Mediziner-Mangel: Der Kampf um Talente

Die deutschen Krankenhäuser brauchen dringend Medizinernachwuchs. Doch junge, gut ausgebildete Ärzte sind ausgesprochen rar. "Wir haben einen War for Talent", sagt Peter Windeck, Headhunter bei der Personalberatung Kienbaum, im SPIEGEL ONLINE-Interview.

SPIEGEL ONLINE:

Sie sind selbst Mediziner und Chefheadhunter "Health Care" bei Kienbaum in Hannover. Noch Mitte der achtziger Jahre warnte man vor einer Ärzteschwemme, jetzt warnen Sie und andere vor einem Ärztemangel. Wie schlimm ist die Situation wirklich?

Headhunter Peter Windeck: "Dramatischer Mangel an jungen Ärzten"

Headhunter Peter Windeck: "Dramatischer Mangel an jungen Ärzten"

Peter Windeck: Der Ärztemangel ist dramatisch. Die Zahl der Medizinabsolventen ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Der Bedarf an jungen Ärzten steigt dagegen. Insgesamt bleiben in diesem Jahr rund 2000 dringend benötigte Stellen im ärztlichen Dienst vakant, weil es die Bewerber einfach nicht gibt. Alarmierend ist auch die Zahl der Facharztanerkennungen, die um ein Viertel zurückgegangen ist. Und: Im Jahr 2000 standen 9000 Studienabsolventen nur noch 7000 AIP-Phasen gegenüber. Der Ärztenachwuchs wird einfach immer weniger.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Windeck: Das ist schwer zu sagen. Bis in die neunziger Jahre hinein war es tatsächlich schwer, einen Job als Assistenzarzt zu bekommen. Damit hat sich offenbar auch das Bewusstsein bei den Medizinstudenten geändert. Viele haben sich neuen Berufsfeldern geöffnet und lehnen eine klassische Krankenhauslaufbahn ab. Hinzu kommt, dass der ärztliche Dienst im Krankenhaus mit anderen Branchen konkurriert. Ein Assistenzarzt - mit vergleichbarer Ausbildung - verdient heute weit weniger als ein Berufseinsteiger in der Wirtschaft. Außerdem herrschen in vielen Krankenhäusern nur mäßige Arbeitsbedingungen. Die Arbeitszeiten sind lang, es gibt starke Hierarchien und viel zu wenig Förderung und Weiterbildung. Das schreckt sehr viele ab.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist der Mangel an Ärzten am stärksten zu spüren?

War for Talent: Besonders Assistenzärzte werden gesucht
DPA

War for Talent: Besonders Assistenzärzte werden gesucht

Windeck: Es werden jetzt vor allem viele Assistenzärzte gesucht. Die Lage in den Ballungsräumen ist noch nicht ganz so schlimm. Aber in den ländlichen Gebieten ist die Situation dramatisch - besonders in den neuen Bundesländern. Auch bei den Oberärzten gibt es einen Mangel. So kommen auf jeden Bewerber vier bis fünf offene Stellen. Und schließlich haben wir bei den Chefärzten einen Generationswechsel zu verzeichnen. Also wird es auch da weitere Vakanzen geben. Das Problem: Wenn schon an der untersten Hierarchiestufe gute Mediziner fehlen, dann wird es später auch die Ober- und Chefärzte treffen. Und dann gehen uns irgendwann die Top-Leute aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Berufsbild des Arztes in den vergangenen Jahren verändert?

Windeck: Die Krankenhäuser wandeln sich vom regulierten Trägersystem zum sozialen Dienstleistungsunternehmen. Das heißt nicht, dass junge Ärzte gleichzeitig Kaufleute sein müssen. Aber sie sollen zumindest über betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse verfügen. Denn später als Ober- oder Chefarzt steht man oftmals vor Aufgaben, die denen von Managern in der Industrie sehr stark ähneln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Headhunter im Auftrag von Krankenhäusern unterwegs und suchen für Ihre Kunden unter anderem Assistenzärzte. Welche Probleme gibt es beim Recruitment von jungen Ärzten?

Windeck: Der Health Care Bereich ist momentan einer der wenigen Wirtschaftssektoren, auf dem in Deutschland ein "War for Talent" geführt wird. Die Zahl der qualifizierten Bewerber nimmt kontinuierlich ab, Arbeitsaufwand und Anforderungen steigen dagegen. Die Krankenhäuser stehen vor der ambivalenten Situation, dass sie trotz betriebswirtschaftlicher Zwänge und unattraktiven Rahmenbedingungen qualifizierte Fach- und Führungskräfte rekrutieren müssen. Das ist das Dilemma.

SPIEGEL ONLINE: Studenten und junge Ärzte schimpfen häufig über die Ausbildung zum Mediziner, das Studium sei praxisfern und realitätsfremd. Welche Reformen schlagen Sie vor?

Windeck: Das Medizinstudium ist zu verschult, zu sehr mit Wissen überfrachtet. Das Studium muss näher an die Praxis rücken - und damit auch die Studenten. Die Praxiszeiten müssen vorgezogen werden. Es kann nicht sein, dass die Studenten erst im praktischen Jahr, also nach dem Physikum, Kontakt mit Patienten haben. Das muss vorher geschehen.

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SPIEGEL ONLINE: Und was raten Sie Medizinstudenten?

Windeck: Drei Dinge - erstens: so viel Praxis wie möglich. Am besten schon von Beginn des Studiums an, zum Beispiel mit Praktika. Zweites: Medizinstudenten sollten heute auch immer über den Tellerrand hinaus schauen und sich auch andere Berufsfelder erschließen, etwa in der Pharma-Industrie. Und drittens: Jeder Medizinstudent sollte auch an seinen kaufmännischen Fähigkeiten arbeiten. Früher oder später wird er sie brauchen.

Das Interview führte Leon Stebe

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