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18. Januar 2011, 16:18 Uhr

Mediziner im ersten Job

Operieren am offenen Herzen

Von Robert Wortmann

Der Ärztemangel in Deutschland bringt Medizinabsolventen prächtige Job-Aussichten. Beatrice Retzlaff, 29, hat ihre Chance genutzt, arbeitet am Deutschen Herzzentrum und schwärmt von ihrer Arbeit. Doch Stress und Überstunden halten auch viele Ärzte von den Kliniken fern.

Seit fast vier Stunden blickt Beatrice Retzlaff, 29, konzentriert auf das kleine OP-Feld. Die junge Assistenzärztin am Deutschen Herzzentrum München muss gemeinsam mit einem Oberarzt bei einem Patienten eine undichte Herzklappe reparieren. Bislang läuft alles nach Plan.

Chefoperateur Bernhard Voss gibt das Zeichen, die Herzlungenmaschine abzuschalten, die während der vergangenen zwei Stunden den Körper mit Blut versorgt hat. Erst wenn das Herz selbständig schlägt, kann er beurteilen, ob die operierte Herzklappe richtig schließt. Doch der Blick auf das Ultraschallgerät verheißt nichts Gutes.

Auf dem Bildschirm ist eine dicke grüne Fahne zu erkennen. "Das ist die Menge Blut, die in die falsche Richtung strömt", erklärt Retzlaff. "Das heißt, die Herzkammer kontrahiert und die Klappe schließt nicht richtig, so dass das Blut wieder zurückfließt in den Vorhof." Die Mediziner stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Wenn sie einen neuen Versuch starten, bleibt ihnen nur noch gut eine Stunde.

Die Zukunft der Medizin ist weiblich

"Die so genannte Klemmzeit ist begrenzt, das heißt, man kann einen Patienten nur gut drei Stunden an die Herzlungenmaschine anschließen. Wenn wir es jetzt erneut versuchen, bleibt uns eine gute Stunde", sagt er. Länger könne man das dem Körper nicht zumuten. "Das heißt, eine Routine-Operation kann plötzlich so sehr kippen, dass man um das Leben des Patienten kämpft." Knapp 90 Minuten später haben sie es geschafft: die Herzklappe schließt perfekt, der Rest ist Routine.

Obwohl Beatrice Retzlaff erst seit knapp einem Jahr als Chirurgin am Deutschen Herzzentrum in der bayerischen Landeshauptstadt arbeitet, hat sie schon viele brenzlige Situationen im OP-Saal miterlebt. "Ich habe mich bewusst für diesen Bereich der Medizin entschieden, weil er mich in vielerlei Hinsicht fordert. Die Operationen sind meistens sehr anspruchsvoll, ich kann an einer Universitätsklinik auch wissenschaftlich arbeiten und ständig etwas Neues dazulernen."

Sie ist eine typische Vertreterin der jungen Ärztegeneration. Bis in die neunziger Jahre war der Arztberuf in Westdeutschland männlich dominiert. Doch seitdem holen die Frauen auf. Stellten sie 1991 erst ein Drittel der Ärzte, waren es 2008 nach Angaben der Bundesärztekammer immerhin gut 40 Prozent. Und dieser Trend wird sich beschleunigen: Heutzutage sind rund 60 Prozent der Medizinabsolventen Frauen; unter den Studienanfängern machen sie bereits 70 Prozent aus.

Die Zukunft der Medizin ist weiblich, und das hat Konsequenzen für die Branche. Denn gerade für Ärzte und Ärztinnen lassen sich Beruf und Familie nur schwer vereinbaren - weder in der eigenen Praxis noch im 24-Stunden-Betrieb eines Krankenhauses.

Vier von zehn Medizinstudenten ergreifen keinen Arztberuf

Hinzu kommt: Nach einer Studie der deutschen Krankenhausgesellschaft können derzeit rund 5.500 Arztstellen an Kliniken nicht besetzt werden, bis zum Jahr 2013 wird sich die Zahl auf 10.000 verdoppeln, so der Marburger Bund. Dann wäre nahezu jede 15. Stelle unbesetzt. Dabei ist an den Universitäten die Zahl der Studienplätze für Medizin sogar gestiegen: Im Wintersemester 2000/2001 gab es rund 7.800 Studienplätze, neun Jahre später waren es 8.500. Die Zahl der Bewerber verdoppelte sich in dieser Zeit und liegt aktuell bei rund 40.000.

Studienplätze sind also heiß begehrt- doch die Leidenschaft für den Beruf geht bei vielen Studenten verloren: Ausgebildete Ärzte kommen nicht in den Krankenhäusern an. Die Lücke entsteht zwischen Studium und Berufsstart. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung ergreifen vier von zehn Medizinstudenten keinen klassischen Arztberuf, sondern gehen in die Wirtschaft.

Ärztenotstand vermelden aber auch viele ländliche Gemeinden. Ob in Schleswig-Holstein, Sachsen oder Bayern - überall stehen auf dem Land Hausarztpraxen leer, weil der Mediziner-Nachwuchs lieber in der Stadt praktiziert - im Umfeld von Theater, Kino und vielen Privatpatienten. Nach einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern werden dem Land im Jahr 2015 rund 504 Landärzte fehlen.

Der Beruf hat sich radikal verändert. Kliniken und Ärzte stehen unter Kostendruck, die Arbeitsbelastung und familienfeindliche Schichtdienste steigen, Patientenkontakte werden immer kürzer und unpersönlicher. Der Arztberuf verliert an Romantik und nicht alle jungen Mediziner sind bereit, diesen Preis zu bezahlen.

Das bekommt auch Ludwig Sander, 66, zu spüren: Der Landarzt aus Mecklenburg-Vorpommern sucht für seine Praxis händeringend einen Nachfolger - bisher ohne Aussicht auf Erfolg.


Die Fernseh-Dokumentation "Immer mit Herzblut. Ärzte: niemals Feierabend " ist am Dienstag, 18. Januar, um 22.15 Uhr in der Reihe 37° im ZDF zu sehen.

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