Ausbildung für den Schuleinsatz: Lasst die Lehrer vernünftig lernen

Von Eva Keller

2. Teil: Wie schafft es die Lehrerausbildung aus dem Schattendasein heraus?

Schüler und Lehrer (Archiv): Welche Lehrer braucht das Land? Zur Großansicht
dapd

Schüler und Lehrer (Archiv): Welche Lehrer braucht das Land?

Verschärft wird diese anfangs eher berufsferne Ausbildung durch ein strukturelles Problem: Die Zuständigkeit für die Lehrerausbildung verteilt sich über die ganze Universität. Die Studierenden besuchen Veranstaltungen an verschiedenen Fakultäten. Aber es kümmert sich niemand so richtig um sie. Die Fachwissenschaften machen keine speziellen Angebote für sie. Deshalb müssen Lehramtsstudenten zum Beispiel eine Einführung in die Allgemeine Soziologie besuchen, obwohl eine Vorlesung zur Bildungssoziologie geeigneter wäre.

Auf diese Weise führt die Lehrerausbildung ein Schattendasein an deutschen Universitäten. Sie hat keine strategische Bedeutung. Zwar gibt es die Zentren für Lehrerbildung, die an 50 Universitäten die interne Koordination der Lehramtsstudiengänge leisten sollen. Doch die diskutieren auf ihren Tagungen noch über Für und Wider der Bologna-Reform, anstatt sich um die Zukunft der Lehrerausbildung in Zeiten von Bachelor und Master zu kümmern. Ihr Haupt-Manko: Sie haben keine Macht.

Schools of Education oder eigene Akademien - wo sollen Lehrer lernen?

Unis und Wissenschaftsministerien, die etwas ändern wollen, hören zunehmend auf die Vorschläge von Bildungsexperten wie Prof. Dr. Jürgen Baumert. Er empfahl im Herbst 2012 dem Land Berlin, die Lehrerausbildung an sogenannten Schools of Education zu organisieren. Das sind eigenständige Institutionen, die Fakultätsstatus genießen, also auch über ein eigenes Budget verfügen. Die TU München hat im Jahr 2009 als erste Uni mit diesem Modell Schlagzeilen gemacht. Dort ist die School mit 18 Professuren und 16 Millionen Euro Stiftungsgeldern großzügig ausgestattet. Sie hat die Finanzhoheit über die TU-weite Lehrerausbildung und steht mit 116 Fachdidaktikern und -wissenschaftlern an 12 Fakultäten im Austausch, um den Studierenden eine gute Ausbildung zu bieten.

Das TUM-Modell ist nicht einfach auf andere Universitäten übertragbar. Manche Unis kochen zwar auch auf dem neuen Feuer, aber mit kleinerer Flamme. Offenbar fehlt das Geld. Zum Beispiel in Frankfurt/Main. Dort gibt es seit Juni 2012 die Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL). Sie hat die Aufgabe, grundsätzliche Fragen der Lehrerausbildung zu klären. Dazu gehört die Aufnahme neuer Studieninhalte, wenn sich das Anforderungsprofil an Lehrer ändert - etwa beim Thema neue Medien oder bei Inklusion, also der Integration gesellschaftlich benachteiligter Kinder in der Schule. Darüber hinaus betreibt die ABL eigene Forschungsprojekte und kümmert sich um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

"Lehrer sollen wissenschaftlich ausgebildet werden"

Die Lehre bleibt bei den Fachbereichen. Es gibt keine eigene Fakultät wie in München. Grund für diese Entscheidung war, dass man nicht jahrelang planen und verhandeln, sondern durchstarten wollte. Zudem sollte das traditionelle Band zwischen Fachwissenschaftlern und Fachdidaktikern nicht zerrissen werden, wenn diese aus ihren Fachbereichen herausgelöst worden wären, sagt ABL-Direktor Prof. Udo Rauin: "So hätten wir nur neue Gräben aufgerissen."

Ob nun Schools of Education oder Akademien wie in Frankfurt - was die Unis mit ihren Pilotversuchen leisten, ist für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) "eine Gratwanderung". So nennt es Dr. Andreas Keller, im Vorstand zuständig für die Hochschulen: "Lehrer sollen wissenschaftlich ausgebildet werden. Eine Integration in den Forschungs- und Lehrbetrieb ist daher unverzichtbar. Andererseits dürfen die Fachdidaktiken und die Pädagogik nicht untergehen", sagt er. Die ABL-Mitarbeiter versuchen, das zu verhindern, indem sie mit den Fachbereichen Vereinbarungen über das Lehrangebot treffen. Damit kann man nicht so stark steuern wie an der TUM, aber "unsere Verhandlungsposition ist deutlich besser als früher", sagt Rauin. Machtvoll agieren könnte er erst, wenn er Geld zu verteilen hätte.

Ein König ohne Schatztruhe ist so betrachtet auch Prof. Dr. Peter Drewek, Dekan der Professional School of Education (PSOE) an der Uni Bochum. Das nordrhein-westfälische Hochschulgesetz gibt diesen Schools und Zentren für Lehrerbildung nicht die Hoheit über die Finanzen. Allerdings gewährt das Gesetz Gestaltungsmöglichkeiten bei Forschung, Nachwuchsförderung und Weiterbildung, also bei der Ausbildung der Ausbilder. Für Drewek ist das ein wichtiger Punkt: "Wir können viel über die Notwendigkeit und die Qualität der Fachdidaktik reden. Erstmal müssen wir genügend Fachdidaktiker haben." In NRW hilft, dass für den Aufbau der Schools seit 2010 jährlich 4,6 Millionen an Sondermitteln fließen. Zudem fördert das Land die Fachdidaktik. So konnten in Bochum zusätzlich vier Juniorprofessorinnen eingestellt werden.

"Wir haben keinen Zielkonflikt, es ist nur noch eine Frage der Form"

All diese Beispiele zeigen: Viele Protagonisten in diesem Stück mit dem Titel "Reform der Lehrerausbildung" haben längst erkannt, wo sie ansetzen müssen. Das Paradoxe daran ist, dass all diese lokalen Ansätze das Gesamtproblem nicht lösen, sondern verschärfen, nämlich die Uneinheitlichkeit der Ausbildung, die zu unterschiedlichen Abschlüssen und damit zu reduzierter Mobilität von Lehrern in Deutschland führt. Bei diesem Durcheinander können die Standards für die Lehrerbildung nicht viel ausrichten, die die Kultusministerkonferenz 2008 beschlossen hat. Sie fließen langsam in die Prüfungsordnungen ein, lassen aber Interpretationsspielraum.

Die Qualitätsoffensive könnte den Reformideen Rückenwind geben. Das heißt: Geld vom Bund. Udo Rauin in Frankfurt würde damit mehr Projekte in der Bildungsforschung starten und Auswahlverfahren einführen, mit Zeit für Gespräche. Peter Drewek aus Bochum hält mehr Kooperationen mit Schulen und die Begleitung der praktischen Ausbildung für dringend nötig. Die GEW will grundsätzlich mehr Stellen, um die Betreuung der Studierenden zu verbessern. Darin liegt für sie das Hauptproblem, von dem die Diskussion um Ausbildungsmodelle nur ablenke. Noch blockieren die Länder. Doch der Generalsekretär der GWK, Dr. Hans-Gerhard Husung, blickt zuversichtlich ins Frühjahr: "Wir haben keinen Zielkonflikt", sagt er: "Es ist nur noch eine Frage der Form." Aber auch an Formfehlern ist schon vieles gescheitert.

Von Eva Keller, Journalistin in Frankfurt am Main, für das Hochschulmagazin "duz"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Stellenwert Lehrer
FrankDr 28.12.2012
Passend dazu erhielten die Lehrer in BaWü 2 Tage vor Weihnachten einen Brief mit noch weiteren Gehaltskürzungen. Kostendämpfungspauschalen erhöht, Beihilfe in zig Fällen gekürzt, Ehegatten.... Und da man einen Rückgang der Schülerzahlen erwartet, wird nicht etwa auf gleichem Stand eingestellt, um endlich den enormen Unterrichtsausfall ib den Griff zu kriegen (egal ob Realschule, Berufschule,...). Nein, die Grünen wollen mal kurz 13.000 Lehrer weniger in BaWü. Dann wird sicher alles besser...
2. Bildung ein weites Feld!
meyeoliv 28.12.2012
Als Vater von 2 schulpflichtigen Kindern habe ich folgende Praxisthesen hierzu: A) Lehrer ist einer der Berufe bei dem ich keine Eignungsprüfung ablegen muss B) wenn Lehrer Lehrer ausbilden, einsetzen und kontrollieren - kann dies nicht funktionieren, denn es fehlt die neutrale Sicht hierzu, C) Die jeweiligen Bildungsministerien vergessen bei Ihren "täglichen" Reformen die Lehrer mitzunehmen. Es funktioniert in den Schulen, wenn der Mensch der in dem Lehrer steckt motiviert, engagiert und mit dem nötigen Respekt seinen Beruf ausübt (ca. 5% der Lehrer die ich kennengelernt habe).
3.
Plasmabruzzler 28.12.2012
Zitat von FrankDrPassend dazu erhielten die Lehrer in BaWü 2 Tage vor Weihnachten einen Brief mit noch weiteren Gehaltskürzungen. Kostendämpfungspauschalen erhöht, Beihilfe in zig Fällen gekürzt, Ehegatten....
Der Lehrerberuf ist nicht (mehr?) sehr gefragt, s. auch: Lehrer als Lückenbüßer: Sommerferien in der Arbeitslosigkeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/lehrer-als-lueckenbuesser-sommerferien-in-der-arbeitslosigkeit-a-570396.html) ---Zitat--- Für Tausende von Lehrern bedeuten sechs Wochen Sommerferien keine Freude, sondern Arbeitslosigkeit und Geldmangel. Besonders in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen müssen junge Lehrer mit befristeten Verträgen in den Sommerferien oft Arbeitslosengeld beantragen. ---Zitatende--- Lückenbüßer in Hessen: Mein Lehrer lebt im Sommer von Stütze - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/lueckenbuesser-in-hessen-mein-lehrer-lebt-im-sommer-von-stuetze-a-493076.html) ---Zitat--- Hessen spielt mit arbeitslosen Lehrern ein seltsames Spiel. Das Land stellt sie als Vertretungen an, aber nur während der Unterrichtsmonate. In den Ferien werden sie wieder arbeitslos. Der Trick spart Kosten, die Sozialkassen zahlen - die Zwangs-Saisonarbeiter sind wehrlos. ---Zitatende--- Junge Lehrer fliehen aus Berlin*-*Preußische Allgemeine Zeitung (http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/junge-lehrer-fliehen-aus-berlin.html) ---Zitat--- Junge Lehrer fliehen aus Berlin Aus Kostengründen versagt ihnen der Senat den Beamtenstatus – andere Länder locken ---Zitatende--- Die Liste lässt sich beliebig erweitern.
4. Bildung geht im Länder-Hick-Hack unter
mathelehrer.de 28.12.2012
Wer macht mit, zur nächsten Bundestagswahl eine Bildungspartei zu gründen?
5. Finnland
blowup 28.12.2012
Zitat von meyeolivAls Vater von 2 schulpflichtigen Kindern habe ich folgende Praxisthesen hierzu: A) Lehrer ist einer der Berufe bei dem ich keine Eignungsprüfung ablegen muss B) wenn Lehrer Lehrer ausbilden, einsetzen und kontrollieren - kann dies nicht funktionieren, denn es fehlt die neutrale Sicht hierzu, C) Die jeweiligen Bildungsministerien vergessen bei Ihren "täglichen" Reformen die Lehrer mitzunehmen. Es funktioniert in den Schulen, wenn der Mensch der in dem Lehrer steckt motiviert, engagiert und mit dem nötigen Respekt seinen Beruf ausübt (ca. 5% der Lehrer die ich kennengelernt habe).
Volle Zustimmung. Man braucht eigrentlich auch gar nicht groß zu analysieren, wo die Fehler liegen. Man kann sich das sparen und nach Finnland schauen. Hatte neulich eine Doku über die Lehrerausbildung dort gesehen ("da bleibt eher ein Lehrer sitzen als ein Schüler..."). Es fängt schon mit dem Auswahlverfahren an. Von über 4000 Bewerbern werden ca. 500 zur Ausbildung zugelassen. Lehrer sind in Finnland auch gesellschaftlich sehr angesehen, vergleichbar mit Ärzten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Arbeitsplatz Schule
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 87 Kommentare
  • Zur Startseite
Gefunden in

Fotostrecke
Studie: Schulleiter mobben am häufigsten
Junglehrer unter Schock

Fotostrecke
Umfrage: Wie Lehrer über ihren Beruf denken