Kulturschock
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Kreative in Katar: Als Singlemann im Riesensandkasten