Mathiopoulos unter Plagiatsverdacht: Ehrenprofessorin im Titelkampf

Von Mathias Hamann

Trotz großzügiger Textübernahmen konnte sie ihren Doktortitel 1989 behalten: Margarita Mathiopoulos, zweifache Honorarprofessorin und Dozentin in Potsdam. Nun zeigt die Plattform Vroniplag neue mögliche Plagiatsstellen - und die Uni Bonn prüft ein zweites Mal. Für die schillernde FDP-Frau wird es eng.

Mathiopoulos: FDP-Frau unter Plagiatsverdacht Fotos
DPA

"Gedankenreich und durchaus eigenwillig" - so nennt der Doktorvater von Margarita Mathiopoulos im Vorwort ihre Dissertation. Das könnte stark untertrieben sein: Jetzt untersucht die Uni ihre Promotionsschrift - und das schon zum zweiten Mal. Bereits vor gut 20 Jahren waren arge Zweifel an der wissenschaftlichen Arbeitsweise von Mathiopoulos aufgekommen - jetzt gebe es eine "neue Sachlage", so der Dekan der Philosophischen Fakultät, Günther Schulz. Die Entscheidung des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät begründete er mit neuen Erkenntnissen aus den Recherchen der Web-Seite Vroniplag.

Die in Bonn promovierte Mathiopoulos war und ist im politischen Hauptstadtbetrieb eine schillernde Figur: Margarita Mathiopoulos ist Unternehmerin und Beraterin, Vertraute Guido Westerwelles und war 1987 fast einmal SPD-Sprecherin. Und sie ist Teilzeit-Dozentin an der Uni Potsdam, wo sie freitags Seminare hält und derzeit auch eine Doktorarbeit betreut.

Die Promotionsschrift von Mathiopoulos, eingereicht in Bonn 1986, steht nicht zum ersten Mal unter Beschuss: Schon 1989 wurde das Werk "Amerika: Das Experiment des Fortschritts. Ein Vergleich des politischen Denkens in den USA und Europa" kritisiert. Der heutige Professor für Auslandswissenschaften an der Universität Erlangen, Andreas Falke, kam damals zu einem klaren Fazit: Die Arbeit schwanke zwischen "pseudowissenschaftlich und dem Stil politischer Sonntagsreden". Das Buch sei eine "überambitionierte Collage", ein genaues Lesen "bestätigt den Eindruck der großzügigen Übernahme aus deutschen Lehrbüchern". Vier Quellen zählte Falke auf, deren Inhalte einfach übernommen worden seien. Die Note der Uni Bonn spiegelte dagegen keine Zweifel wider, Mathiopoulos erhielt ein "magna cum laude", die zweitbeste mögliche Bewertung.

Plagiatsverdacht - die Uni Bonn winkte ab

Auch der SPIEGEL zeigte 1989 in einem Artikel erstaunliche Übereinstimmungen der Dissertation mit anderen Werken. Zwei Jahre später veröffentlichte die Zeitschrift "Amerikastudien" eine 15 Seiten lange Gegenüberstellung von Texten, aus denen sich Mathiopoulos bedient hatte. Viele Hinweise, die der Universität Bonn aber nicht genügten: In einer Untersuchung wurde der Plagiatsverdacht verneint. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, warum man Mathiopoulos damals vom Haken gelassen habe, heißt es lakonisch: "Der Schluss war, dass der Titel nicht aberkannt wurde." Wer das damalige Gutachten verfasste, sagte der Sprecher nicht.

Mittlerweile hat auch die Plattform Vroniplag die Mathiopoulos-Arbeit ins Visier genommen. Auf über 130 Seiten besteht der Verdacht von Plagiaten - so meldet es die Web-Seite. Die Rechercheure verglichen ihre Funde mit den Funden von vor 20 Jahren. Damals seien 62 Plagiate bekannt gewesen, bei der neuen Untersuchung habe man bis Ende Juni über 300 weitere fragwürdige Passagen entdeckt.

Mathiopoulos will sich zu den neuen Fundstellen nicht persönlich äußern. Ihren Anwalt Jan Hegemann ließ sie vor der Entscheidung der Uni Bonn, ihre Arbeit noch einmal zu überprüfen, ausrichten: "Prof. Dr. Mathiopoulos hat in ihrer Dissertation keine Plagiate verwendet. Dies hat die Universität Bonn bereits vor 20 Jahren gutachterlich festgestellt." Zur erneuten Prüfung meldete Mathiopoulos' Anwalt am Dienstagnachmittag, seine Mandantin begrüße, dass die Uni Bonn noch einmal die Arbeit untersuchen wird. Sie sei sich sicher, dass die "erneute Überprüfung zu keinem anderen Ergebnis kommen wird als die Überprüfung der Dissertation im Jahre 1991". Damals habe der Promotionsausschuss der Uni Bonn Fehler gerügt, aber auch festgestellt, dass es sich dabei weder um gravierende methodische Mängel noch um eine Täuschung handele. Wesentlich sei, dass die Arbeit trotz "ihrer handwerklichen Mängel eine originelle These vertritt".

Schillernde Karriere

Mathiopoulos ist nicht zum ersten Mal in den Schlagzeilen: Im Jahr 1987 wollte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt die damals 30-Jährige als Parteisprecherin verpflichten, die Genossen rebellierten dagegen. Sie heiratete danach Friedbert Pflüger, der später bei der CDU Karriere machte und von dem sie mittlerweile wieder geschieden ist. 2002 trat sie in die FDP ein und avancierte zur Beraterin Guido Westerwelles.

Neben der Politik machte sie auch in der Wirtschaft Karriere: Als Banksprecherin bei der Norddeutschen Landesbank Hannover. Allerdings trennte sich das Institut 1997 von ihr wegen "unüberbrückbarer Differenzen". Mathiopoulos klagte auf Festanstellung und bekam eine hohe Abfindung. Danach beriet Mathiopoulos den Vorstandsvorsitzenden des Rüstungskonzerns BAE Systems.

Heute leitet sie zwei von ihr mitgegründete Beratungsfirmen und gilt, auch wegen ihres Kontakts zu Gaddafi-Sohn Saif al-Islam, als kompetent in Libyen-Fragen. Bei der Berliner Filmgala Cinema for Peace 2008 sorgte sie für Aufsehen, als sie den Gaddafi-Filius einlud, weil er sich für die Menschenrechte einsetze - genau der Saif al-Islam, der jüngst damit drohte, es würden "Flüsse voller Blut durch Libyen fließen", wenn das Volk die Proteste nicht einstelle, und der ebenfalls unter Plagiatsverdacht bei seiner Dissertation steht.

Die doppelte Honorarprofessorin

Die Universitäten Potsdam und Braunschweig führen Mathiopoulos jeweils als Honorarprofessorin, ein Ehrentitel, für den es eines kleinen Lehrdeputats, aber keiner Habilitation bedarf. In Potsdam gibt sie derzeit jeden Freitag ein Seminar über Neue Kriege. 1993 war Mathiopoulos erst Gastdozentin und später Honorarprofessorin an der Technischen Universität Braunschweig geworden. Die vertraute damals trotz des Plagiatsverdachts der Uni Bonn und drei externen Gutachtern.

Auch die Uni Potsdam zählte bei der Verleihung der Ehrenprofessur auf das Bonner Gutachten. Johann Hafner, Dekan der philosophischen Fakultät: "Auf dem Stand der heutigen Kenntnisse wird die Universität Bonn ihre Position vermutlich revidieren." Abschlussarbeiten begutachte Mathiopoulos in Potsdam nicht, so Hafner, sie betreue aber aktuell eine Promotion.

An die Uni Potsdam kam Mathiopoulos 2002 eigentlich, um ein neues Institut zu leiten. Das Potsdam Center for Transatlantic Security and Military Affairs sollte Analysen erstellen, unter anderem zur Kooperation zwischen Rüstungsindustrie und Regierungen. Ob es eine feste Finanzierungszusage des Verteidigungsministeriums gab, ist heute umstritten - Fakt ist: Das Institut wurde nie gegründet. Mathiopoulos allerdings wurde trotzdem Honorarprofessorin.

Als die FDP-Politikerin 1989 zum ersten Mal mit den Mängeln in ihrer Dissertation konfrontiert wurde, ließ sie über ihren Anwalt ausrichten: Es sei "legitim, sich an wissenschaftliche Kompendien und Standardwerke eng anzulehnen, sofern die Quellen offengelegt werden". Wo dies nicht geschehen sei, seien ihr "offensichtlich" bedauerliche "Flüchtigkeitsfehler" unterlaufen. Zwei Jahrzehnte lang reichte das der Universität Bonn als Entschuldigung aus. Doch angesichts der aktuellen Skandale um Plagiate wäre es erstaunlich, wenn die Uni weiter an ihrer verständnisvollen Position festhält.

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insgesamt 285 Beiträge
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1. Hoffentlich kommt es zu keinem Ärztemangel
tetaro 12.07.2011
wenn es jeden Tag weniger Doktoren gibt.
2. Das Internet hilft
Europa! 12.07.2011
Das Internet hilft, einen Sumpf trockenzulegen und wissenschaftliches Arbeiten wieder überprüfbar zu machen. Nicht schlecht. Ähnlich wie bei den DNA-Analysen: Da können die Täter auch nach Jahrzehnten noch überführt werden.
3. Griechen?
mbi 12.07.2011
Griechenland fälscht Statistiken, um in die Euro-Zone zu kommen. Dr. Chatzimarkakis und Dr. Mathiopoulos zitieren ohne quellangaben, um einen dr-titel zu erhalten. ein schelm, der böses über griechen denkt ;)
4. Schlimm
zeitzeuge10 12.07.2011
Die Dame ist wohl nur mit Protektion weitergekommen. Kein Mitleid
5. Zu diesem Titel kam es Dank Plagiate.
flexscan 12.07.2011
Zitat von Europa!Das Internet hilft, einen Sumpf trockenzulegen und wissenschaftliches Arbeiten wieder überprüfbar zu machen. Nicht schlecht. Ähnlich wie bei den DNA-Analysen: Da können die Täter auch nach Jahrzehnten noch überführt werden.
"schillernde FDP-Frau" Wann hat die denn (das letzte Mal) für die FDP geschillert!? Es wäre aber sinnvoller, wenn dies in Bereichen wie Forschung, Bildung und Wirtschaft geschehen würde.
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