Lehrer als Problem: "Viele halten das für einen Halbtagsjob"

Bequem, inkompetent und schnell überfordert - Udo Rauin geht mit deutschen Lehrern hart ins Gericht. Der Frankfurter Bildungsforscher erklärt im Interview, warum so viele ungeeignete Studenten in den Lehrerberuf stolpern und der Beamtenstatus ein schlimmes Übel ist.

DPA

Frage: Herr Rauin, Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass es schon relativ früh im Lehramtsstudiums starke Anhaltspunkte dafür gibt, ob jemand ungeeignet für den Beruf ist. Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Udo Rauin: Man müsste viel stärker während des Studiums beraten, damit die zukünftigen Lehrer wissen, was auf sie zukommt. Denn die Anforderungen des Berufs werden nicht deutlich gemacht - viele halten das tatsächlich für einen Halbtagsjob, für den man nicht viel machen oder wissen muss. Es wird zu wenig dafür getan, die Anforderungen schon im Studium stärker durchzusetzen und auch dahingehend zu beraten, dass man besser die Finger davon lässt, wenn man deutliche Überforderungen feststellt. Da der Bedarf nach Lehrern aber sehr groß ist und nicht nur mit den wirklich Kompetenten gedeckt werden kann, nimmt man auch solche, die es nicht können.

Frage: Kommen Lehramtsstudenten nicht viel zu spät mit der Praxis in Berührung?

Rauin: In Baden-Württemberg, wo ich meine Studie gemacht habe, sind alle durch regelmäßige studienbegleitende Praktika schon früh in die Praxis gekommen. Viele haben sehr früh bemerkt, dass diese Praktika ein Horror für sie sind und dass sie inkompetent sind - das hat sie aber nicht abgeschreckt. Sie verdrängen ihre Inkompetenz in der Hoffnung, dass sich das schon irgendwie legen wird, da der Lehrerberuf andere Vorteile hat beziehungsweise die Perspektivlosigkeit in anderen Bereichen so groß ist, dass man dann doch dabei bleibt.

Frage: Wie sinnvoll ist in diesem Zusammenhang der Beamtenstatus für Lehrer?

Rauin: Der führt genau dazu, dass sich die Falschen für den Beruf interessieren, weil es eine vermeintliche Sicherheit gibt. Diese suchen eben viele Studierende, die sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht aussetzen wollen. Man müsste den Beamtenstatus tatsächlich abschaffen, um wenigstens die schlimmsten Übel zu vermeiden.

Frage: Welche Rolle spielt ein Numerus Clausus auf Lehramtsstudiengänge - man sagt ja oft, dass schlechtere Schüler später die besseren Lehrer seien?

Rauin: Dann müssten die heutigen Lehrer sehr gut sein, denn in den letzten 20 Jahren ist immer vor allem das untere Drittel eines Abiturjahrgangs Lehrer geworden. Natürlich mit Ausnahmen, aber es gibt eine Tendenz, dass eher die schlechteren Schüler den Lehrerberuf ergreifen, weil sie sich in anderen Berufsfeldern weniger Chancen ausrechnen. Es gibt Bereiche, bei denen das nicht zutrifft, etwa bei Naturwissenschaften am Gymnasium. Aber man kann sagen: Je niedriger die Schulform ist - also Grund-, Haupt- und Realschule -, desto schlechter sind die Abiturdurchschnitte der Lehrer. Ein NC nützt dabei weder noch schadet er. Er steuert nicht wirklich, weil er ja in dem Moment, wo es eine mangelnde Nachfrage nach einem Fach oder Studiengang gibt, wieder aufgehoben wird. Er wirkt entlastend für die Hochschulen, hat aber für die Schule keinerlei Funktion.

Frage: Gibt es unter Lehrern mehr Ungeeignete als in anderen Berufen?

Rauin: Da wir keine Vergleiche haben, sind wir gerade dabei, Parallelstudien für andere Berufe zu machen, um zu sehen: Wer studiert das, wie studiert man es und mit welchem Engagement? Wir wissen bisher bei den Lehrern auch nicht, ob alle Schulformen in gleicher Weise betroffen sind. Es scheint mir so zu sein, dass in anderen Berufen das Berufs- und Versagensrisiko größer ist. Deshalb vermute ich, dass die Zahl der Inkompetenten im Lehrerberuf Dimensionen hat, die man sonst nicht findet. Aber beweisen kann ich das nicht.

Frage: Können die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge, die ja mehr auf Praxisbezug und Kompetenzstärkung ausgerichtet sind, dem Problem der Inkompetenz bei Lehrern entgegenwirken?

Rauin: Nicht wirklich. Die Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg, die ich untersucht habe, haben ja diese sehr starke Komponente Praktikum auch schon drin. Außerdem kann im Moment niemand wirklich sagen, wie man auf diese Weise die erforderlichen Kompetenzen stärken kann. Die Lehrerausbildung ist an allen Universitäten ein fünftes Rad am Wagen, für das sich niemand wirklich interessiert. Deswegen glaube ich, dass es vielleicht ein paar Veränderungen beim Studium geben wird, aber die zentralen Probleme ungelöst bleiben: Wer wird Lehrer, wie kann man diejenigen herausfinden, die von der Persönlichkeit her stark genug sind, um in der Schule bestehen zu können? Und wie sorgt man dafür, dass sie der Schule mit voller Arbeitskraft zur Verfügung stehen? Denn heute arbeiten 50 Prozent aller Lehrkräfte nur Teilzeit, an manchen Schulen sind es bis zu 80 Prozent. Aber das sind strukturelle Probleme, die man in der Schule selbst lösen muss, und zwar durch eine veränderte Form der Einstellungsprozedur, positive Anreize und Evaluation.

Frage: In Baden-Württemberg haben inzwischen auch Lehramtsanwärter für das Gymnasium während des Studiums eine sechsmonatige Praxisphase. Hilft das weiter?

Rauin: Ähnliches soll jetzt überall verstärkt eingeführt werden. Das Problem ist nur: Diejenigen, die das ohnehin nur aus Verlegenheit studieren, schreckt man damit nicht ab. Diese Praxisphase hat eine orientierende Funktion, ist aber kein Sieb - sie filtert nicht die Schwächeren heraus. Das könnte man nur mit einer anderen Form des Staatsexamens erreichen.

Frage: Und wie müsste die aussehen?

Rauin: Sie müsste zentraler auf die tatsächlich relevanten Kompetenzbereiche abzielen. Und sie müsste die Leute über viel längere Zeiträume prüfen, als das bisher mit zwei Unterrichtsstunden und einer mündlichen Prüfung in der Prüfungsphase des Referendariats der Fall ist. Zudem müsste man mutiger als bisher den Ungeeigneten den Zugang verweigern.

Frage: Warum geschieht das nicht?

Rauin: Aus sozialen Gründen. Wenn sich jemand sieben oder acht Jahre auf den Beruf vorbereitet und mit seinem Studium nichts anderes werden kann, dann setzt bei schlechten Lehrern so ein Mitleidseffekt ein - man lässt ihn drin, auch wenn er ganz schwach ist. Vernünftiger wäre es, wenn man eine Doppelqualifikation hätte und eventuell mit seinem Studium auch was anderes werden könnte als Lehrer. Das würde das Ganze etwas entschärfen. Und da hoffe ich, dass das ein kleiner Seiteneffekt des Bachelor- und Master-Studiums ist.

Das Interview führte Mirjam Mohr, AP

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