Lehrerausbildung: Auf einmal steht man im Klassenzimmer

Von Max Hägler

Auf den Ernstfall sind viele junge Lehrer kaum vorbereitet - aufs Unterrichten. Die Unis sahen die Lehrerausbildung lange nur als lästige Pflicht. Jetzt merken sie: Wenn sie heute Lehrer besser ausbilden, bekommen sie morgen auch bessere Studienanfänger.

Nicht allzu oft kommen Bildungswissenschaftler in den Genuss von Drittmitteln. Galten doch für manche im akademischen Apparat die Fachbereiche Pädagogik und Didaktik und damit auch das Wesen eines Lehrers spätestens seit Jean-Jacques Rousseaus "Emile" als hinreichend abgehandelt. Nicht einmal Standards für die Fachdidaktiken gebe es, stellte die Hochschulrektorenkonferenz im Jahr 2006 ernüchtert fest. Ungeklärt seien auch "die Dimensionen der Professionalität und ein Leitbild für den Lehrerberuf".

Ernstfall Unterricht: Noch mal von vorn bitte
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Doch seitdem Universitäten und die Wirtschaft über die mangelnde Ausbildung des Nachwuchses klagen, wird die Ausbildung der Lehrer als entscheidendes Glied in der Bildungskette ernst genommen - und zwar endlich auch in der Hochschulszene.

So nimmt in diesem Herbst an der Technischen Universität München (TUM) die "School of Education" ihren Betrieb auf. Und Anfang Juli bekamen die fünf fortschrittlichsten Hochschulen insgesamt fünf Millionen Euro von der Deutschen Telekom Stiftung überwiesen, "um inhaltliche und strukturelle Verbesserungen" in der Lehrerbildung anzustoßen.

Bei der Telekom Stiftung ist der Befund eindeutig: "Bedauerlicherweise führt die Lehrerbildung an vielen deutschen Hochschulen immer noch ein Schattendasein." Unter Leitung des Stanford-Professors und ehemaligen Rektors der Viadrina in Frankfurt/Oder, Hans Weiler, kürt eine Expertenkommission Universitäten, bei denen vor allem die mathematisch-naturwissenschaftliche Lehrerbildung in enger Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft erfolgt.

Mangel an Qualifikation und Motivation

"Wenn Bildung das Megathema für Deutschland ist, dann ist die Lehreraus- und fortbildung die zentrale Stellschraube für die Verbesserung unseres Bildungssystems", beschreibt der Stiftungsvorsitzende und ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel die Motivation, bedürfe es doch hoch qualifizierter und motivierter Lehrerinnen und Lehrer, um Kinder und Jugendliche zu begeistern.

Nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) fehlen bis zum Jahr 2015 jährlich rund 3200 Lehrkräfte an den Schulen. Nach neuesten Berechnungen, die der Bildungsforscher Klaus Klemm Mitte Juni vorstellte, gehen bis 2015 über 300.000 Lehrer in Rente. Viel mehr als 26.000 neue Lehrer pro Jahr sind aber nicht in Sicht. Der Lehrermangel war deshalb im Juni erneut Thema in der KMK.

Den zu wenigen Lehrern mangelt es zudem noch an pädagogischer Qualifikation und persönlicher Motivation, wie mehrere Studien zeigen. Seit einiger Zeit jedoch gehen die Analysen über die Erklärungsmodelle hinaus und offenbaren massive Schwächen in der derzeitigen Lehrerbildung und der Auswahl der passenden Studierenden.

Uwe Schaarschmidt, Psychologe an der Uni Potsdam, hat 20.000 Lehramtsstudenten und Referendare befragt. Ein Viertel von ihnen sei Teil einer von Resignation gekennzeichneten Risikogruppe. "Es gibt zu viele Lehramtsstudierende, denen die Basisvoraussetzungen für ihren Beruf fehlen", lautet sein Fazit.

Wer eignet sich für den Einsatz im Klassenzimmer?

Besonders bei der Studienberatung solle man deshalb ansetzen, raten Wissenschaftler. "Der bisher vor allem eingesetzte Numerus clausus hat die beste Vorhersagekraft für den Studienerfolg, aber nicht für die Eignung als Lehrer", sagt Didaktikprofessor Jakob Ossner, der vier Jahre lang der Pädagogischen Hochschule Weingarten vorstand.

Baden-Württemberg schickt deshalb ab 2011 künftige Lehramtsstudierende landesweit durch einen verbindlichen Selbsttest. Das Portal dazu wurde Ende Juni freigeschaltet: www.bw-cct.de. Wer dann im Laufe des Studiums mangelnde Motivation verspüre, müsse "Exit"-Möglichkeiten haben, fordert Ossner.

Bislang ist das Umschwenken auf einen alternativen Beruf beinahe unmöglich. Als Lösung strebt etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine Zweiteilung des Lehramtsstudiums an: in einen fachlichen Bachelor, dem ein pädagogischer Master folgt, der Master of Education.

Auf der anderen Seite klagen die Junglehrer selbst über unzureichende Ausbildung in den Universitäten. Der bayerische Lehrerinnen und Lehrerverband befragte unlängst über 500 Lehramtsstudenten. Zwei Drittel fühlen sich " gar nicht" oder "eher nicht" auf das Unterrichten vorbereitet.

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Forum - Junglehrer gesucht! Ist der Schuljob nicht attraktiv genug?
insgesamt 1602 Beiträge
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1.
PeterShaw 16.07.2009
Zitat von sysopDeutsche Lehrer gehören im europäischen Vergleich zu den ältesten.
Deutsche Lehrer sehen nur so alt aus, weil sie nachmittags so harte Tennismatches spielen und in den Ferien die Berge der Welt besteigen.
2.
PeterShaw 16.07.2009
Zitat von sysopDeutsche Lehrer gehören im europäischen Vergleich zu den ältesten.
Man sollte das Studium weglassen. Das braucht man nicht für das Moderieren von Lernprozessen. Junge Arbeitssuchende in die Schulen!
3.
PeterShaw 16.07.2009
Zitat von sysopZu dem Ergebnis kommt die Bildungskommission der EU ...
Das ist ein Widerspruch in sich - Bildungsexperten kommen nicht zu Ergebnissen. Dafür braucht man ein Fundament.
4.
PeterShaw 16.07.2009
Zitat von sysopDas hohe Durchschnittsalter schadet der Unterrichtsqualität.
Die erfahrenen und gut ausgebildeten Kollegen sind der modernen Bespaßung weniger aufgeschlossen - wird so Qualität buchstabiert?
5.
PeterShaw 16.07.2009
Zitat von sysopIst der Schuljob nicht attraktiv genug?
Zu viel Geld und Ferien - das ist nichts für junge Engagierte.
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