Mediziner im ersten Job: Operieren am offenen Herzen

Von Robert Wortmann

Der Ärztemangel in Deutschland bringt Medizinabsolventen prächtige Job-Aussichten. Beatrice Retzlaff, 29, hat ihre Chance genutzt, arbeitet am Deutschen Herzzentrum und schwärmt von ihrer Arbeit. Doch Stress und Überstunden halten auch viele Ärzte von den Kliniken fern.

Seit fast vier Stunden blickt Beatrice Retzlaff, 29, konzentriert auf das kleine OP-Feld. Die junge Assistenzärztin am Deutschen Herzzentrum München muss gemeinsam mit einem Oberarzt bei einem Patienten eine undichte Herzklappe reparieren. Bislang läuft alles nach Plan.

Chefoperateur Bernhard Voss gibt das Zeichen, die Herzlungenmaschine abzuschalten, die während der vergangenen zwei Stunden den Körper mit Blut versorgt hat. Erst wenn das Herz selbständig schlägt, kann er beurteilen, ob die operierte Herzklappe richtig schließt. Doch der Blick auf das Ultraschallgerät verheißt nichts Gutes.

Auf dem Bildschirm ist eine dicke grüne Fahne zu erkennen. "Das ist die Menge Blut, die in die falsche Richtung strömt", erklärt Retzlaff. "Das heißt, die Herzkammer kontrahiert und die Klappe schließt nicht richtig, so dass das Blut wieder zurückfließt in den Vorhof." Die Mediziner stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Wenn sie einen neuen Versuch starten, bleibt ihnen nur noch gut eine Stunde.

Die Zukunft der Medizin ist weiblich

"Die so genannte Klemmzeit ist begrenzt, das heißt, man kann einen Patienten nur gut drei Stunden an die Herzlungenmaschine anschließen. Wenn wir es jetzt erneut versuchen, bleibt uns eine gute Stunde", sagt er. Länger könne man das dem Körper nicht zumuten. "Das heißt, eine Routine-Operation kann plötzlich so sehr kippen, dass man um das Leben des Patienten kämpft." Knapp 90 Minuten später haben sie es geschafft: die Herzklappe schließt perfekt, der Rest ist Routine.

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Berufsstart als Arzt: Der alltägliche Kampf ums Überleben
Obwohl Beatrice Retzlaff erst seit knapp einem Jahr als Chirurgin am Deutschen Herzzentrum in der bayerischen Landeshauptstadt arbeitet, hat sie schon viele brenzlige Situationen im OP-Saal miterlebt. "Ich habe mich bewusst für diesen Bereich der Medizin entschieden, weil er mich in vielerlei Hinsicht fordert. Die Operationen sind meistens sehr anspruchsvoll, ich kann an einer Universitätsklinik auch wissenschaftlich arbeiten und ständig etwas Neues dazulernen."

Sie ist eine typische Vertreterin der jungen Ärztegeneration. Bis in die neunziger Jahre war der Arztberuf in Westdeutschland männlich dominiert. Doch seitdem holen die Frauen auf. Stellten sie 1991 erst ein Drittel der Ärzte, waren es 2008 nach Angaben der Bundesärztekammer immerhin gut 40 Prozent. Und dieser Trend wird sich beschleunigen: Heutzutage sind rund 60 Prozent der Medizinabsolventen Frauen; unter den Studienanfängern machen sie bereits 70 Prozent aus.

Die Zukunft der Medizin ist weiblich, und das hat Konsequenzen für die Branche. Denn gerade für Ärzte und Ärztinnen lassen sich Beruf und Familie nur schwer vereinbaren - weder in der eigenen Praxis noch im 24-Stunden-Betrieb eines Krankenhauses.

Vier von zehn Medizinstudenten ergreifen keinen Arztberuf

Hinzu kommt: Nach einer Studie der deutschen Krankenhausgesellschaft können derzeit rund 5.500 Arztstellen an Kliniken nicht besetzt werden, bis zum Jahr 2013 wird sich die Zahl auf 10.000 verdoppeln, so der Marburger Bund. Dann wäre nahezu jede 15. Stelle unbesetzt. Dabei ist an den Universitäten die Zahl der Studienplätze für Medizin sogar gestiegen: Im Wintersemester 2000/2001 gab es rund 7.800 Studienplätze, neun Jahre später waren es 8.500. Die Zahl der Bewerber verdoppelte sich in dieser Zeit und liegt aktuell bei rund 40.000.

Studienplätze sind also heiß begehrt- doch die Leidenschaft für den Beruf geht bei vielen Studenten verloren: Ausgebildete Ärzte kommen nicht in den Krankenhäusern an. Die Lücke entsteht zwischen Studium und Berufsstart. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung ergreifen vier von zehn Medizinstudenten keinen klassischen Arztberuf, sondern gehen in die Wirtschaft.

Ärztenotstand vermelden aber auch viele ländliche Gemeinden. Ob in Schleswig-Holstein, Sachsen oder Bayern - überall stehen auf dem Land Hausarztpraxen leer, weil der Mediziner-Nachwuchs lieber in der Stadt praktiziert - im Umfeld von Theater, Kino und vielen Privatpatienten. Nach einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern werden dem Land im Jahr 2015 rund 504 Landärzte fehlen.

Der Beruf hat sich radikal verändert. Kliniken und Ärzte stehen unter Kostendruck, die Arbeitsbelastung und familienfeindliche Schichtdienste steigen, Patientenkontakte werden immer kürzer und unpersönlicher. Der Arztberuf verliert an Romantik und nicht alle jungen Mediziner sind bereit, diesen Preis zu bezahlen.

Das bekommt auch Ludwig Sander, 66, zu spüren: Der Landarzt aus Mecklenburg-Vorpommern sucht für seine Praxis händeringend einen Nachfolger - bisher ohne Aussicht auf Erfolg.


Die Fernseh-Dokumentation "Immer mit Herzblut. Ärzte: niemals Feierabend " ist am Dienstag, 18. Januar, um 22.15 Uhr in der Reihe 37° im ZDF zu sehen.

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1. "Stress und Überstunden"
Michael Giertz 18.01.2011
Zitat von sysopDer Ärztemangel in Deutschland bringt Medizinabsolventen prächtige Job-Aussichten. Beatrice Retzlaff, 29, hat ihre Chance genutzt, arbeitet am Deutschen Herzzentrum und schwärmt von ihrer Arbeit. Doch Stress und Überstunden halten auch viele Ärzte von den Kliniken fern. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,738842,00.html
Die Arbeit ist ungleich verteilt, wenn bei über 3 Millionen offiziellen Arbeitslosen andere Millionen Arbeiter Überstunden ansammeln und kaum die Gelegenheit haben, diese auch wieder abzubauen. Im Artikel geht es um eine Ärztin. Arzt werden kann nun nicht jeder, dazu sind nunmal ein gutes Abitur, der Wille zum Durchhalten im Studium, gewisse Nächstenliebe und sicher auch ein robuster Magen Voraussetzung. Trotzdem kann es ja so wenige Medizin-Absolventen nicht geben, wenn diese scharenweise das Land verlassen können! Warum ist das so? Wegen dem Stress oder wegen der Überstunden? Wohl kaum. Stress gehört zu fast jeder Art Arbeit. Überstunden wie schon erwähnt leider auch. Nein, da muss noch was anderes dahinterstecken ... und damit auch der Grund, wieso Überstunden überhaupt geschoben werden müssen! *Weil's zu wenige Ärzte gibt, die sich in Deutschland eine Zukunft vorstellen können.* Wer nämlich aus dem Studium sich jahrelang als "Assi" (Assistenzarzt) über Wasser halten darf, wer nicht grad ins nächstbeste Ärztehaus will sondern eine eigene Praxis betreiben will, wer dann auch noch getreu dem Hypokratischen Eid auch Kassenpatienten behandeln möchte, der braucht mehr als ein paar zehntausend Euro auf der hohen Kante. Er braucht vor allen Dingen eins: Nerven. Viel Nerven. In keinem Land der Welt ist es so schwer, den Absprung vom Studium zu einem finanziell sicher praktizierenden Arzt zu schaffen. Das liegt zum einen am unsozialen Krankenkassensystem, zum anderen am ebenso unsozialen Ausnutzen der Jungärzte durch Praktika und ähnliches. Da will man als Arzt halt weg, irgendwohin, wo man noch erwünscht ist und nicht schlechter gestellt ist, als ein halbinsolventes Handwerkerle ... Tja. Ist aber nur so eine Theorie. Hätten wir genug Ärzte, müssten die auch weniger Überstunden schieben ;) Und die Patienten, insbesondere die leidgeplagten Kassenpatienten, müssen kein halbes Jahr mehr auf einen Termin warten.
2. Ich verstehs nicht
nadir 18.01.2011
ne ganze Reihe meiner Kommilitonen sind zwar ins Ausland gegangen (Finnland, Schweiz, USA, Spanien), aber ich kenn keinen der nicht als Arzt arbeitet. Sag mir bitte mal jemand was man da so für Optionen hat, ich mach das seit 5 Jahren und mir langts. Hat mit Geld übrigens nur wenig bis nix zu tun.
3. hm, diese wagemutige Theorie!
europaerzuerst 18.01.2011
hallo wenn ich das lese «Studienplätze sind also heiß begehrt- doch die Leidenschaft für den Beruf geht bei vielen Studenten verloren: Ausgebildete Ärzte kommen nicht in den Krankenhäusern an. Die Lücke entsteht zwischen Studium und Berufsstart. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung ergreifen vier von zehn Medizinstudenten keinen klassischen Arztberuf, sondern gehen in die Wirtschaft.» frage ich mich, ob der Spiegel sich vor dem Schreiben informiert! wir waren gerade bei einem Abschluss eines Medizinerjahrgangs... kaum noch Männer (nur 20..30 ) enorm viele Ausländer (ich auch: ich bin Franzose! unser ‘Kind’ war dabei) als wenn die Deutschen GAR KEINE LUST MEHR für diese erst viel später einigermassen bezahlten Berufe hätten! salut
4. Ärztemangel wegen schlechter Arbeitsbedingungen
meerkatzeM 18.01.2011
Hoffentlich bewirkt der Ärztemangel, dass zukünftige Ärzte unter besseren Bedingungen arbeiten können. Am Geld liegt es wahrscheinlich weniger, obwohl es sicher Berufe gibt, in denen man schneller und mit weniger Aufwand ordentlich verdienen kann. Aber die Situation der Ärzte ist in gewisser Weise fast symptomatisch für die aktuelle Situation der Angestellten in Deutschland: Arbeitsplätze gibt es genug, oft wird sogar vom Fachkräftemangel geredet. Aber die Angestellten, die man hat, werden miserabel behandelt und ausgebeutet, bei gerade noch annehmbarem Lohn. Vermutlich ist der Fachkräftemangel noch nicht schlimm genug, damit die Arbeitgeber kapieren, dass nicht sie den Kandidaten im Vorstellungsgespräch auswählen, sondern auch umgekehrt. Und dass sie ordentlich was bieten müssen, um nicht am Ende ohne qualifiziertes Personal dazustehen. Ich kann jedenfalls gut verstehen, dass 4 von 10 Ärzten sich den Stress nicht antun wollen - nicht jeder sieht das als "Berufung", für die er sogar aufs Privatleben verzichten würde.
5. 2 Perversionen!
europaerzuerst 18.01.2011
Zitat von meerkatzeMHoffentlich bewirkt der Ärztemangel, dass zukünftige Ärzte unter besseren Bedingungen arbeiten können. Am Geld liegt es wahrscheinlich weniger, obwohl es sicher Berufe gibt, in denen man schneller und mit weniger Aufwand ordentlich verdienen kann. Aber die Situation der Ärzte ist in gewisser Weise fast symptomatisch für die aktuelle Situation der Angestellten in Deutschland: Arbeitsplätze gibt es genug, oft wird sogar vom Fachkräftemangel geredet. Aber die Angestellten, die man hat, werden miserabel behandelt und ausgebeutet, bei gerade noch annehmbarem Lohn. Vermutlich ist der Fachkräftemangel noch nicht schlimm genug, damit die Arbeitgeber kapieren, dass nicht sie den Kandidaten im Vorstellungsgespräch auswählen, sondern auch umgekehrt. Und dass sie ordentlich was bieten müssen, um nicht am Ende ohne qualifiziertes Personal dazustehen. Ich kann jedenfalls gut verstehen, dass 4 von 10 Ärzten sich den Stress nicht antun wollen - nicht jeder sieht das als "Berufung", für die er sogar aufs Privatleben verzichten würde.
hallo Was Sie argumentieren, Meerkatze, ist richtig, ist aber die Folge von 2 neuen Perversionen im deutschen Ausbildungssystem: PERVERSION 1: Numerus clausus! wird heute Arzt, nicht derjenige der sich dazu berufen fühlt, oder er muss Glück haben (Abi besser als, was ist es derzeit? 1,6 oder 1,7 haben), die anderen ‘Guten’, mit Abi 1,8, 1,9, 2.0, 2,1, 2,2 usw. bleiben auf der Strecke liegen, oder müssen TOTAL UNTERBEZAHLT etliche Jahre Wartezeit in Kauf nehmen (wir kennen viele solcher Jugendliche, zum Glück mit Eltern, die selbst Mediziner sind, und diese Wartezeit FINANZIEREN KÖNNEN; die Anderen, dagegen, aus weniger betuchten Haushalten, sind weg, warten nicht so lange, auch wenn sie die besten Mediziner abgegeben hätten) GIGANTISCHE PERVERSION, PERVERSION Nr. 2: Das total kostenfreie Dualstudium zieht die Besten aus den anderen Jugendlichen weg, und das ist selbstverständlich: - Du bezahlst praktische kein Studiumsgebühr - Du bist sofort nach dem Abi und nicht erst wenn Du 30 Jahre alt wirst, von Deinen Eltern finanziell unabhängig - Du hast (DIE SEHR BETRÜGERISCHE) Hoffnung auf einer Übernahme bei oft sehr bekannten potentiellen Arbeitgebern, die hinter Deinem Dual-Studium stehen, ob IBM oder Einzelhandelgiganten - Du hast sogar die Chance, anläßlich der Übernahmeverhandlung, den Korken etwas höher rutschen zu lassen, und mit dem Wechsel der Einzelhandelgigantenkette, eine deutliche Lohntarifbesserung zu bewirken, so mit 24..25 Jahren, wo der dämliche Medizinstudent nach wie vor alles seine Ausgaben mit den Eltern durchsprechen und mit den Behörden Kriegszustand ähnliche Verhandlungen wegen Bafög oder sozialgebundenem Wohnrecht, oder auch mit der Krankenkasse noch etliche Jahren wie ein Depp führen muss! glauben Sie wirklich, Meerkatze, dass diese Abhändigkeit bis 30 Jahren fast des Lebens, für intelligente Menschen anziehend ist. an sich muss man doch ein Art Computergehirn nur haben, aber keinen Grips haben, sich so was anzutun! mit 30 Jahren verspekulierte Jérôme Kerviel 5 Milliard Euro! so viel Macht (und Einkommen, wenn alles klappt!) hat ein Bankmann mit 30 Jahren !!! und der ‘vielleicht-schon-Assistenzarzt’ darf noch gar nicht und hat stets bis dahin fast nichts verdient! aber bezahlt, Studiengebühren, oder vielmehr seine Eltern, das Kindergeld geht drauf! salut
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