Mediziner-Mangel: Der Kampf um Talente
Die deutschen Krankenhäuser brauchen dringend Medizinernachwuchs. Doch junge, gut ausgebildete Ärzte sind ausgesprochen rar. "Wir haben einen War for Talent", sagt Peter Windeck, Headhunter bei der Personalberatung Kienbaum, im SPIEGEL ONLINE-Interview.
Sie sind selbst Mediziner und Chefheadhunter "Health Care" bei Kienbaum in Hannover. Noch Mitte der achtziger Jahre warnte man vor einer Ärzteschwemme, jetzt warnen Sie und andere vor einem Ärztemangel. Wie schlimm ist die Situation wirklich?
Headhunter Peter Windeck: "Dramatischer Mangel an jungen Ärzten"
SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Windeck: Das ist schwer zu sagen. Bis in die neunziger Jahre hinein war es tatsächlich schwer, einen Job als Assistenzarzt zu bekommen. Damit hat sich offenbar auch das Bewusstsein bei den Medizinstudenten geändert. Viele haben sich neuen Berufsfeldern geöffnet und lehnen eine klassische Krankenhauslaufbahn ab. Hinzu kommt, dass der ärztliche Dienst im Krankenhaus mit anderen Branchen konkurriert. Ein Assistenzarzt - mit vergleichbarer Ausbildung - verdient heute weit weniger als ein Berufseinsteiger in der Wirtschaft. Außerdem herrschen in vielen Krankenhäusern nur mäßige Arbeitsbedingungen. Die Arbeitszeiten sind lang, es gibt starke Hierarchien und viel zu wenig Förderung und Weiterbildung. Das schreckt sehr viele ab.
SPIEGEL ONLINE: Wo ist der Mangel an Ärzten am stärksten zu spüren?
War for Talent: Besonders Assistenzärzte werden gesucht
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das Berufsbild des Arztes in den vergangenen Jahren verändert?
Windeck: Die Krankenhäuser wandeln sich vom regulierten Trägersystem zum sozialen Dienstleistungsunternehmen. Das heißt nicht, dass junge Ärzte gleichzeitig Kaufleute sein müssen. Aber sie sollen zumindest über betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse verfügen. Denn später als Ober- oder Chefarzt steht man oftmals vor Aufgaben, die denen von Managern in der Industrie sehr stark ähneln.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Headhunter im Auftrag von Krankenhäusern unterwegs und suchen für Ihre Kunden unter anderem Assistenzärzte. Welche Probleme gibt es beim Recruitment von jungen Ärzten?
- Junge Ärzte: Goldene Zeiten für Weißkittel (23.06.2002)
- ZVS: Sechs Bewerber pro Medizin-Platz (04.03.2003)
- Jungmediziner: Flucht aus der Klinik (26.04.2002)
- Wunderknabe: 12-Jähriger beginnt Medizinstudium (05.05.2003)
- Studienplatz per Klage: Die Gerichts-Mediziner (04.12.2002)
- Ärzteschwund: "Die Besten gehen nach Amerika" (04.04.2002)
- Krankenhäuser: Wie lange dürfen Ärzte arbeiten?
- Medizinstudenten: Dr. Theoreticus und das "Hammerexamen" (17.01.2002)
- Bittere Medizin: Weiter Weg zum Traumjob in Weiß
- Special: Berufe
SPIEGEL ONLINE: Studenten und junge Ärzte schimpfen häufig über die Ausbildung zum Mediziner, das Studium sei praxisfern und realitätsfremd. Welche Reformen schlagen Sie vor?
Windeck: Das Medizinstudium ist zu verschult, zu sehr mit Wissen überfrachtet. Das Studium muss näher an die Praxis rücken - und damit auch die Studenten. Die Praxiszeiten müssen vorgezogen werden. Es kann nicht sein, dass die Studenten erst im praktischen Jahr, also nach dem Physikum, Kontakt mit Patienten haben. Das muss vorher geschehen.
Medizinstudenten an Anatomiepuppe: Experten fordern mehr Praxisbezug
Windeck: Drei Dinge - erstens: so viel Praxis wie möglich. Am besten schon von Beginn des Studiums an, zum Beispiel mit Praktika. Zweites: Medizinstudenten sollten heute auch immer über den Tellerrand hinaus schauen und sich auch andere Berufsfelder erschließen, etwa in der Pharma-Industrie. Und drittens: Jeder Medizinstudent sollte auch an seinen kaufmännischen Fähigkeiten arbeiten. Früher oder später wird er sie brauchen.
Das Interview führte Leon Stebe
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Job & Beruf
- RSS
- alles zum Thema Berufe
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
MEHR AUS DEM RESSORT UNISPIEGEL
-
Wissenstest
Allgemeinbildung: Der große Check auf SPIEGEL ONLINE - wie gut sind Sie? -
Querweltein
Auslandsstudium: Hochschulen von exotisch bis arktisch - nichts wie weg -
Abbrecher
Prominente erzählen: Es gibt ein Leben ohne Uni-Abschluss -
Tools
Studienplätze, wohnen, Hausarbeiten, reisen: Alle UniSPIEGEL-Tools -
IQ-Test
Gehören Sie zur Grips-Elite? Superhirn-Suche auf SPIEGEL ONLINE


