Documenta-Sondereinsatz: Kassel meine Perle

Von Johan Dehoust

Wenn Brad Pitt nach Kassel kommt, muss Documenta sein. Weil die Stadt rund um das Spektakel aufblüht, arbeitet Student Tilman Hatje besonders gerne dort. Einen Sommer lang sorgt er dafür, dass technisch alles funktioniert - und ist so auf den Job fixiert, dass ihm selbst nackte Performancekunst entgeht.

Documenta-Student: Kabelzieher für die Kunstsause Fotos
DPA

Halbnackte Frauen und Männer wandeln über einen Felsen, weiße Hörner zieren ihre Häupter. Tilman Hatje aber schaut nicht hin. Er ignoriert die Performance auf der Leinwand, hält ein Ohr an den Lautsprecher und schüttelt den Kopf: "Viel zu leise, das Meeresrauschen", sagt er und öffnet eine schwarze Luke in der schwarzen Wand. Dann kriecht er in ein Kabuff voller Kabel, Steckdosen und Verstärker und dreht den Sound auf. So sieht sie für ihn aus, die Documenta in Kassel. Wenig Kunst, viel Technik, wenig stille Betrachtung, viel Arbeit.

Hatje, blaue Baseballkappe, grauer Kapuzenpulli, hat keine Zeit, sich Videoinstallationen wie die der indischen Künstlerin Tejal Shah im Südflügel des Kulturbahnhofs anzusehen. Der Student der Kunsthochschule Kassel sorgt dafür, dass das funktioniert, was die Besucher der Ausstellung möglichst nicht sehen sollen: Beamer und Lautsprecher zum Beispiel.

Seit Mitte Mai hat der 27-Jährige mitgeholfen, die abstrakten Ideen der Künstler zu verwirklichen, indem er unzählige Kabel hinter Leisten versteckt hat und Projektoren hinter Pfeilern. Seine Arbeit bestand zum großen Teil darin, eben diese Arbeit unsichtbar zu machen. Ohne ihn und seine Crew gäbe es in diesem Sommer keine große Kunst in Kassel, jedenfalls keine Kunst, die der Technik bedarf.

"Aus der grauen Provinz wird eine Weltstadt"

Jetzt, während die Documenta läuft, hat Hatje, der im Studiengang Visuelle Kommunikation eingeschrieben ist, dreimal in der Woche Bereitschaftsdienst. Er sitzt in einer Halle zwischen deckenhohen Regalen, vollgepfropft mit Ersatzteilen, und wartet darauf, dass sein Diensthandy klingelt, weil irgendwo auf dem riesigen Gelände mal wieder die Technik versagt. Es klingelt oft. Und es kann gut sein, dass er die Person am Telefon aus einem Seminar kennt. So wie er arbeiten nämlich zahlreiche der rund 950 Kasseler Kunsthochschulstudenten auf der Documenta. Als Hausmeister, als Museumsführer oder als Aufsicht.

Die Documenta bietet den Studenten die Gelegenheit, innerhalb von drei Monaten aufzuholen, was ihnen zuvor fünf Jahre verwehrt geblieben ist: das Leben in einer Kunstmetropole. Wenn Documenta ist, müssen sie nicht mehr neidisch sein auf ihre Kommilitonen in Berlin oder Leipzig. "Aus der grauen Provinz wird eine Weltstadt", sagt Tilman Hatje, der in Freiburg aufgewachsen ist, bevor er 2007 nach Kassel zog. Im Café begegnet man plötzlich bekannten Künstlern aus aller Welt. Überall laufen auf einmal diese Typen mit Schnauzbart, ausrasiertem Seitenhaar und labbrigem Shirt herum. Und diese Frauen, die ihre Haare weit vorn auf dem Kopf zu einem Dutt verdichten.

Am Bahnhof Wilhelmshöhe führt von dort, wo die Fernzüge ankommen, in diesen Tagen sogar ein roter Teppich zum Gleis Richtung Innenstadt, für die Promis unter den Documenta-Gästen. Einmal kam Brad Pitt zu Besuch, um sich zu informieren, was in der Kunst gerade en vogue ist.

Seit einem Jahr besuchen Documenta-Teilnehmer auch immer wieder die Kunsthochschule, halten Vorträge oder geben Workshops. Der teilautonome Ableger der Uni Kassel liegt zu Fuß nur einige Minuten vom Hauptgebäude der Ausstellung, dem Fridericianum, entfernt. Auch Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin, war schon da. Der enge Kontakt zu den Studenten dürfte auch damit zu tun haben, dass der Rektor der Kunsthochschule, Christian Philipp Müller, selbst Künstler der Documenta ist. Seine mit 60 unterschiedlichen Sorten Mangold bepflanzten Boote liegen auf dem Küchengraben in der Aue.

Wo wenig ist, kann viel entstehen

Trotz der vielen Arbeit empfindet Tilman Hatje die Documenta als "unglaublich motivierend" - auch wenn er die vergangenen Wochen als die "anstrengendsten" seines Lebens bezeichnet. Über seinen Job als Techniker hat er viele berühmte Künstler persönlich kennengelernt. Einige von ihnen seien "etwas kompliziert", sie hätten zwar ihre genialen Ideen im Kopf, verstünden allerdings nicht, wo die technischen Grenzen verliefen, sagt er. Andere zeigten sich den Tüftlern gegenüber sehr dankbar. Der aus Venezuela stammende Javier Téllez umarmte jeden Einzelnen von ihnen, als in seiner Pappmaché-Felsengrotte im Kulturbahnhof alles funktionierte, das Licht, das Bild, der Ton, und lud alle zum Essen ein. Der südafrikanische Filmkünstler William Kentridge schmiss zum Dank sogar eine Party.

Aber nicht nur die Begegnungen mit Künstlern spornen Tilman Hatje dazu an, hinter den Kulissen zu arbeiten. Es motiviere auch, zu spüren, wie plötzlich alle, auch die Kasseler selbst, viel aufgeschlossener wirkten, sagt er, viel empfänglicher als sonst für alles, was die Kunst zu bieten hat. Die Documenta wirke wie ein Triebwerk auf die 200.000-Einwohner-Stadt in Nordhessen.

Das muss Hatje ausnutzen, und daher ruht er sich auch dann nicht aus, wenn er keinen Documenta-Dienst hat: Er treibt sein eigenes Projekt voran. Gemeinsam mit sieben Kommilitonen hat er einen alten Beauty-Salon an der Frankfurter Straße zu einer Ausstellungsfläche umgebaut. Tokonoma heißt ihr Club. Jetzt, während der Documenta, hat die Gruppe junge, internationale Künstler eingeladen, hier zu wohnen und ihre Werke auszustellen. Die Studenten organisieren außerdem Filmabende und Vorträge. Und: Jede Woche veranstalten sie eine Party in der Batterie, einem Club im Nordflügel des Hauptbahnhofs, zu der DJs aus Hamburg und Berlin anreisen.

Tilman Hatje ist klar, dass die Aufregung abebben wird, wenn die Documenta Mitte September zu Ende geht. Aus der Kunstmetropole wird schnell wieder eine Kleinstadt. Obwohl er wirklich gern dazu beiträgt, dass bei der Ausstellung nichts hakt oder klemmt, freut er sich auch schon ein bisschen auf die Zeit danach. Er habe die unaufgeregte, übersichtliche Kasseler Kunstwelt dann doch noch zu schätzen gelernt, sagt er. Wo wenig sei, da könne wieder viel entstehen. Das nächste große Projekt: seine Abschlussarbeit.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kleinstadt Kassel?
mferber 23.07.2012
Man fragt sich ob der Autor schon einmal in Kassel war. 200000 Einwohner sind jetzt nicht unbedingt das was man mit Kleinstadt assoziiert. Zugegeben, die Documenta ist schon etwas besonderes aber auch zwischendurch hat Kassel durchaus etwas zu bieten. Drittgrößte Museumsdichte Deutschlands. Grösste deutsche Rembrandsammlung nur um ein paar Beispiele zu nennen.
2. Relativ
Möglw. 23.07.2012
Zitat von mferberMan fragt sich ob der Autor schon einmal in Kassel war. 200000 Einwohner sind jetzt nicht unbedingt das was man mit Kleinstadt assoziiert. Zugegeben, die Documenta ist schon etwas besonderes aber auch zwischendurch hat Kassel durchaus etwas zu bieten. Drittgrößte Museumsdichte Deutschlands. Grösste deutsche Rembrandsammlung nur um ein paar Beispiele zu nennen.
Das Museum für Sepulkralkultur nicht zu vergessen. ;) Gebrüder Grimm Historie. Europas größter Bergpark. Eine der größten Walddichten in Europa mit großem Erholungsfaktor. Kilometerlange Alleen. Riesige Grünanlagen in Innenstadtnähe. Riesiges Herkules-Oktogon mit einmaligen Wasserspielen. Jede Menge Schlösser. Die Stadt Kassel hat in Sachen Stadtmarketing bisher *vollständig* versagt. Sie hat mit die schönsten Anlagen in ganz Deutschland - und kaum einer weiß davon. Die zentralste aller möglichen Lagen in D. wurde nie genutzt, ein nutzbarer Flughafen jahrzehntelang verhindert. Stattdessen die %ual höchste Sozialhilfequote und die Mordquote ist auch nicht ohne. (Komisch, dass dort seit Jahrzehnten immer die gleichen 1-2 Parteien im Rathaus sitzen...)
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