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Lehrergeständnisse: "Nun schreiben wir ein Diktat"

Schüler, zum Diktat (Archiv): So lässt sich leicht unvorbereiteter Unterricht überbrücken Zur Großansicht
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Schüler, zum Diktat (Archiv): So lässt sich leicht unvorbereiteter Unterricht überbrücken

Im Studium lernen angehende Lehrer, jede Schulstunde minutiös zu planen. Im Alltag fehlt allerdings oft die Zeit. Hier gesteht ein Pädagoge, wie er unterrichtet, wenn er eigentlich nicht weiterweiß.

Es ist der Alptraum von Referendaren, aber die Realität vieler Lehrer: unvorbereitet in den Unterricht zu gehen. Denn die 26 Wochenstunden sind ohne die sogenannte Schwellenpädagogik nicht zu schaffen, man überlegt sich also erst beim Übertreten der Türschwelle zum Klassenzimmer, was man im Unterricht macht.

Sicher gibt es auch jene Lehrer, die sich "voller Hingabe" dem Beruf widmen - so steht es schließlich im Beamtengesetz - und jeden Tag bis Mitternacht arbeiten, erst in der Schule, dann am heimischen Schreibtisch. Frei nach dem Motto "Unterrichtsqualität ist Lebensqualität" haben sie die Stundenzahl reduziert und arbeiten trotzdem den vollen Zeitumfang. Meist haben diese Lehrer keine Kinder. Ich kann das schwer leisten, schließlich schließt die Kita um 16 Uhr, und am Wochenende will der Ausflug in den Zoo bezahlt werden. Mir steht also weder viel Zeit zur Verfügung, noch würde das Gehalt einer halben Stelle reichen.

"Shut up, please!"

"Warum haben wir keine Quasselbox?", fragten mich meine Schüler eines Tages vorwurfsvoll, kurz nachdem sie eine neue Lehrerin bekommen hatten. Eine Quasselbox ist eine Kiste voller kreativer Aufgaben, die die Schüler machen müssen, wenn sie quatschen. "Weil ich keinen Bock habe, eine zu basteln", sage ich. "Wir haben die selber gebastelt", antworten die Schüler. Trotzdem müsste ich mir Aufgaben überlegen, denke ich und sage: "Ich habe da meine ganz eigene Methode: Shut up, please!"

Elterngespräche, Klassenarbeiten, Abitur, Zeugnisse, Konferenzen, die Organisation von Ausflügen - bringen mich ganz schön in Bedrängnis. So komme ich manchmal in die Klasse und weiß nicht einmal, was ich letzte Stunde gemacht habe. Meist kann ich mich auf mein situatives Gedächtnis verlassen: Sobald ich vor den Schülern stehe, fällt mir alles wieder ein. Sicherheitshalber frage ich vor dem Unterricht auf dem Flur einen Schüler: "Naa, hast du gelernt?" An der Art und Weise, wie er behauptet, heute sei gar kein Vokabeltest dran, merke ich sofort, ob heute Vokabeltesttag ist. Dieses Mal also nicht.

Das situative Gedächtnis schweigt

Nun stehe ich in der Klasse und warte auf mein situatives Gedächtnis, doch das schweigt. Ich versuche es mit: "Peter, lies deine Hausaufgaben vor!" Glück gehabt. Während Peter liest, schaue ich ins Buch und orientiere mich an Peters Text. Langsam dämmert es mir. Seite 45, Aufgabe 7. Moment, da war ein Fehler. "Wiederholst du den Satz bitte, Peter?" Zwei sonst eher stille Mädchen melden sich. Ich nehme sie dran, sie korrigieren. Peter liest weiter. Leider fehlt mir immer noch die zündende Idee.

Halt, ja, das könnte funktionieren: "Nun schreiben wir ein Diktat", triumphiere ich. "Sammeln Sie das ein?", stammelt es aus der ersten Reihe. "30 Diktate korrigieren? Nein danke!", denke ich und sage mit fester Stimme: "Ich nehme die Diktate als Teil der mündlichen Note mit. Setzt euch bitte auseinander." Jetzt kommt der Clou: Der muttersprachliche Gastschüler muss vorlesen. Das verschafft mir zehn Minuten, um den restlichen Unterricht vorzubereiten. Immer wieder schaue ich streng auf und reiße dem ersten Abschreiber das Heft aus der Hand. Ein repräsentatives Opfer macht sich immer gut. "Quiet, please!", sage ich dann, bloß immer präsent bleiben.

Am Ende des Diktats verkünde ich, dass dies nur eine Probe war und die Schüler bitte den Text des Sitznachbarn mithilfe des Buches korrigieren. Die Schüler seufzen erleichtert. Der Rest der Stunde geht nun schnell und perfekt geplant von der Hand. Gerade noch einmal gut gegangen. Ich muss daran denken, was mein geschätzter Latein-Kollege sagte, wenn er nicht vorbereitet war: "Das werden die besten Stunden." Ich muss zugeben, dass ich diesem Satz mit zunehmender Erfahrung mehr und mehr zustimme.

Der 38-jährige Lehrer unterrichtet an einem Gymnasium in Hamburg.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.

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insgesamt 163 Beiträge
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1. Unerhört
SNA 21.08.2014
Lehrer haben monatelang unterrichtsfrei. Wenn man sich erlaubt, darauf hinzuweisen, dass keine andere Berufsgruppe auch nur annahernd so viel bezahlten Urlaub hat, wie Lehrer, wird regelmässig etwas von Unterrichtsvorbereitung geschwafelt. Dass diese nicht einmal ausserhalb der Ferien erfolgt - wie hier deutlich wird - lasst erahnen, wie die Unterrichtsvorbereitung in den Ferien aussieht. Dolce far niente schon lange vor der üppigen Pension?
2. unvorstellbar
Eu1ropa 21.08.2014
das ist Unsinn. Habe selbst mal unterrichtet und kann dies wahrhaft nicht bestätigen. Weder von mir noch von den Kollegen. Aber vielleicht erklärt dies die schulische Qualität in Hamburg.
3. ich hoffe nur fingiert
Schnubbie 21.08.2014
Ansonsten ist dieser Mann als Lehrkraft weder trag- noch haltbar. Wenn man keinen Bock hat, oder den Anforderungen des Jobs nicht gewachsen ist, dann sollte man sich umorientieren. Stattdessen werden unsere Kinder durch den Fleischwolf gedreht und dürfen es ausbaden.
4. Den würd ich rausschmeißen
immerruhigbleiben 21.08.2014
Das grenzt an Arbeitsverweigerung. Der Lehrer hat klar den falschen Job. Wer einen 9to5-Job sucht und sich auch nicht mit Schülern auseinander setzen will, um ihnen etwas beizubringen, sollte was anderes machen. Vielleicht am Band oder so. Ich schätze mal, dass der Autor auch schon an seiner Frühpensionierung wegen Stresses arbeitet. Mir tun nur die Schüler leid!
5.
physics 21.08.2014
Wenn ich mir solche "Lehrergeständnisse" durchlese, bekomme ich Verständnis für dieses Lehrerbashing. Ich bin selbst Lehrer im Referendariat und kenne das Zeitdruckproblem, aber niemals würde ich unvorbereitet in eine Klasse gehen. 1. Würde die Stunde nicht wie ein gut geölter Motor laufen und 2. wäre ich beschämt, so eine Stunde abzuliefern. Gerade sie als verbeamtete Lehrerin darf die ausgearbeiteten Stunden der Schulbuchverlage verwenden - mir als Referendar würde man die Hölle heiß machen. Zudem weiß sie noch nicht einmal, was sie in der vorhergehenden Stunde gemacht haben - da stellt sich mir die Frage, ob sie ein Schultagebuch führt und sich selbst Notizen macht. Das ist zumindest in Baden-Württemberg Pflicht! Zudem ist ihr Verhalten gegenüber den Schülern mehr als unprofessionel: "Weil ich keinen Bock habe, eine zu basteln". Super Aussage. Die Schülerin hat ihr einen Elfmeterpass gegeben und sie versucht nicht einmal ins Tor zu schießen. Aber wenn man 38 Jahre alt ist und es noch nicht einmal geschafft hat, in den Sommerferien den Stundenplan für das kommende Jahr auszuarbeiten, ist das sehr schwach. Zum Glück sind nicht alle Lehrer so, sodass man sich auf die schwarzen Schafe berufen kann... Allen Lehramtsstudenten kann ich nur empfehlen, bereits während des Studiums den Bildungsplan durchzulesen und während des Studiums bereits die Stunden zu planen. Am Besten modular, um sich auf unvorhergesehene Veränderungen im Bildungsplan problemlos anzupassen. Dann bricht man nicht im Ref zusammen, hat den Kopf frei für die Schüler und kann sich auch ein bisschen schmunzeln, wenn die anderen Referendare ächzen :D
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